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Historie:Lokomotiven fürs Sammelalbum

Vor 100 Jahren wird die Reichsbahn gegründet - als Antwort auf die vielen Probleme nach dem verlorenen Krieg. Gleichzeitig entwickelt sich eine Szene, die es heute noch gibt: die der Trainspotter.

Von Marco Völklein

Wenn Ekkehard Böhnlein und seine Mitstreiter vom Bayerischen Eisenbahnmuseum in Nördlingen jedes Jahr im Advent die Feuerbüchse anheizen und mit ihrer Dampflok der Baureihe BR 52 Runden drehen über den Münchner Bahn-Nordring, dann stehen immer wieder Hobby-Fotografen an der Strecke. Sie richten ihre Objektive auf die Lok, Baujahr 1943, auf die Plattformwagen im Schlepptau; sie freuen sich, wenn der Zug vorüberdampft und Rauchschwaden ausstößt, und das alles am besten bei schönstem Sonnenschein und in einer tief verschneiten Winterlandschaft.

Aber auch wer mal bei einem Lokführer im Führerstand eines stinknormalen Güter- oder Personenzugs mitfährt, der wird immer wieder Leute mit großen Objektiven am Streckenrand entdecken. Trainspotter, also Menschen mit einem Faible für Züge und Fotografie gleichermaßen, sind weit verbreitet. Im Internet tauschen sie sich aus über besondere Züge, über die Dampfloks aus dem Verein von Ekkehard Böhnlein, aber eben auch über den Alltag auf der Schiene.

Motive aus der Sonderausstellung Fokussiert! zu 100 Jahre Reichsbahn im DB Museum Nürnberg

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Elektro-Lok der Baureihe E 44 - sie kann von allen Seiten fotografiert werden.

(Foto: Uwe Niklas/DB Museum)

Neu ist das Phänomen der Trainspotter aber nicht. Bereits in den Zwanzigerjahren begannen Hobbyfotografen, Loks und Waggons abzulichten. 1929 gründeten Studenten an der Technischen Universität Darmstadt das Deutsche Lokomotivbild-Archiv (DLA). Die Gruppe um den angehenden Ingenieur Hermann Maey beschloss, eine Sammlung mit Lokomotivfotos anzulegen - nicht nur aus Liebhaberei, sondern um die Technik für wissenschaftliche und historische Zwecke zu dokumentieren. Das DB-Museum in Nürnberg nutzt nun die Begeisterung der Studenten von damals und deren Aufnahmen, um in einer Sonderausstellung ein anderes Jubiläum zu feiern: Vor 100 Jahren wurde die Deutsche Reichsbahn als erstes nationales Bahnunternehmen gegründet. "Damit", sagt Museumsdirektor Oliver Götze, "begann in Deutschland ein neues Eisenbahnzeitalter."

Nachdem im Dezember 1835 der Adler den Betrieb zwischen Nürnberg und Fürth aufgenommen hatte, breitet sich die Eisenbahn rasch aus. Unterstellt sind die Bahnen damals den jeweiligen Ländern, Bayern betreibt eigenen Bahnverkehr, ebenso Baden, Württemberg oder Preußen (allerdings bereits zusammen mit Hessen). Schon während des Ersten Weltkriegs zeigt sich, dass dieses föderale System hinderlich ist für den täglichen Betrieb über Ländergrenzen hinweg, sagt Stefan Ebenfeld vom DB-Museum, der die Sonderschau kuratiert hat: "Ein Schlosser aus Bayern, eine Lok aus Preußen und Ersatzteile aus Baden - das passte nicht zusammen." Hinzu kommt, dass nach dem verlorenen Krieg die Länderbahnen heruntergewirtschaftet sind. Und ein Großteil der von den alliierten Siegern geforderten Reparationen sollen die deutschen Bahnen abführen - etwa in Form von Lokomotiven. Um all das irgendwie in den Griff zu kriegen, wird 1920 die Reichsbahn geschaffen.

Motive aus der Sonderausstellung Fokussiert! zu 100 Jahre Reichsbahn im DB Museum Nürnberg

Insgesamt 14 Perspektiven hatten die Fotografen des Deutschen Lokomotiv-Archivs als Standards festgelegt.

(Foto: DLA/Bellingrodt)

Ein erster wichtiger Schritt der neuen Bahngesellschaft ist es, sogenannte Einheitslokomotiven zu entwickeln. Einheitliche Fahrzeuge mit genormten Bauteilen wie Kessel, Triebwerk oder Steuerung sollen den Bahnbetrieb wirtschaftlicher machen. Eine klare Typisierung der Lokomotiven nach Einsatzzwecken begrenzt zudem die Anzahl der Bauarten.

Hinzu kommt: Mit der "Elektrisierung", wie das damals genannt wird, setzt die Reichsbahn einen bereits von vielen Länderbahnen initiierten Ansatz fort. Elektrisch angetriebene Lokomotiven sind wirtschaftlicher als Dampfloks, man spart unter anderem das stundenlange Anheizen des Kessels und den Heizer im Führerstand. Auch die Fahrzeiten verkürzen sich teils deutlich. Zunächst werden vor allem Strecken in Bayern, Sachsen, Thüringen und Schlesien mit Fahrdraht ausgestattet, parallel entwickeln Ingenieure leistungsstarke und universell einsetzbare E-Loks, etwa die Baureihen E 18 und E 44.

