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Gravelbikes im Test:Matsch macht Laune

Storck Grid Gravelbike

Zwei Gravelbikes mit auffälligen Design-Elementen: Beim Storck Grix haben die Entwickler die rechte Kettenstrebe weit nach unten gezogen.

(Foto: Storck)

Gravelbikesliegen im Trend. Das Nuroad von Cube kostet unter 1000 Euro, das Storck Grix Pro mehr als das dreifache. Aber ist es den Preisunterschied auch wert?

Von Marco Völklein

Der Regen nieselt einem direkt von vorn ins Gesicht, die Stollenreifen schleudern den Matsch von unten nur so herauf und die kleinen Kieselsteinchen spritzen vom Schotterweg in einer irren Geschwindigkeit nach links und rechts weg: Wer von sich selbst behauptet, ein Allwetterradler zu sein, der kann das in diesen Tagen, in denen sich der November von seiner besonders herbstlich-grauen Seite zeigt, mal richtig unter Beweis stellen. Besonders viel Spaß macht das Ganze, wenn man dabei auch noch mit einem dafür geeigneten Fahrrad unterwegs ist.

Die "Entdeckung der Vielseitigkeit"

Seit einigen Jahren sind Gravelbikes ein großer Trend in der Fahrradindustrie. Die mit breiteren, meist auch etwas grobstolligeren Reifen ausgestatteten Rennräder verbinden zwei Eigenschaften miteinander: Man kann sie mit relativ hohem Tempo auf Asphalt vorantreiben, zugleich aber bieten sie auch auf unruhigeren Untergrund, also auf Wald-, Feld- oder Schotterwegen (daher auch der Name: "gravel" bedeutet auf englisch Schotter), besseren Halt als ein Rennrad mit seinen schmalen, meist wenig profilierten Pneus. Gravelbikes ermöglichten "die Entdeckung der Vielseitigkeit", wie eine Fachzeitschrift neulich schrieb. Dann also: Nix wie los. Die SZ hat zwei aktuelle Gravelbikes gefahren.

Nach eigener Aussage ziemlich überrascht vom Gravel-Trend wurde der Hersteller Cube aus Waldershof in der Oberpfalz. 2018 führte er das Nuroad ein, ein preiswertes Alu-Gravel, das sich gut verkaufte. Seit Kurzem nun ist das Nachfolgemodell da, und dieses kommt nicht nur in mehreren Varianten mit Aluminiumrahmen, sondern auch als relativ leichter Carbon-Flitzer mit - in der Spitzenausstattung - elektrischer Force-eTap-Schaltung von SRAM mit einem Kettenblatt vorn und weit gespreizter Zwölffach-Kassette. Der Preis für dieses Top-Rad: 3898 Euro.

Es geht aber auch deutlich günstiger. Für Gravel-Einsteiger und Menschen mit kleiner dimensioniertem Freizeitbudget gibt es das neue Nuroad auch mit Alu-Rahmen und Shimano-Tiagra-Schaltung mit Zweifach-Kurbelgarnitur. Das Besondere dabei: Mit einem Preis von 974 Euro bleibt Cube unter der 1000-Euro-Marke.

Was man dafür bekommt? Ein ziemlich solides Spaß-Bike für kurze wie lange Strecken. Auch wenn das Rad mit fast elf Kilogramm wahrlich kein Leichtgewicht ist, so lässt es sich auf Asphalt wie auch auf Feld- oder Waldwegen dennoch gut voranbewegen. Die G-One-Reifen von Schwalbe mit ihrem feinen Noppenprofil rollen auf der befestigten Straße ohne allzu großen Widerstand, auf leicht geschottertem Untergrund geben sie außerdem genug Halt, um nicht ins Schlingern zu geraten. Sobald das Geläuf allerdings gröber wird, stoßen die Reifen schnell an ihre Grenzen. Dort hüpft das Rad über die großen Kiesel oder frisst sich im tiefen Schlamm fest. Dann heißt es: Raus aus dem Sattel, rein in den Wiegetritt und mit ordentlich Kraftaufwand möglichst rasch raus aus dem Schlamassel. Das 20-Gang-Getriebe der Tiagra bietet hierfür genügend fein abgestufte Gänge, die den Fahrer auch in steileren Rampen am Berg nicht im Stich lassen.

