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Historie des Autoherstellers:Als Opel noch spitze war

Und Steffi Graf so tat, als würde sie Corsa fahren: Zehn Modelle, die für Hochs und Tiefs der Opel-Geschichte stehen.

Von Felix Reek und Thomas Harloff

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Opel-Logo mit Rost

Quelle: dpa

Einfach mal in Ruhe Autos bauen, schwarze Zahlen schreiben, ein solides Dasein als Unternehmen führen: So lief es bei Opel selten. Die Autofirma aus Rüsselsheim, die mit dem Bau von Nähmaschinen und Fahrrädern begann, stand entweder an der Spitze der Zulassungsstatistik, produzierte die schnellsten Autos der Welt und forderte Mercedes heraus. Oder sie hatte arge Qualitätsprobleme, verdiente trotz ordentlicher Produkte nicht genug Geld oder stand, wie derzeit, kurz vor der Übernahme - langweilig war es bei Opel selten. Folgende zehn Modelle stehen exemplarisch für diese turbulenten Zeiten.

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"Auto des kleinen Mannes" - Opel 4/12 PS von 1924

Opel 4/12 PS Laubfrosch

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Henry Ford hatte mit seiner Fließbandproduktion in den USA ab 1914 den Automobilbau revolutioniert. Opel adaptierte das Konzept und rüstete sein Autowerk in Rüsselsheim mit Fließbändern aus - eine Premiere in Deutschland. Das Modell 4/12 PS war das erste Auto, das auf diese Weise in Deutschland hergestellt wurde.

Wer fuhr dieses Auto? Es war das "erste Auto des kleinen Mannes" in Deutschland. Entsprechend hoch waren die Absatzzahlen: Bis 1931 verkaufte Opel fast 120 000 Exemplare.

Was ist wirklich hängengeblieben? Die Plagiatsvorwürfe - Opel soll ein damaliges Citroën-Modell kopiert haben - blieben nicht haften. Stattdessen prägte sich der Spitzname ein: "Laubfrosch", wegen der grünen Lackierung des 4/12 PS. Und Opel blieb über viele Jahrzehnte das Image als Automarke für die einfachen Leute..

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"Der Anti-VW" - Opel Kadett A von 1962

Opel Kadett A Coupé

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Der hessische Autobauer war bis dahin bei einer eher konservativen Käuferschaft beliebt, man sprach vom "Hosenträger-Image". In den frühen Sechzigerjahren wollte Opel moderner wirken - und mit dem neuen Kadett am Marktführer VW Käfer vorbeiziehen.

Wer fuhr dieses Auto? Eine erstaunlich breite Käuferschicht. Grund dafür war auch das weitgefächerte Angebot: Den Kadett A gab es als Limousine, Kombi und schnittig designtes Coupé (Foto). Vor allem Letzteres war beliebt und fand fast 54 000 Käufer.

Was ist wirklich hängengeblieben? Plötzlich galt Opel mit seinem wassergekühlten und frontmotorisierten Kadett als fortschrittlich. Der "Anti-VW" war schneller, sparsamer, geräumiger und sicherer als der Käfer. Allerdings rostete er auch schneller - und begründete mit dieser Eigenschaft einen lange anhaltenden, nicht so glänzenden Ruf.

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"Der Edle" - Opel KAD-Reihe von 1964

Opel Diplomat A

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Nicht weniger, als ins Auto-Establishment aufzusteigen. Die großen Konkurrenten für Kapitän, Admiral und den abgebildeten Diplomat (zusammengefasst als KAD-Reihe bezeichnet) waren nicht etwa die Topmodelle von Opel und Ford, sondern von Mercedes-Benz und der aufstrebenden Marke BMW.

Wer fuhr dieses Auto? Die Entscheider aus den Vorstandsetagen. Immerhin konnte man sich mit den sehr amerikanisch anmutenden, stark motorisierten Fünf-Meter-Limousinen oder eleganten Coupés bei gehobenen Anlässen sehen lassen. Praktisch: Die bis zu 5,4 Liter großen und 230 PS starken V8-Triebwerke steuerte Konzernmutter General Motors bei.

Was ist wirklich hängengeblieben? Heute stehen die KAD-Modelle symbolhaft für jene Ära, in der Opel der angesehenste Autohersteller der Republik war. Oft nennt man sie im Zusammenhang mit "...von da an ging es nur noch bergab".

