bedeckt München 24°

IAA 2011:Mein Ego und sein Auto

Wie gerade auf der IAA zu sehen ist, triumphiert in der Automobilbranche das Kleine, Kompakte, Reduzierte, Sparsame. Das ist natürlich ganz toll und überhaupt sehr richtig. Nur leider ist es auch ein bisschen grauenhaft. Eine Polemik.

Wenn ich ein normales Auto fahren will, das diese Bezeichnung verdient, fahre ich zu meinem Schwager. Der hat ein ummauertes Waldgrundstück und etliche Garagen darauf stehen. Dort bastelt er an antiken Porschemodellen herum, die er vor der Schrottpresse gerettet hat. Hier steht auch mein richtiges Auto, ein Spritschlucker. Ich traue mich nicht, es vor unser Haus zu stellen. Ich wäre in den Augen der Nachbarn ein Wüstling und Klimakiller, dem die Zulassung entzogen gehört.

E-Mily

Auf die derzeit in Frankfurt stattfindende Internationale Automobilausstellung (IAA) strömen die Besucher. Die Neuheiten, die sie hier bestaunen können, sind meist verbrauchsarme, schadstoffreduzierte Kleinwagen oder futuristische Elektroautos, deren Serienreife noch dahinsteht. Allesamt Vehikel des schlechten Gewissens, denen gleichwohl vertrauter  Fahrspaß nachgerühmt wird.

(Foto: Pressinform)

Unsere Nachbarn fahren mit dem Fahrrad ins Zentrum. Einige haben ihre Autos den Sommer über sogar abgemeldet. Die Kinder werden mit Schultransportern abgeholt. Seit der Carport, die Sommerlaube für Autos, in Mode gekommen ist, kann man in unserem Vorstadtviertel, einem Neubaugebiet mit eng beieinanderstehenden Einfamilienhäusern, die Spielstraßen säumen, Studien über die dort wohnenden Autobesitzer treiben.

An Samstagen stehen die Autos vor der Garage oder dem Carport und die Fahrräder sind aufs Wagendach geschraubt. Die meisten Fahrzeuge sind neu, abgefeimte Vehikel mit Schlitzaugen ohne Würde und mit Rückfenstern in der Form von Badewannen. Lackiert sind sie in den aktuellen Modefarben, die an Ausscheidungen von Hunden erinnern. Einige sind hochrädrig zum bequemen Einstieg für Gelenkgeschädigte. Es gibt auch Kleinstcoupés, die ausschauen, als seien sie in einer Fabrik in Entenhausen entwickelt worden.

Nach ihren Autos zu schätzen, sind unsere Nachbarn vor allem kantenlose Charaktere. Sie spekulieren nicht mit hochriskanten Papieren an der Börse. Sie sind leitende Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst, gehen nicht bei Rot über die Straße, sind Nichtraucher und nicht auf Seitensprünge aus. Sie leben mäßig, joggen und fahren im Herbst mit dem Autozug nach Meran. Das Abenteuerlichste, was sie sich vorstellen können, ist ein Familienurlaub in einem Freizeitpark.

Das Nürnberger Marktforschungsunternehmen "plus" hat nach Befragung von etwa tausend Bundesbürgern herausgefunden, dass Mercedesfahrer als spießige und humorlose Opas, VW-Fahrer als fröhlich, Porsche-, BMW- und Geländewagenfahrer als rücksichtslose Draufgänger und Klimasäue, Mini-, Audi- und Lexusfahrer als flexibel und gut aussehend und Ford-, Dacia- und Citroënfahrer als piefig gelten. Als ganz und gar unspießig werden Smartfahrer eingeschätzt.

Was wäre passender? In einem grauen Smart oder einem pinkfarbenen offenen Cadillac El Dorado von 1959 am Berliner Adlon vorzufahren? Der Portier würde möglicherweise den Fahrer eines Audis A6 als den unproblematischeren Gast einschätzen.

Egal welches Modell auf der diesjährigen IAA in Frankfurt der Publikumsrenner sein wird, das Auto des Jahres ist ein klappriger Gemüsetransporter aus den Achtzigern, aus dessen Führerhaus, den weißen Regenschirm aufspannend, Muammar al-Gaddafi herausschaute und in die Videokamera Sätze murmelte, als seien sie von Helge Schneider erfunden.

Land Rover Defender

Abenteuer Urgestein