Süddeutsche Zeitung

IAA-Bilanz:Der Lack ist ab

Noch nie gab es bei einer Automesse so viel Gegenwind für die Hersteller wie auf der IAA. Das schlug sich auch in den Besucherzahlen nieder.

Man konnte es als schlechtes Omen sehen, als am ersten Pressetag Teile des BMW-Messestands auf der Frankfurter Automobilausstellung von der Decke bröselten. Tatsächlich zeigen nach zwei Wochen IAA nicht nur die rückläufigen Besucherzahlen, dass das Konzept der Messe renovierungsbedürftig ist. Denn soviel direkten Gegenwind gab es noch nie für die Hersteller wie bei dieser Autoschau.

Draußen demonstrierten Zehntausende gegen immer mehr und immer größere Autos. Viele BMW-Mitarbeiter waren verschreckt, als während des Besuchs der Kanzlerin an ihrem Stand die Autos zur Bühne des Protests gemacht wurden. Sprachlos standen sie da, als junge Frauen mit "Klimakiller"-Schildern auf SUVs kletterten. Volkswagen-Chef Herbert Diess ist da ein bisschen schmerzfreier: So eine Messe ist ein Marktplatz, sagt er auch noch, nachdem Greenpeace-Aktivisten auf seinem Stand zugange waren. Er mag Widerstand, traf sich gleich zu Beginn der Messe mit einer Klima-Aktivistin, die sich Tina Velo nennt und die Autobranche "hochgradig kriminell". Es findet sich kaum ein Automann, der das gut geheißen hat.

Derweil versucht der oberste Autolobbyist Bernhard Mattes, Zweckoptimismus zu verbreiten. "Eine Abstimmung der Menschen für das Automobil" will der scheidende VDA-Präsident am Protestwochenende erkannt haben. Die Wahrheit ist aber: 2019 kamen deutlich weniger Menschen zur IAA als vor zwei Jahren. Am Sonntag sprachen die Veranstalter in einer ersten Bilanz von "mehr als 560 000 Besuchern" - 2017 waren es noch 810 000.

Dieser Rückgang hatte sich angedeutet, und er betrifft nicht nur die IAA. Auch zum Genfer Autosalon kommen immer weniger Menschen und Aussteller, obwohl dort im März kein einziger Demonstrant vor den Messehallen stand. Viele Hersteller, so sie denn überhaupt noch in Frankfurt vertreten waren, hatten ihr Engagement deutlich heruntergefahren. BMW hatte einst eine kleine Rennstrecke in einem Messegebäude gebaut, davon wird heute nicht mehr Gebrauch gemacht: Eine Etage muss reichen. Die Bedeutung von Automessen hat sich verschoben, in Detroit ist der Münchner Autobauer gar nicht mehr präsent, in Indien dagegen mehr als früher.

Und in Deutschland? "Es gibt keine Bestandsgarantie", sagt BMW-Finanzvorstand Nicolas Peter. Das Preis-Leistungsverhältnis müsse stimmen, auf der Messe, aber auch in der Stadt. Die Hotels etwa seien doch ein wenig teuer mittlerweile, sagt der Mann, der bei BMW das Geld zusammenhalten muss. Und es sei irgendwie eine zunehmend überholte Idee, nur etliche Autos irgendwo hinzustellen. Er stellt sich vor: mehr Technologie zeigen.

In diese Richtung soll sich die IAA auch nach Wunsch des Automobilverbands entwickeln. Ob das weiterhin in Frankfurt sein wird oder an wechselnden Ausstellungsorten, wird in den nächsten Monaten diskutiert. Tatsächlich gab es aber auch schon in diesem Jahr autonome Shuttles, E-Scooter und zahlreiche Diskussionsformate. Allein beim Gang über die Messe zeigte sich: Die Besucher standen vor allem am SUV-Offroad-Parcours und vor den wahnwitzigsten PS-Monstern Schlange.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4611123
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 23.09.2019/cku
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.