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"Der Fliegende" - Opel GT von 1968

Opel GT

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Ein weiteres Stück amerikanische Autokultur nach Europa zu bringen. Nicht umsonst adaptierte Opel beim GT das ikonische "Coke-Bottle-Design" der Corvette. Gleichzeitig sollte das kleine Coupé den amerikanischen Markt für den deutschen GM-Ableger öffnen.

Wer fuhr dieses Auto? Ziemlich viele Amerikaner. Dem Opel GT gelang es tatsächlich, in den USA als kompakter Sportwagen und "Baby-Corvette" wahrgenommen zu werden. General Motors soll der GT auf dem heimischen Markt gar zu erfolgreich geworden sein, die Konzernmutter fürchtete Kannibalisierungseffekte. Früher als gedacht verschwand der Opel GT 1973 vom Markt.

Was ist wirklich hängengeblieben? Was kommt vielen Menschen beim Opel GT in den Sinn? Richtig: "Nur Fliegen ist schöner." Mit diesem Slogan und sehr lautmalerischen Anzeigen bewarb Opel sein kleines Coupé in den späten Sechzigern.

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"Der Prollige" - Opel Manta B von 1975

Manta Manta MANTA MANTA D 1991 Regie Wolfgang Büld TINA RULAND TIL SCHWEIGER Stichwort Au

Quelle: imago/United Archives

Was hatte Opel damit vor? Mit dem Erfolg des Ford Mustangs begann in den USA Mitte der 60er-Jahre die Muscle-Car-Ära. Immer mehr Hersteller stopften viel zu große Motoren in leichte Mittelklassewagen. Für den europäischen Markt konzipierte Ford daraufhin den Capri. Der war zwar gar nicht so schnell, sah aber zumindest so aus und fand deshalb viele Käufer. Opel stand unter Zugzwang und antwortete 1970 mit dem Manta, der schon fünf Jahre später von einer Neuauflage abgelöst wurde.

Wer fuhr dieses Auto? "Steht ein Manta vor der Uni...", so lautete der kürzeste Witz über Opels Coupé. Fast jeder hatte in den Achtzigern Manta-Witze auf Lager, das Auto selbst wurde zum Witz. Dabei hatte doch alles so schön angefangen: Laut einer Opel-Studie aus den Siebzigern verdienten Manta-Fahrer überdurchschnittlich, lasen mindestens eine Tageszeitung und betrieben Trendsportarten wie Tennis und Surfen. Zehn Jahre später trugen sie Cowboystiefel, Vokuhila, Ballonhosen und Oberlippenbärte. Schuld daran ist wohl die Tuning-Szene, die den Opel für sich entdeckte und in immer groteskere Neonkleider steckte.

Was ist wirklich hängengeblieben? In den frühen Neunzigern erlebte der Manta-Hype dank zweier Kinofilme (im Bild: "Manta Manta" mit Til Schweiger und Tina Ruland) seinen Höhepunkt. Er ebbte jedoch schnell wieder ab. Heute sind frühe oder unverbastelte Mantas begehrte Klassiker. Hin und wieder sollen sogar welche vor Unis gesichtet worden sein.

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"Der Dauerbrenner" - Opel Corsa A von 1983

Steffi Graf und der Opel Corsa 1988

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Diesmal war Opel zu spät dran. Mit dem Polo und dem Fiesta dominierten VW und Ford den Kleinwagenmarkt bereits seit acht Jahren, bis 1983 endlich der Corsa kam. Mit prominenter Unterstützung wie etwa der von Steffi Graf wollte Opel trotzdem an die Spitze des Segments gelangen.

Wer fuhr dieses Auto? Menschen aus allen Schichten. Für viele war der Corsa das erste eigene Auto. Schon nach drei Jahren hatten die Rüsselsheimer 600 000 Kleinwagen verkauft. 12,2 Millionen Exemplare waren es seitdem insgesamt. Dennoch ist der Polo zahlenmäßig längst enteilt.

Was ist wirklich hängengeblieben? Nein, schön war er nicht. Emotional schon gar nicht. Trotzdem weckt der kantige Kleine Erinnerungen an bessere Zeiten. Als Maus Jerry in einem Corsa Kater Tom davonflitzte. An Schulcliquen-Ausflüge in der Freistunde oder erste Knutschereien auf den Rücksitzen. Und an eine Zeit, in der deutsche Sporthelden das Welttennis jahrelang beherrschten.

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"Der Unzuverlässige" - Opel Astra F von 1991

Opel Astra F

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Analog zum Kadett A von 1962 sollte ein Imagewandel gelingen. Schöner, hochwertiger, moderner: Wie drei Jahrzehnte zuvor will Opel am VW-Bestseller, dem Golf, vorbei. Kurioserweise muss er dazu erst den Namen des damaligen Erneuerers ablegen: aus dem Kadett wird der Astra.

