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Infotainment:Augen geradeaus!

Der Trend zu immer größeren Mattscheiben im Auto ist wohl kaum zu stoppen. Bei der Bedienung von relevanten Fahrzeugfunktionen erhöhen Touchscreens mit vielen Menüebenen und aufwändigen Grafiken jedoch das Unfallrisiko.

Von Joachim Becker

Es ist wie in jeder modernen Beziehung: Mensch und Maschine sind ziemlich beste Freunde - jedenfalls ohne trennende Mattscheibe. Das hat auch ein Tesla-Fahrer lernen müssen. Beim Versuch, das Scheibenwischer-Intervall zu justieren, kam er im vergangenen Jahr von der Straße ab. Neben der Geldbuße von 200 Euro bestätigte das Oberlandesgericht Karlsruhe nun das Fahrverbot von einem Monat, weil er ein elektronisches Gerät regelwidrig benutzt habe: Der fest verbaute Touchscreen fällt unter den sogenannten Handy-Paragraphen. Die Straßenverkehrsordnung (STVO § 23) erlaubt die Nutzung eines elektronischen Geräts, wenn "zur Bedienung nur eine kurze, den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen angepasste Blickabwendung vom Verkehrsgeschehen erfolgt." Bei der Suche nach dem passenden Scheibenwischer-Intervall im Untermenü war das anders. Der Scheibenwischer hängt eng mit der Fahraufgabe und der Verkehrssicherheit zusammen. Deshalb weist das Karlsruher Urteil über den Einzelfall hinaus. Laut ADAC wurde erstmals die Bedienung einer Fahrzeugfunktion als Verstoß gewertet. Damit steht die Bedienlogik der Touch-Bildschirme insgesamt auf dem Prüfstand. Tesla hat sich nie viel um die Fahrer-Ergonomie gekümmert, Selbstverpflichtungen der Autohersteller zur Dauer der Blickabwendung haben die Kalifornier ignoriert. Stattdessen übertrugen sie frühzeitig die Touch-Logik von Kleincomputern konsequent auf das Auto. Auch Mercedes, eine Marke mit traditionell hohen Sicherheitsstandards, hat sich dieser Digital-Mode angeschlossen. Bereits bei der ersten Präsentation der neuen S-Klasse feiern die Stuttgarter, dass die Zahl klassischer Bedienelemente stark reduziert wurde: "27 weniger mechanische Schalter als beim Vorgänger" lautet die frohe Botschaft. Der Trend zu immer größeren Displays für das hoch auflösende Pixel-Kino ist scheinbar nicht aufzuhalten. Zumal beim Autokauf integrierte Navigationsdienste, Fahrassistenzsysteme oder digitale Dienste inzwischen wichtiger sind als Motorleistung oder die Marke. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Digitalverbands Bitkom im vergangenen Jahr unter Autokäufern in Deutschland. Ausschlaggebend für die Verkehrssicherheit ist aber nicht unbedingt die Zahl der Assistenten, sondern auch die Ablenkung des Fahrers. Es geht um Fingerspitzen, die über Glasflächen irren, um die richtige Einstellung für unzählige Funktionen zu finden. Ganze Heerscharen von Hebeln und Schaltern würden nicht ausreichen, um all die Komfort- und Unterhaltungsangebote in modernen Autos zu bedienen. Jedenfalls nicht im Sinne von: ein Knopf für eine Funktion.

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Der Zentralbildschirm in der neuen Mercedes S-Klasse:Je verführerischer die hoch auflösenden Grafiken werden, desto langweiliger wirkt das graue Asphaltband hinter der Windschutzscheibe.

(Foto: Daimler AG)

Der gute alte Lenkstockhebel hat den Vorteil, dass man ihn nach ein wenig Eingewöhnung "blind" ertasten und bedienen kann. Bei einem Touch-Display folgen die Augen dagegen den Fingern in die Tiefen des Instrumentkombis. Deshalb arbeiten Sicherheitsforscher (auch bei Mercedes) seit Jahrzehnten an der Trennung von Bedienung und Anzeige. Ein schönes Beispiel dafür ist der Dreh-Drücksteller in der Mittelkonsole. Auch er lässt sich nach einiger Zeit intuitiv bedienen. Dann liefert er präzise Ergebnisse, selbst wenn das Fahrzeug über schlechte Straßen holpert. Doch dieser Fortschritt aus der Zeit der Jahrtausendwende ist bei vielen Marken schon wieder aus der Mode, nur BMW hält noch aus Überzeugung daran fest. Doch was interessiert das die Generation Smartphone besonders in China, die Knöpfe, Hebel und Schalter als altmodisch empfindet?

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

Doch immer neue Studien zeigen, dass die Bedienlogik von Smartphones mit Touch-Displays und vielen Apps in Autos zu stark verzögerten Reaktionszeiten führen. Eine englische Verbraucher-Organisation kam jüngst zu dem drastischen Schluss, dass Android Auto und Apple Car Play beim Autofahren mehr ablenken als Alkohol und andere Drogen. Je verführerischer die Bildschirminhalte mit bunten, hoch auflösenden Grafiken und 3-D-Animationen werden, desto langweiliger wirkt das graue Asphaltband hinter der Windschutzscheibe: Larger than life - die Realität kann mit den virtuellen Welten kaum mithalten.

Helfen kann da zunächst nur harter Entzug: Die vielen netten Interaktionsangebote, die den Spieltrieb des Fahrers befriedigen, müssen je nach Fahrsituation eingeschränkt werden. Augenbewegungen lassen sich durch Innenraumkameras verfolgen, die bei Ablenkung Alarm schlagen. Ansonsten helfen nur bessere Sprachassistenten - oder der Kauf eines Oldtimers.

© SZ vom 14.08.2020
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