Italienischer Automobilhersteller Alles auf Anfang bei Alfa

Alfa Romeo kämpft ums Überleben.

Die legendäre Marke Alfa Romeo erfindet sich neu - doch die Finanzdecke ist dünn, die Zeit drängt und die Kunden warten nicht ewig. Also geht es erst einmal ums nackte Überleben

Von Georg Kacher

Das Projekt trägt angeblich den Decknamen Giorgio, aber das wäre bloß Nebensache. Was die verunsicherten Freunde der Marke Alfa Romeo viel mehr interessieren dürfte, ist das große Rad, an dem Sergio Marchionne, Harald Vester und Masamichi Kogai gerade drehen. Der Mazda-Chef kümmert sich im fernen Hiroshima um den MX5-Nachfolger, der von 2015 an auch als technisch artverwandter Alfa Romeo Spider vom Band laufen wird. Leider zahlt der Nachfolger des legendären Duetto - ähnlich wie der 4C - vor allem in die Marke ein, und erst in zweiter Linie in die Firmenkasse. Dort ist Schmalhans Küchenmeister: mit Mito und Giulietta fahren die Italiener ein Notprogramm, das 2013 in Summe kaum die 75.000-Stück-Marke erreichen dürfte.

Besserung ist allenfalls mittelfristig in Sicht, denn was in Harald Westers Hexenküche heranreift, wird nicht vor Ende 2016 oder Anfang 2017 in Serie gehen. Unter noch mehr Zeitdruck steht der oberste Zampano, Sergio Marchionne. Der Capo von Chrysler-Fiat muss die Komplettübernahme des US-Herstellers vorantreiben - möglichst schnell und zu einem möglichst günstigen Tarif, denn die Fiat-Alfa-Lancia-Maserati-Maschinerie dürfte ohne regelmäßige Ölung aus USA kaum zu retten sein.

"Am liebsten wäre es mir, ich könnte für die nächsten zwei Jahre einen Zaun um Alfa ziehen und müsste keine Fragen zur Zukunft mehr beantworten." Diesen Wunsch, den Harald Wester zuletzt auf dem Genfer Salon äußerte, hat der Vorstand von Fiat Auto schneller als erwartet erfüllt. Der Zaun steht allerdings nicht in Turin, sondern in Modena, wo sich die Alfa Task Force in der verwaisten Motorsportabteilung von Maserati eingemietet hat. In dem unscheinbaren Quader sieht es derzeit ungefähr so aus wie in einer Versuchswerkstätte von BMW. Von Alfas keine Spur, dafür aber jede Menge Dreier, Fünfer und X-Modelle in verschiedenen Skelettierungsstadien. Die Lösung des Teile-Rätsels: Die Alfa-Zukunft entsteht nach BMW-Vorbild. Das heißt im Klartext: kein Frontantrieb mehr, keine Kleinwagen, kein Giulietta-Nachfolger aber auch kein großer SUV und keine Oberklasse-Limousine auf Maserati-Basis. Die Produktstrategen haben vielmehr die obere Mittelklasse im Visier, wo man schon mit 250.000 Autos pro Jahr gutes Geld verdienen will.

Die Alfa-Markenstrategen verzweifeln

Es ist eine kleine aber feine Truppe anerkannter Spezialisten, die Wester um sich versammelt hat, insgesamt etwa 100 Leute. Welche Rolle Chrysler und Dodge in diesem Szenario spielen? Momentan gar keine, denn Marchionne und Wester waren wenig beeindruckt von den amerikanischen Plattform-Vorschlägen zum Thema 300C/Charger-Nachfolger. Mit diesem Technik-Ansatz, so die einhellige Meinung, gewinnt man gegen BMW oder Mercedes keinen Blumentopf. Deshalb hat man im März die Alfa-Truppe mit der Entwicklung der neuen Fahrzeug-Architektur beauftragt. Damit war auch klar, dass eine künftige globale Matrix ein relativ breites Segment abdecken muss: von rund 4,50 bis über fünf Meter Außenlänge. Die konzeptionellen Eckdaten standen ebenfalls von Anfang an fest: Motor vorne längs, Antrieb über die Hinterräder oder per 4WD, Einzelradaufhängung rundum, gewichtsoptimierter Materialmix, Motorraum für Vierzylinder, V6 und V8.

