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Technologie-Offensive aus Asien:Fröhlicher Futurismus

SPERRFRIST beachten: Elektro-Konzeptfahrzeug Hyundai Prophecy
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Der Hyunda Prophecy sieht von der Seite aus wie ein Porsche 911 mit verlängertem Radstand. Mit dem 800-Volt-Bordnetz wandelt er aber eher auf den Spuren des Porsche Taycan.

(Foto: Hyundai)

Hyundai bedeutet "modernes Zeitalter". Der koreanische Autokonzern macht seinen Namen mit alternativen Antrieben und mutigem Design zum Programm.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Designer bloß für die Verzierung zuständig: "Wir machen den Verbrennungsmotor, du machst die Hülle", musste sich Luc Donckerwolke anhören, als er 1998 Designchef von Lamborghini wurde. Fast 20 Jahre später erlebte der Kreative einen zweiten, ganz anderen Kulturschock. Anfang 2016 wanderte er nach Korea aus, um Hyundai in Form zu bringen: "Alles war neu. Vor allem, dass der Konzernchef viel Experimentelles sehen wollte. Er wählt noch immer die Entwürfe aus, die am innovativsten sind", so Donckerwolke, "und das Team setzt sie dann ohne lange Diskussionen um."

Korea - das gelobte Land für Designer? So ähnlich klang schon Peter Schreyer, der Pionierarbeit im Fernen Osten geleistet hat. Als der frühere Audi-Chefdesigner 2006 nach Korea kam, sollte er der gesichtslosen Massenware wiedererkennbare Formen geben. Sein Meisterstück war (nach dem Audi TT) 2018 der Kia Stinger. Das flache Gran Coupé demonstrierte die sportlichen Ambitionen der Koreaner mit aller Deutlichkeit. Im vergangenen Jahr übergab Schreyer die Gestaltungshoheit über Hyundai, Kia und die Luxusmarke Genesis an Donckerwolke. Der bedankt sich nun mit einem Konzeptfahrzeug, das die runde Formensprache des Audi TT aufgreift. Der Prophecy kann seine europäischen Wurzeln nicht verleugnen. Aus manchen Blickwinkeln sieht die viertürige Rennflunder aus wie ein Porsche 911 mit verlängertem Radstand. "Ich habe immer bewundert, was Porsche gemacht hat. Der 911 gilt heute noch immer als der absolute Sportwagen", sagte Donckerwolke 2005. Da wurde er gerade Seat-Chefdesigner. Ab 2011 leitete er das Advanced Design im Volkswagen-Konzern, bevor er die Formgebung bei Bentley übernahm.

Sein beruflicher Werdegang ähnelt wohl nicht zufällig dem von Peter Schreyer. Beide hatten viel Erfahrung im Umgang mit luxuriösen Autos, als sie nach Korea kamen. Und beide entscheiden sich im Wettstreit von Herz und Verstand letztlich immer für das Gefühl. Wobei Donckerwolke betont, dass er gerne zwischen der Formgebung von Sportwagen, Limousinen und Kleinwagen wechselt: "Der wesentliche Unterschied zum Entwurf eines Skoda ist, dass man einen größeren Druck hat, wenn man einen Supersportwagen baut. Es gibt kein Pardon für mangelnde Emotion", so Donckerwolke schon vor 15 Jahren.

Seine Vorliebe für sportliche Zweitürer aus Zuffenhausen hat der heute 54-jährige nie verloren. "Man könnte Ähnlichkeiten zu Porsche sehen, aber das war nicht das Ziel", sagt Donckerwolke. Er wolle vor allem das sanft abfallende Heck rehabilitieren. "Ferdinand Porsche hat seine fließenden Formen als Abkehr vom kantigen Kutschen-Design entwickelt", erläutert der vielfach prämierte Gestalter, "danach kam das abfallende Heck wieder aus der Mode, weil es angeblich nicht aerodynamisch genug war. Doch mit dem Prophecy erreichen wir hier sehr gute Werte." Dass der Wagen (englisch: Prophezeiung) die Formensprache des Ur-Porsche und Ur-Käfers aufnimmt, zeigt, dass Zukunft eine Herkunft braucht. Das haben die Koreaner viel früher verstanden als die meisten chinesischen Autohersteller.

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Im Interieur bietet der 4,75 Meter lange Sportwagen so viel Platz wie eine Limousine - oder sogar mehr, denn dank der Elektro-Plattform gibt es keinen störenden Mitteltunnel.

