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Interview am Morgen:"Wenn wir nicht durchkommen, können wir auch nicht streuen"

Schnee im Allgäu

Der Streudienst ist in 12-Stunden-Schichten auf deutschen Autobahnen unterwegs.

(Foto: dpa)

Andreas Raedt räumt mit seinen Streufahrzeugen Autobahnen. Im "Interview am Morgen" erklärt er, wie seine Dienststelle auf Schneefall reagiert - und was Autofahrer besser machen können.

Kaum beginnt es zu schneien, stehen Autofahrer im Stau. Nichts geht voran. Andreas Raedt leitet die Abteilung Betrieb und Verkehr der Straßenniederlassung Krefeld. Seine Streufahrzeuge sind zum Teil rund um die Uhr auf den Autobahnen Nordrhein-Westfalens unterwegs. Trotzdem gibt es immer wieder verärgerte Bürger.

SZ: Herr Raedt, wie jedes Jahr schimpfen alle auf die Winterdienste, obwohl Sie und Ihre Mitarbeiter bis an die Belastungsgrenze gehen. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Andreas Raedt: Im Prinzip ist es so: Wir sind gut vorbereitet auf den Winter. Alle Salzlager sind voll: in ganz NRW 130 000 Tonnen verteilt auf 220 Salzhallen. Alleine in meinem Gebiet sind das bis zu 12 000 Tonnen Streusalz. Die Dienst- und Bereitschaftspläne sind aufgestellt, die Mannschaft steht. Die wird sogar notfalls verstärkt. Wir fangen mit den Vorbereitungen sehr zeitig an. Wenn alle Ostern feiern, denken wir an den nächsten Winter.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Aber warum haben viele Autofahrer dann den Eindruck, dass jedes Mal, wenn es schneit, der Verkehr zusammenbricht?

Wenn Schnee kommt, dann passiert oft etwas: ein liegengebliebener Lkw, ein Stau. Und das verhindert schlichtweg, dass unsere Winterdienstfahrzeuge durchkommen - was zu einem Teufelskreis führt: Wenn wir nicht durchkommen, können wir nicht streuen. Und wenn wir nicht streuen können, wird es noch weißer. Unsere Mitarbeiter wünschen sich dann immer, sie könnten sich an den Anfang eines Staus setzen. Wenn wir hinten stehen, können wir nur auf den Stau schauen, so wie andere auch.

Das heißt, die Autofahrer tragen eine Mitschuld am Verkehrschaos im Winter?

Sagen wir es mal so: Wir haben den Auftrag, die Straßen bei Eis und Schnee - so gut es geht - befahrbar zu halten. Und das machen wir mit vollem Einsatz. Allerdings müssen die Verkehrsteilnehmer mitmachen. Wer mit Sommerreifen, halb zugefrorenen Scheiben oder ohne ausreichenden Frostschutz losfährt, riskiert, dass er zum Verkehrshindernis wird. Dahinter bildet sich ein Stau - und die Winterdienstfahrzeuge stehen mitten drin. Wenn das passiert ist es wichtig, dass Autofahrer eine Gasse für Räumfahrzeuge bilden.

Spielen wir den Ernstfall doch einmal durch. Wenn Schneefall vorausgesagt wird: Was passiert dann bei Ihnen in Krefeld?

Wir haben eine Winterdienstzentrale. Da sitzen rund um die Uhr Menschen, die die Wetterentwicklung und die Temperaturen beobachten. Wir haben jede Menge Daten vom Deutschen Wetterdienst und unseren eigenen Glatteismeldeanlagen. Auf der Datenbasis entstehen Prognosen. Wenn sich ein Temperaturabfall abzeichnet, löst die Winterdienstzentrale den Ersteinsatz aus. Wir haben das Ziel, zeitig zu streuen, Taumittel zwischen Fahrbahn und Eis- oder Schneedecke zu bringen. Dann bleibt der Schnee "räumfähig", sonst würde er sich auf der Straße festfahren und wir brauchten deutlich mehr Tausalz.

Wie geht es dann weiter?

Wenn der Einsatz-Alarm in den Meistereien ankommt, dauert es circa eine halbe Stunde, bis wir den Winterdiensteinsatz fahren. Alles ist vorbereitet. Die Streu- und Räumfahrzeuge stehen abfahrbereit und gefüllt da, die Jungs wissen auch ganz genau, wo jeder hin muss, in welchem Abschnitt er streut und in welcher Reihenfolge, das ist alles genau geplant und festgelegt. Die Einsätze vor Ort dirigieren die Meistereien selbst.

Wie viele Leute stehen für den Winterdienst bereit?

Wenn wir unter Volllast fahren, sind in jeder Meisterei sechs bis acht Fahrzeuge unterwegs. Die decken ein Streckennetz von 80 Kilometern ab. Zu meinem Gebiet in Krefeld gehören elf Meistereien, das sind dann bis zu 100 Leute. Die sind - wenn es erforderlich ist - rund um die Uhr in zwei Zwölf-Stunden-Schichten im Einsatz. Zwischendurch müssen die Fahrzeuge neu beladen werden. Wir streuen Feuchtsalz, also müssen immer Salz und Sole aufgefüllt werden. Die Schichten sind lang und hart, nur beim Beladen ist mal Zeit für einen heißen Kaffee. Bei der Räum- und Streufahrt ist volle Konzentration gefordert. Die überbreiten Fahrzeuge durch Eis- und Schnee zu steuern, den Streucomputer im Blick, das ist schon die Formel 1 beim Lkw-fahren.

Wer zu diesem Zeitpunkt schon im Auto unterwegs ist, kann aber natürlich nicht auf den Winterdienst warten. Haben Sie als Profi Tipps, was Autofahrer beachten sollten, wenn sich die Wetterlage plötzlich verschlechtert?

Das Auto muss vernünftig vorbereitet sein. Eine warme Decke, vielleicht etwas zu trinken kann nicht schaden. Wichtig ist aber das Verhalten im Verkehrsraum. Wenn ich auf einer Schneedecke fahre, muss ich anders fahren, vorsichtiger und umsichtiger als bei normaler Witterung. Sonst nützt der beste Räumdienst nichts.

Gab es schon Situationen, wo Sie und Ihr Team dachten: Jetzt kann es nicht mehr schlimmer werden?

Der schlimmste Winter war der von 2009 auf 2010. Lang anhaltende Schneefälle, die Mitte Dezember einsetzten und bis zum Jahresende anhielten, haben uns an unsere Grenzen gebracht. Der Salzverbrauch war in diesem Winter so hoch, dass unsere Bestände stark zusammenschrumpften. In Deutschland und im europäischen Ausland waren keine nennenswerten zusätzlichen Salzmengen zu bekommen. Daher wurde vorsichtshalber Salz in Peru geordert und per Schiff nach Europa gebracht. Letztendlich hat Petrus ein Einsehen gehabt. Die Schneefälle ließen nach und wir konnten trotzdem jeden Tag auf den Autobahnen streuen.

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