Während sich die Ingenieure in die Arbeit stürzten, verzweifelten die Strategen beinahe an der Frage, wie Alfa die vierjährige Durststrecke bis zur Verfügbarkeit der neuen Produkte bewältigen soll. Der viertürige MiTo, der ursprünglich als gesetzt galt, wurde prompt wieder gestrichen, denn ein Kleinwagen passt nicht zur Neuausrichtung der Marke. Statt dessen will man sich kurzfristig auf die eben überarbeitete Giulietta konzentrieren, von der es 2014 einen Kombi und 2015 eine Stufenhecklimousine geben dürfte. Knapp zwei Jahre später sind geplant: Limousine der unteren Mittelklasse (Dreier-Format), Limousine obere Mittelklasse (Fünfer-Format), kompakter Crossover (etwas größer als X1), Mittelklasse-Crossover (etwas größer als X3). Der angedachte große Crossover im X5-Format ist inzwischen wieder vom Tisch.

Anders als BMW kann sich Alfa auch keine zusätzlichen, coupé-artigen Crossover-Spielarten im Stil von X2, X4 und X6 leisten. Sportwagon/Kombi-Ableger beider Pkw-Modelle passen zwar perfekt ins Portfolio, sind aber außerhalb Europas kaum abzusetzen und würden das ohnehin knappe Budget sprengen. Der mit Mazda in Angriff genommene Spider und der gemeinsam mit Dallara konzipierte 4C (Coupé und Spider) sind auf einem guten Weg, ein dritter - im Schulterschluss mit Maserati möglicher - Alfa-Sportwagen in der Preisklasse um 75.000 Euro ist bis auf weiteres kein Thema.

Die neue Fahrzeugarchitektur soll leicht und steif sein, ein hohes Maß an Variabilität ermöglichen, eine überdurchschnittliche Skalierbarkeit in Bezug auf Abmessungen und Inhalte aufweisen, mehrere Schwungnutzklassen und Raddurchmesser abdecken, unterschiedliche Werkstoffe miteinander kombinieren und in letzter Konsequenz selbst für Chrysler bezahlbar sein - schließlich kostet der günstigste 300C in den USA umgerechnet keine 22.000 Euro. In Prinzip geht es hier um zwei Varianten ein und derselben DNA, nämlich um einen Modulbausatz für Pkw und um ein möglichst wenig verändertes Hochboden-Derivat für die Crossover. Heckantrieb ist ein Muss, der meist optionale Allradantrieb hat zweite Priorität. Das klingt zumindest für BMW-Kenner sehr vertraut. Kein Wunder, folgt doch der künftige 35up-Baukasten - Dreier, Fünfer und größer - ganz ähnlichen Prämissen.

Ein Altmeister soll das Design verantworten

Bei den Getrieben wollen die Italiener dreigleisig fahren: ZF-Automatik mit acht, später neun Gängen in Kombination mit V8 und den starken V6, Doppelkupplungs-Getriebe mit sechs (später sieben) Gängen als Extra für alle Vierzylinder und manche V6, Sechsgang-Handschalter für alle Vierzylinder und einige V6. Obwohl Alfa sich ohne weiteres von Chrysler und Jeep einen günstigen Allradantrieb ausborgen könnte, setzt man dem Vernehmen nach auf eine kostengünstige Evolution der überlegenen Q4-Hardware aus Maserati Ghibli und Quattroporte. Alu-Fahrwerk und Spaceframe-Aufbau bleiben dagegen für die Autos mit dem Dreizack im Grill reserviert.

Für das Design der neuen Alfa-Familie ist Altmeister Lorenzo Ramaciotti zuständig. Dessen Team tut sich freilich unerwartet schwer mit der Formfindung, die klassische Stilelemente mit modernen Proportionen und unterschiedlichen Raumkonzepten vereinen soll. Auch die Differenzierung ist keine leichte Übung, denn einerseits sollen sich Giulia und Alfetta (Arbeitstitel) deutlich voneinander unterscheiden, andererseits muss das Alfa-Schema den kaum zehn Zentimeter längeren Ghibli zuverlässig ausblenden. Da tun sich die Crossover deutlich leichter. Der größere Grand Sport Cruiser (Arbeitstitel) ist viel kürzer als der für 2014 avisierte Maserati Levante, der Compact Sport Cruiser spielt ohnehin in einer kleineren Klasse.

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