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IT in der Autotechnik:"Ich will nicht in einer Industrie arbeiten, die zum Hardware-Lieferanten für IT-Firmen wird"

"Ich will nicht in einer Industrie arbeiten, die zum Hardware-Lieferanten für IT-Firmen wird", rüttelt BMW-Vorstandsmitglied Schwarzenbauer die Autobranche auf. Um der Bedrohung Paroli zu bieten, hat BMW einen eigenen Geschäftsbereich für digitale Innovationen gegründet. Seit einigen Monaten arbeiten 150 Mitarbeiter an der Freude am Fahren auf der Datenautobahn. "95 Prozent des digitalen Nutzererlebnisses findet außerhalb des Fahrzeugs statt, deshalb akzeptieren Kunden nicht mehr, wenn sich diese Erfahrung nicht im Auto fortsetzt oder sogar verstärkt", sagt Dieter May, Bereichsleiter Digitale Dienste und Geschäftsmodelle bei BMW. Viele Entwickler für dieses Start-up innerhalb des Unternehmens hat BMW in Shanghai und Chicago von Internetfirmen abgeworben. "Wir versuchen, die Head-Unit von fest programmierten Inhalten zu leeren, damit wir den Prozessor und Speicher mit Software-Updates neu bespielen können", so Dieter May.

Bisher gibt es für solche Software-Updates bei den meisten Herstellern noch gar kein Geschäftsmodell. Auch in der kommenden Mercedes E-Klasse (März 2016) und dem nächsten Audi A8 (Ende 2016) soll die schöne neue Datenwelt Einzug halten. Daimler hat vor vier Monaten Sajjad Khan von BMW abgeworben, der über langjährige Erfahrungen in der Entwicklung von Telematik-Systemen verfügt. Der neue Mercedes-Bereichsleiter "Digital Mobility and Vehicle" wird seine Ziele nächste Woche vor ausgewählten Medienvertretern vorstellen.

BMW hat mit dem ConnectedDrive Store schon vorgelegt: "Dort können Sie neue Dienste auch nach dem Autokauf dazubuchen. Dieser Store lebt mit dem Auto. Sie kaufen einmal die Hardware, aber die Funktionalität ändert sich über die Lebenszeit. Damit haben wir die Lücke zwischen der Automobilindustrie und der Consumer Electronic geschlossen", verkündet Elmar Frickenstein. Noch ist das Angebot in dem digitalen Auto-Supermarkt allerdings bescheiden. Erst auf der weltweit größten Messe für Consumer Electronic (CES) Anfang Januar 2016 will BMW die Grundzüge seines neuen Nutzererlebnisses vorstellen.

Ein Auto lässt sich künftig per Software laufend auf dem jeweils neuesten Stand halten

"Die Automobilindustrie steht auf dem Weg ins 21. Jahrhundert vor den größten Herausforderungen ihrer neueren Geschichte", weiß Frickenstein. Wohin die Reise geht, zeigt der neue BMW Siebener: "Gerade mal vier Jahre ist es her, dass wir gesagt haben: Wir brauchen Ethernet im Fahrzeug. Der Siebener hat 20 Steuergeräte, die über das standardisierte Datennetzwerk verbunden sind. Zudem verfügt er über acht Gigabyte Software-Flashspeicher, die für die Intelligenz des Fahrzeugs zur Verfügung stehen", so der Elektronikexperte auf dem Kongress für Automobilelektronik des Süddeutschen Verlages.

Die offene Elektronikarchitektur bildet das Rückgrat für ein neues digitales Kundenerlebnis, denn damit sind Software-Aktualisierungen weit über das Infotainment-System hinaus möglich. Tesla hat es mit dem Model S vorgemacht: Aktualisierungen des Betriebssystems per Luftschnittstelle erlauben eine schnelle Verbreitung von neuen Entwicklungsständen über die gesamte Fahrzeugflotte hinweg. Das Auto ist in seinen Möglichkeiten also nicht ein für allemal reglementiert, wenn es den Hof des Händlers verlässt. Allerdings haben die forschen Kalifornier viel Lehrgeld zahlen müssen, weil das Tesla Model S angreifbar durch Hacker wurde.

Deshalb gehen die deutschen Hersteller und Zulieferer bedächtiger vor: Einen sicherheitskritischen Systemabsturz oder Fahrfunktionen, die durch Dritte ferngesteuert werden, können sie sich nicht leisten. Schließlich geht es nicht nur um zusätzliche Infotainment-Dienste. Das große Ziel sind weitere Funktionen auf dem Weg zum automatisierten Fahren. Schrittweise soll der Fahrer lernen, seine Verantwortung am Steuer mit gutem Gefühl abzugeben. "Die Funktionalität ändert sich während der Lebenszeit, da wir große Datenmengen austauschen können. Damit kommt die Updatefähigkeit der IT-Industrie ins Fahrzeug", so Elmar Frickenstein, "das ist der Schlüssel zur Zukunft der Automobilindustrie."

© SZ vom 18.07.2015/mike
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