Eine solche Lok, eine E 44, steht auch im Mittelpunkt der Nürnberger Schau. Für Historiker Ebenfeld ist sie ein "Meilenstein der E-Lok-Entwicklung". Das robuste Triebfahrzeug kann vielseitig eingesetzt werden, sowohl vor Güter- wie auch vor Personenzügen, exakt 189 Exemplare werden bestellt. Sie ist damit die "erste deutsche Großserien-E-Lok" der Reichsbahn, noch in den Fünfzigerjahren werden bei der Bundesbahn erneut einige Exemplare der Baureihe in Dienst gestellt.

Sonderausstellung "Fokussiert!" zu 100 Jahre Reichsbahn im DB Museum Nürnberg

Mit Plakaten warb die im Jahr 1920 gegründete Reichsbahn für sich und ihre Dienstleistungen.

(Foto: DB Museum Nürnberg)

Das Besondere in Nürnberg: Die E 44 steht dort mitten auf dem Freigelände, mit viel Platz zum Fotografieren. Zudem haben Ebenfeld und seine Kollegen Holztürme errichtet, von denen aus man die Maschine in den Fokus nehmen kann. Und sie haben 14 Betondreiecke in den Boden eingelassen - diese zeigen die Perspektiven, aus denen Bahnfotograf Maey und seine Mitstreiter damals die Loks fotografiert haben. Um ihrem Anspruch an eine wissenschaftlich fundierte Dokumentation der Eisenbahn gerecht zu werden, hatten sie Standards für die Lokomotivaufnahmen entwickelt, insgesamt 14 Stück.

Die Aufnahmen wurden dann als Postkarten vertrieben, 25 Pfennig je Stück. Wer wollte, konnte passende Sammelblätter bestellen, 25 Stück für eine Reichsmark, die Fotos aufkleben - und die Blätter in braunen Sammelordnern mit "goldbeschrifteten Rücken" abheften. Was für junge Fußballfans heute die Panini-Alben sind, das waren für die Trainspotter von damals die Sammelordner des DLA.

Noch ein anderes Exponat in der Nürnberger Schau ist interessant. Es weist auf die Verwicklungen der Reichsbahn in die Verbrechen der NS-Zeit hin - und den unterschiedlichen Umgang damit nach 1945. Die Loks der Baureihe E 19 entstehen während des Nationalsozialismus, als damals schnellste Elektroloks der Reichsbahn. Obwohl nur vier Exemplare gebaut werden, sind die stromlinienförmig gestalteten, dunkelrot lackierten Maschinen Vorzeigeobjekte, sie stehen "im Dienst der Propaganda", so Götze. Nach dem Krieg werden die Loks weiterverwendet, eine davon, die E 19 12, geht an die Bundesbahn. Die NS-Hoheitszeichen - Reichsadler und Hakenkreuz - werden entfernt, später wird sie umlackiert (Farbton: Stahlblau).

26 Jahre

ist es nun her, dass die Deutsche Bahn AG gegründet wurde. In ihr gingen die nach 1945 in Westdeutschland gegründete Bundesbahn und die Deutsche Reichsbahn (DR) der DDR auf. Dass sich die DDR nach dem Krieg nicht von dem Namen verabschiedet hatte, war auch politisches Kalkül: So hatten sich die Alliierten darauf verständigt, dass die DR die S-Bahn in Berlin weiterbetrieb - auch im Westteil der Stadt. Eine Umbenennung der DR, beispielsweise in "Eisenbahn der DDR", hätte aber womöglich den Verlust der Betriebsrechte in Westberlin bedeutet.

Als 1985 ein großes Jubiläumsfest zu "150 Jahre Eisenbahn" stattfindet, lässt die Bundesbahn mehrere historische Fahrzeuge aufarbeiten - darunter auch E 19 12, die in den Auslieferungszustand zurückversetzt wird, mit roter Lackierung sowie Adlern und Hakenkreuzen an allen vier Seiten. Im Mittelpunkt stehen damals allein die technischen und logistischen Herausforderungen der Vergangenheit, eine "reine Leistungsschau" sei das gewesen, kritisiert Ebenfeld, "geschichtsvergessen", ohne Hinweis auf die problematische Rolle der Reichsbahn unter dem NS-Regime.

Erst in den Neunzigerjahren, nachdem Bundesbahn und DDR-Reichsbahn in der neu gegründeten Deutschen Bahn AG aufgegangen sind, beginnen Historiker damit, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten und die Verstrickungen der Reichsbahn, etwa bei den Deportationen in die Vernichtungslager in Osteuropa, aufzuzeigen. In der Nürnberger Schau ist E 19 12 nun zwar auch zu sehen - die Hakenkreuze aber sind abgedeckt. Und eine Texttafel erzählt die wechselvolle Geschichte der Lok.

Trainspotter unterwegs an einer Bahnstrecke in Großbritannien.

(Foto: mauritius images / Alamy / Jonny)

Die Sonderschau "Fokussiert!" läuft vom 25. Juni bis 31. Oktober 2020 im DB-Museum in Nürnberg. Weitere Infos unter www.dbmuseum.de

© SZ vom 20.06.2020

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