Infrastruktur für Elektroautos Fehlender Überblick, uneinheitliche Zugänge, lange Ladezeiten, Chaos bei Bezahlmodellen und Preisen

Fehlender Überblick, uneinheitliche Zugänge, lange Ladezeiten und Chaos bei Bezahlmodellen und Preisen - "das gesamte Thema Elektromobilität ist nicht vom Kunden her gedacht", kritisiert Gero Lücking, Geschäftsführer von Lichtblick. Ähnlich lautet das Fazit von Kurt Sigl, dem Präsidenten des Bundesverbands Elektromobilität. Er sieht Versäumnisse im bisherigen Verhalten von Politik und Wirtschaft. Den Energieversorgern wirft er Investitionsscheu vor. Viele Unternehmen seien derzeit nicht bereit, die Ladeinfrastruktur auszubauen, da der Stromvertrieb über Ladesäulen erst rentabel wird, wenn die Auslastung höher ist. Solche langen Investitionsphasen seien beim Aufbau eines neuen Geschäftsmodells aber völlig normal, sagt Sigl. Der Politik kreidet er an, dass es noch immer an wichtigen gesetzlichen Regelungen fehle, zum Beispiel um Mietern und Miteigentümern das Anschaffen einer Ladestation für zu Hause zu erleichtern.

Insgesamt sei die Arbeit in der Nationalen Plattform Elektromobilität, dem zuständigen Beratungsgremium der Bundesregierung, nicht schnell genug vorangekommen. "Viele haben hier gar nicht an das Thema geglaubt oder hatten kein Interesse am Ausbau der Ladeinfrastruktur." Doch trotz all dieser Schwierigkeiten ist Sigl optimistisch. Er erinnert an die Liberalisierung des Mobilfunkmarktes vor einigen Jahren. "Auch damals gab es am Anfang Marktkämpfe und Preisdiskrepanzen." Doch mit der Zeit hätten sich die kundenfreundlichsten Angebote durchgesetzt.

Und in der Tat kommt Bewegung in das Thema. Ende August wurde ein Diskussionsentwurf aus dem Bundesjustizministerium bekannt, wonach das Einrichten einer eigenen Ladesäule für Mieter und Miteigentümer in Wohnblocks leichter werden soll - mehr als zwei Jahre nachdem der Bundesrat bereits auf solche Änderungen drängte.

Aus der Wirtschaft kommen ebenfalls Versprechungen: EnBW möchte bis 2020 im gesamten Bundesgebiet etwa 1000 Ladestandorte mit mindestens 50 kW Ladeleistung betreiben. Die großen deutschen Automobilkonzerne haben gemeinsam mit Ford das Joint Venture Inoity gegründet, das an den wichtigsten Fernstraßen Europas ein Ladenetz mit Säulen bis 350 kW Ladeleistung plant. Nach Unternehmensangaben sinkt die Standzeit dadurch auf zehn bis 30 Minuten.

Schließlich lässt auch die Fragmentierung des Marktes nach: Auf sogenannten Roaming-Plattformen vernetzen sich Ladesäulenbetreiber, um Kunden einen einheitlichen Zugang zu ihren Ladesäulen zu bieten. Die Elektromobilität in Deutschland findet also langsam neuen Antrieb.

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