Wer fuhr dieses Auto? In erster Linie diejenigen, die dem Opel-Marketing vertrauten und ihren Kadett gegen den Astra eintauschten. Außerdem Autofahrer, die einen Kombi im Golf-Programm vermissten. Doch viele wurden von ihrem Neuwagen enttäuscht.

Was ist wirklich hängengeblieben? Der erste Astra wurde in der Ära des Kostenkillers José Ignacio López entwickelt. Unter dem Spanier litt die Qualität, es gab Konstruktionsfehler, stark rostende Karosserien und ständige Werkstattaufenthalte für die Kunden. Von dem damals zerstörten Ruf hat sich Opel bis heute nicht vollständig erholt.

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"Der Familienfreund" - Opel Zafira A von 1999

Opel Zafira A

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Das zu korrigieren, was zuvor schiefgegangen war. Opel hatte gemerkt, dass junge und hippe Kunden lieber die Autos anderer Hersteller kauften. Also kam mit dem Zafira ein ziemlich praktischer Minivan auf den Markt, der trotz kompakter Maße bis zu sieben Sitze vorweisen konnte.

Wer fuhr dieses Auto? Junge Familien, die das clevere Sitzkonzept zu schätzen wussten. Beim Zafira konnte man mit wenigen Handgriffen zwei Notsitze aus dem Kofferraumboden ziehen, auf denen es zumindest Kinder bequem hatten. Oder die Sitze blieben zusammengeklappt und der Zafira war ein geräumiger Fünfsitzer mit großem Kofferraum.

Was ist wirklich hängengeblieben? Kleine, bezahlbare Vans mit intelligentem Sitzkonzept gab es fortan zuhauf. Vor allem VW schaffte es, mit dem ähnlich gestrickten Touran an die Spitze dieses Segments zu fahren. Den einstigen Vorreiter vergaßen viele dagegen wieder.

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"Der Brave" - Opel Insignia von 2008

Opel Insignia

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Lange Jahre mit schlechter Qualität hatten Opel viele Stammkunden gekostet. Der Insignia sollte das ändern und, na klar, den nächsten Imagewechsel einläuten. Limousinen und Kombis von Opel litten unter einem latenten Nutzfahrzeug-Charme - sie waren nicht schön, aber praktisch. Der Insignia setzte dagegen auf Design.

Wer fuhr dieses Auto? Außendienstler, deren Firmen ein Passat zu teuer war. Nicht ohne Grund steigt der britische Komiker Ricky Gervais in seiner Paraderolle als David Brent ("The Office", "David Brent: Life on the Road") in genau dieses Auto, um Sanitärprodukte zu verkaufen. Ansonsten: Familienväter, die eine günstige Alternative in der Mittelklasse suchten.

Was ist wirklich hängengeblieben? Ja, der Insignia ist ein unterschätztes Auto. Aber mit der Qualität war es dann doch nicht so weit her. Und die Motoren waren zu schlapp. Und das Auto war zu schwer. Und, und, und... Obwohl Opel die Schwächen nach und nach ausmerzte, konnte er nie aus dem Schatten des Passat treten.

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"Der Hoffnungsträger" - Opel Mokka von 2012

Opel Mokka

Quelle: Adam Opel AG

Was hatte Opel damit vor? Nicht weniger, als mit ihm aus seiner großen Krise herauszufahren. Als die Nachfrage nach kleinen SUVs enorm stieg, bot Opel nach langer Zeit wieder das richtige Auto zur richtigen Zeit an. Endlich schien die Marke ihr Potenzial zu nutzen.

Wer fuhr dieses Auto? Offroadfans? Nein, sicher nicht! Viele Mokkas haben ja nicht einmal Allradantrieb. Stattdessen können sich Pärchen mit aktivem Lebensstil und Kleinfamilien mit überschaubarem Budget für Opels SUV begeistern. Und Senioren natürlich. Man sitzt eben schön hoch in so einem Auto.

Was ist wirklich hängengeblieben? Der Mokka wurde tatsächlich zum Erfolg, die Verkaufszahlen stimmen. Doch nicht einmal er vermag die anhaltende Schwäche der Volumenmodelle Corsa, Astra und Insignia zu kompensieren. 2016 betrug Opels Verlust etwa eine Viertelmilliarde Euro. Es hat schon Gründe, warum GM seine europäische Marke loswerden will.

© SZ.de/kaeb/stein
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