bedeckt München 32°

Ihre Frage:Warum darf man in Deutschland fast grenzenlos rasen?

Deutschland ist die einzige europäische Nation, in der kein generelles Tempolimit auf Autobahnen gilt. Ist es damit ein Land der Raser und besonders unsicher? Eine Leserfrage, beantwortet von der SZ-Redaktion.

Ihre Frage

Während der Diskussion um die Pkw-Maut kam unter den Lesern auch das Thema "Tempolimit auf deutschen Autobahnen" auf.

Warum darf man in Deutschland fast grenzenlos rasen?

Unsere Antwort

Von Thomas Harloff, Mitarbeiter im Auto-Ressort von Süddeutsche.de

Es stimmt, dass auf deutschen Autobahnen kein generelles Tempolimit gilt. Deutschland und die Isle of Man, wo die meisten Straßen unbeschränkt sind, verzichten als letzte Orte in Europa darauf. Gleiches gilt für einige Staaten in Afrika und vor allem Asien, darunter Afghanistan, Burundi, Nepal, Nordkorea und Somalia. Allerdings ist in den meisten dieser Länder die Infrastruktur unzureichend ausgebaut. Wo befestigte Straßen existieren, ist deren Zustand oft so schlecht, dass hohe Geschwindigkeiten ohnehin nicht möglich sind.

Allerdings existiert hierzulande eine Empfehlung - die Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde. Tatsächlich liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen nur geringfügig höher. Zum einen, weil nur die wenigsten Autofahrer schneller als 130 km/h fahren, zum anderen, weil dennoch weite Teile der Autobahnen tempolimitiert sind. Auf etwa einem Drittel gelten dauerhafte Höchstgeschwindigkeiten, zum Beispiel an besonders gefährlichen und unübersichtlichen Stellen. Hinzu kommen zehn bis 15 mit zeitweise beschränkten Abschnitten, etwa durch Baustellen, bei Regen oder Nebel. De facto herrscht also auf 40 bis 45 Prozent aller deutschen Autobahnkilometer ein Tempolimit.

Dass Deutschland Europas letzte Bastion gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ist, hat natürlich in erster Linie mit der starken Autolobby zu tun. Der ADAC als Autofahrerclub, in dem etwa 19 Millionen Mitglieder organisiert sind, und der Verband der Automobilindustrie VDA, die Interessenvertretung der deutschen Automobilhersteller, kämpfen weiterhin vehement gegen dessen Einführung. Beide Institutionen stehen sich sehr nahe und gerade die deutschen Hersteller, in deren Modellpaletten sich zahlreiche PS-starke und entsprechend schnelle Fahrzeuge befinden, sind daran interessiert, damit die vermeintliche Daseinsberechtigung ihrer Autos zu sichern.

Verschiedene Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bundesbürger für ein generelles Tempolimit votiert. Die Befürworter führen immer wieder Sicherheits-, Natur- und Lärmschutzgründe für ihre Forderungen an. Laut Umweltbundesamt könnte ein Tempolimit von 120 km/h den CO2-Ausstoß um neun Prozent verringern. Doch profitiert auch die Sicherheit? Es ist fast unmöglich, aktuelle Zahlen hierzu zu finden. Die letzte detaillierte Auswertung des Statistischen Bundesamtes stammt von 2006. Demnach sind 42 Prozent der tödlichen Unfälle auf Autobahnen sogenannte "Geschwindigkeitsunfälle", und 70 Prozent aller tödlichen Unfälle ereignen sich auf Abschnitten ohne Geschwindigkeitsbeschränkung.

Einige Unfallstatistiken sprechen aber gegen ein generelles Tempolimit. So kommen nur zwölf Prozent aller Verkehrsopfer auf Autobahnen ums Leben, obwohl dort etwa ein Drittel des gesamtdeutschen Verkehrsaufkommens rollt. 60 Prozent aller tödlichen Unfälle passieren auf Landstraßen. Diese bewältigen 40 Prozent des Verkehrsaufkommens und dort sind höchstens 100 km/h erlaubt. In Österreich und den USA, wo jeweils strenge Geschwindigkeitsbeschränkungen herrschen, geht es auf Autobahnen unsicherer zu als hierzulande. In Italien und Österreich gab es deshalb Überlegungen, das Tempolimit aufzuweichen. In Österreich haben sogar schon Testphasen mit Autobahnabschnitten, auf denen 160 km/h erlaubt waren, stattgefunden. Bislang hat sich unser Nachbarland aber nicht dazu durchringen können, das Tempolimit anzuheben.

Auch wenn es also kein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen gibt - grenzenlos rasen kann man auf ihnen nicht. Sollte man auch nicht, allein der Sicherheit wegen.

Wie lautet Ihre Frage?

Sie fragen, wir antworten. In "Ihre Frage" erklären SZ-Mitarbeiter Dinge, die Leser wissen wollen. Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie uns an debatte@sz.de, Betreff: Meine Frage - wir suchen die besten Einsendungen aus und melden uns dann bei Ihnen. Alle Fragen und Antworten finden Sie hier.