Elektromobilität:"Rohöl ist viel zu wertvoll, um es nur zu verbrennnen"

Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns Evonik, über sein Interesse an der Autoindustrie, die Marke "Made in Germany" und überzogene Hoffnungen.

Günther Fischer

Klaus Engel, 54, hat an der Ruhr-Universität in Bochum Chemie studiert und dort auch promoviert. Seine erste berufliche Station waren die Chemischen Werke Hüls. 2006 wurde der Naturwissenschaftler an die Spitze der Degussa berufen, seit 2009 ist er Vorstandsvorsitzender von Evonik. Fünf Fragen an einen neuen Mitspieler im weiten Feld der Mobilität.

Bilanz Evonik - Engel

Will mit Evonik eine führende Rolle in Europa bei der Lithium-Ionen-Batterietechnologie einnehmen: Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries AG 

(Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Herr Dr. Engel, Evonik ist überwiegend als Anbieter für Spezialchemie bekannt. Was interessiert Sie plötzlich an der Autoindustrie?

Klaus Engel: Vor dem Hintergrund der schwindenden Ölreserven natürlich die Entwicklung des Elektroautos. Ich bin ein Fan der Elektromobilität - sie ist eine Jahrhundertchance. Der Wandel von Verbrennungsmotoren hin zu Elektroautos wird kommen, weil wir Nachhaltigkeit ernst nehmen müssen. Rohöl ist zudem viel zu wertvoll, um es nur zu verbrennen. Wir sollten intelligente Moleküle daraus machen.

sueddeutsche.de: Da spricht der Chemiker aus Ihnen. Was kann Ihr Konzern denn zum Wandel beitragen?

Engel: Sehen Sie, das Elektroauto wird aufgrund seiner noch beschränkten Reichweite zunächst vor allem in die Großstädte kommen. Und es muss ein völlig neues Auto sein: Es benötigt einen neuen, umweltfreundlichen Antrieb und Leichtbau. Was mich als Vorstandsvorsitzenden freut: Evonik ist auf beiden Gebieten sehr gut unterwegs. Intern haben wir ein "Automotive Industry Team" gegründet, das alle Kompetenzen unseres Hauses bündelt. Und in unserem gerade in Darmstadt eröffneten Leichtbau-Studio können höchst beeindruckende Ergebnisse besichtigt werden.

sueddeutsche.de: Evonik ist mit seiner Firmentochter Li-Tec das einzige deutsche Unternehmen, das sich ernsthaft und konkurrenzfähig mit der Technik für Akkus und Hochleistungsbatterien auseinandersetzt. Das ist sicher gut für Sie, aber den Standort Deutschland betreffend doch eher enttäuschend. Oder nicht?

Engel: Rund um das Elektroauto wurde ein Hype entfacht, der manchmal mehr verspricht, als man gegenwärtig noch einhalten kann. Wir streben eine führende Rolle in Europa bei der Lithium-Ionen-Batterietechnologie an. Diese Batteriezellen sind für mich der Energiespeicher der Zukunft. Wir fahren im Moment die Produktionskapazität für Batteriezellen von 300.000 Stück pro Jahr hoch: Ab 2013 werden es rund drei Millionen Stück pro Jahr sein. Dank einer neuen Entwicklung haben wir das Problem der Hitzeentwicklung bei Lithium-Ionen-Batterien im Griff. Und wir setzen auf den Standort Deutschland und das gute, alte "Made in Germany". Aber ich verstehe, wenn sich Mitbewerber anders verhalten.

sueddeutsche.de: Sie meinen, weil es im Vergleich zum internationalen Wettbewerb in Deutschland kaum Fördermittel gibt?

Engel: Natürlich weiß ich, dass viele andere Länder mit Hochdruck am Aufbau der Batterieindustrie arbeiten - schließlich geht es hier um eine Jahrhundert-Technologie und einen Milliardenmarkt. Und es stimmt, anderswo bekommen Wettbewerber Fördermittel in dreistelliger Millionenhöhe. Wir in Deutschland müssen die Kräfte bündeln. Deutschland sollte so schnell wie möglich eine intelligente steuerliche Forschungsförderung einführen. Immerhin haben wir als Unternehmen im vergangenen Jahr 300 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Und das trotz der Wirtschaftskrise.

sueddeutsche.de: Sie und viele andere Experten gehören zur "Nationalen Plattform Elektromobilität", sind also die Tankstelle der Hoffnung - auch für die deutsche Bundeskanzlerin. Und sie ist es auch, die bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf unseren Straßen sehen möchte. Sind das nicht überzogene Vorstellungen und Hoffnungen?

Engel: Mag sein, dass es Ihnen etwas zu langsam geht. Ich bin da optimistischer: Das ist durchaus zu schaffen. Immerhin: Ab 2012 werden die Akkus in Serienmodellen von Mercedes-Benz Cars zu finden sein - und der Elektro-Smart wird als Serienprodukt verfügbar sein. Dennoch sind weitere Anstrengungen notwendig, um die Elektromobilität voranzubringen und zusätzliche sinnvolle Lösungen aufzeigen. Da gibt es ja viele Möglichkeiten. Wenn wir dauerhaft weg vom Öl wollen, ist außerdem nichts weniger notwendig als ein weltweiter Wandel der Mobilität - und der benötigt Zeit.

© sueddeutsche.de/gf
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