Tief angesetzte Sitzstreben, flaches Oberrohr

Auffällig am neuen Nuroad sind die hinten etwas tiefer angesetzten Sitzstreben sowie das relativ flache Oberrohr. Zudem besitzt das Sitzrohr im oberen Teil ein angedeutetes Aero-Profil, was aber zur Folge hat, dass die Sattelstütze nun nicht mehr mit einer robusten Klemme befestigt wird, sondern mit zwei kleinen Schräubchen hinten am Rohr. Das wirkt etwas zu verspielt und dient nicht gerade der einfachen Handhabung. Positiv zu vermerken ist, dass die Cube-Entwickler das Nuroad mit zahlreichen Bohrungen ausgestattet haben: So können Schutzbleche, Flaschenhalter oder Gepäckträger leicht montiert und das Bike auch zu einem alltagstauglichen Pendlerrad aufgerüstet werden.

Ähnliches gilt im Übrigen für das zweite Gravelbike in diesem Novembertage-Test: Auch das Grix Pro von Storck weist zahlreiche Bohrungen an Rahmen, Gabel und Sitzstreben auf, an denen sich vielfältiges Zubehör befestigen lässt. Ansonsten allerdings unterscheidet sich das Grix Pro vom getesteten Nuroad Pro gewaltig: Statt mit günstiger Seilzug-Schaltung ist es mit Shimanos elektronischer Ultegra-Di2-Schaltung ausgerüstet, der Rahmen ist aus Carbon und beschert dem Grix ein Gesamtgewicht von etwas unter neun Kilo. Vorbau und Lenker bilden zudem eine Einheit, was dem Storck eine sehr hochwertige Optik verpasst. Entsprechend fällt allerdings auch der Preis aus: 3599 Euro ruft der Edelhersteller aus Hessen für das Grix Pro auf.

Gravelbike Cube Nuroad Pro

Zwei Gravelbikes mit auffälligen Design-Elementen: Beim neuen Cube Nuroad sind die Sitzstreben tief angesetzt.

(Foto: Cube)

Mit unruhigem Gelände wie auch auf Asphalt kommt das Grix gleichermaßen gut zurecht. Die rechte Kettenstrebe haben die Konstrukteure tief nach unten gezogen - das verleiht dem Bike nicht nur eine markante Optik, vielmehr wird so im Gelände das Kettenschlagen deutlich reduziert. Zudem boten die beim Testrad verbauten Challenge Baby Limus-Reifen mit ihren groben Stollen deutlich mehr Halt auf holprigen Untergründen als die Schwalbe-Reifen des Cube, machten aber auch beim Rollen auf der Straße richtig Laune. Wer's im Gelände noch griffiger haben möchte, kann beim Grix zudem bis zu 42 Millimeter breite Mountainbike-Reifen montieren - Gabel und Sitzstreben sind dafür ausgelegt. Die Scheibenbremsen greifen gut und vermittelten stets Sicherheit - wie übrigens auch die des Nuroad.

Der Fahrer sitzt auf dem Storck sportlicher als auf dem Cube, was auch an der Lenker-Vorbau-Kombination des Grix liegt, die nicht verstellbar ist. Das Cube hingegen bietet mit seinem relativ kurzen Vorbau (der sich auch leicht tauschen lässt) eine aufrechtere Sitzposition und damit mehr Übersicht. Zudem verbaut Cube einen Flare-Lenker mit ausgestellten Lenkerenden: Der gewährleistet insbesondere im Gelände spürbar mehr Kontrolle über das Rad als der gerade Rennlenker, den die Storck-Leute dem Grix spendiert haben.

Beide Räder zeigen, wie abwechslungsreich der Herbst auf zwei Rädern sein kann. Mit ihnen fühlt man sich auf der Straße wie im Gelände wohl. Das hochwertig ausgestattete, aber auch deutlich teurere Grix liegt da natürlich vorn, allein schon wegen des Gewichts; aber auch mit einem günstigen Alu-Gravel wie dem Nuroad Pro lassen sich schöne Ecken abseits der Straße entdecken, für Gravel-Neulinge genau richtig. Vorausgesetzt, man zieht sich auf dem Rad gerne etwas dicker an und verträgt es, wenn die Zehen nach einer Weile beginnen, kalt zu werden. Aber Allwetterradler kann das ja nicht schrecken.

© SZ vom 07.11.2020/reek
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