(Foto: Hyundai)

Eine wesentliche Inspiration für das Konzeptfahrzeug sei der Stout Scarab von 1938 gewesen. Der Stromlinienwagen mit dem abfallenden Heck gilt als Urahn der Mini-Vans. Schon damals hatte er einen flachen "Skateboard"-Boden, ähnlich wie ihn viele Elektrofahrzeuge heute mitbringen. Die Vorteile für die Passagiere sind im Prophecy spürbar: Bei 4,75 Meter Außenlänge bietet er mit drei Metern Radstand ungewöhnlich viel Abstand zwischen den Achsen. Der sportliche Stromer mit dem futuristischen Interieur soll über so viel Platz verfügen wie eine Limousine.

Mittlerweile sprechen die Kreativen rund um den Globus eine relativ ähnliche Sprache. Die Hyundai Motor Group beschäftigt rund 1000 Designer in 19 Studios weltweit. Der entscheidende Unterschied zwischen den Autoherstellern liegt darin, wie sie mit dem Paradigmenwechsel zur Elektromobilität umgehen. Nach dem mäßigen Erfolg des eher avantgardistischen BMW i 3 setzen die deutschen Marken beim Audi E-Tron, BMW i 4 oder Mercedes EQC auf ihre jeweils bewährte Formensprache, um die Kunden nicht zu verschrecken. Die Koreaner senden dagegen muntere Aufbruchssignale: "Auf der IAA haben wir im vergangenen Jahr die Hyundai-Studie 45 vorgestellt. Das Konzeptfahrzeug im SUV-Format war das erste Modell, das auf einer ganz neuen Elektroplattform steht", so Donckerwolke: Diese sei auch für den flachen Prophecy variabel und modular genug. Mit einem 800-Volt-Bordnetz bewegt sich die Studie technisch im Windschatten des Porsche Taycan. Billiger wird das Serienauto dadurch nicht.

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Der Prophecy soll 2022/23 in Serie gehen – mit einem Lenkrad statt der Joysticks, die im Konzeptfahrzeug rechts und links vom Fahrersitz angeordnet sind.

(Foto: Hyundai)

Nächstes Jahr geht es los mit der neuen Elektro-Plattform. Der Sportwagen kommt allerdings nicht vor 2022/23 auf die Straße. Bis Mitte des Jahrzehnts will die Hyundai Motor Group 44 elektrifizierte Modelle auf den Markt bringen. Ab 2025 sollen 670 000 Batterie- oder Brennstoffzellenfahrzeuge jährlich abgesetzt werden. 50 Milliarden Euro will die Unternehmensgruppe in Zukunftstechnologien investieren, um zu den drei führenden Unternehmen bei alternativen Antrieben aufzusteigen. Wobei Wasserstoff ausdrücklich Teil der Nachhaltigkeitsstrategie ist. Davon würde auch Audi als Kooperationspartner bei Brennstoffzellen profitieren. Doch Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess hat gerade klar gemacht, dass er bis zum Ende des Jahrzehnts kein entsprechendes Serienmodell sieht. Hyundai erwartet dagegen, dass sich die Kosten von Brennstoffzellen bis dahin halbieren werden. Dann könnte der reichweitenstarke Antrieb vor allem in der Oberklasse interessant werden. Zumal seine kurzen Betankungszeit den Vielfahrern entgegenkommt.

Der Prophecy ist also nicht nur ein Messe-Hingucker. Er steht für den "optimistischen Futurismus", den Hyundai gerade in vielen Technologie-Bereichen propagiert. Die Joysticks anstelle eines Lenkrads in der Studie sind zwar nur ein Messe-Gimmick. Dafür wollen die Koreaner beim autonomen Fahren ganz vorn mitspielen. Vor wenigen Monaten haben sie etwa vier Milliarden Euro in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Aptiv investiert. Der Sensorspezialist und Systemlieferant für Elektrik/Elektronik ist auch ein Pionier des autonomen Fahrens. Seit 2018 läuft ein Aptiv-Flottenversuch mit autonomen Taxis in Las Vegas. Mehr als 70 000 Testfahrten haben die Amerikaner bereits absolviert. Künftig wird Aptiv statt der BMW 5er mit den leuchtend Orange-farbenen Felgen Prototypen von Hyundai einsetzen.

Ab 2023 sollen die Robotaxis zum Verkauf stehen: "Autonome Antriebe stellen das Herzstück zukünftiger Fahrzeugentwicklung dar. Unser Joint Venture mit Aptiv soll die weltweit höchste Wettbewerbsfähigkeit in den Bereichen Sicherheit und technologische Innovation erreichen", so Euisun Chung, Chief Executive Officer der Hyundai Motor Group. Das Angebot ist durchaus attraktiv, denn das Gemeinschaftsunternehmen entwickelt eine serienreife Plattform inklusive Software, Sensorik und der gesamten Bordnetz-Elektronik. Wenn es den Partnern gelingt, ihre Gesamtlösung wie geplant an Flottenbetreiber und Autohersteller zu verkaufen, hätte sich das Investment mehr als gelohnt.

© SZ vom 07.03.2020/cku
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