Ford Escort / Orion Der Quantensprung

Ein 1,6-Liter-Motor mit 90 PS ergänzt die Modellpalette

(SZ vom 17.10.1992) Wenn ein neues Auto bereits nach zwei Jahren von seinem Nachfolger abgelöst wird, darf man entweder gravierende Mängel am alten vermuten oder auf revolutionäre Erkenntnisse im Automobilbau hoffen, die nach sofortiger Umsetzung verlangen. Für die Modellreihen Ford Escort und Orion trifft letzteres zumindest nicht zu. Wenn von Ende Oktober an die neuen Escort- und Orion-Modelle die Schauräume der Händler verlassen, werden sie auf den ersten Blick nur wenigen als neu auffallen: Kennzeichen sind der neue Kühlergrill und die gefällig abgerundeten Heckleuchten über den neu gestalteten Stoßfängern. Daß auch die Heckscheibe größer wurde und die Heckklappe um sieben Zentimeter länger und sich nun stärker wölbt, dürfte kaum bemerkt werden. Noch wesentlichere Veränderungen bleiben unter einer Karosserie verborgen, deren Vorzüge mehr in der Funktionalität zu suchen sind als in einem eleganten Erscheinungsbild.

Frühzeitige Erneuerung

Der kompakte Escort und sein Stufenheck-Pendant Orion haben ihren Platz am Markt seit ihrer Einführung im September 1990 behauptet. Der Grund für die frühzeitige Erneuerung im Schatten von VW Golf und Opel Astra muß vorwiegend im Handlungsbedarf von Ford gesucht werden, nachdem ein deutsches Fachmagazin erhebliche Sicherheitsmängel durch einen Offset-Crashtest aufgedeckt hatte. Um so erfreulicher, daß der Vorderbau von Escort und Orion nun maßgeblich verstärkt worden ist, vor allem im Bereich der Längsträger. Darüber hinaus erhielt die Fahrgastzelle einen zusätzlichen Rahmen, die B-Säule wurde verstärkt, die Schweller wurden größer dimensioniert, und in die Türen integriert soll ein massiver Flankenschutz aus Stahlrohren bei einem Seitenaufprall gute Dienste leisten. Im Lenkrad sorgt ein besonders kräftig gepolsterter Pralltopf dafür, daß das Risiko von Kopfverletzungen bei Frontalunfällen minimiert wird. Einen Airbag indes kann diese Maßnahme nicht ersetzen. Doch Ford verspricht, zwei Eurobags für Fahrer und Beifahrer einschließlich Gurtstrammer vom Herbst 1993 an anzubieten. Wobei der Luftsack auf der Fahrerseite nicht teurer sein soll als bei Volkswagen. Somit muß man mit 1200 Mark Aufpreis rechnen.

Gänzlich neu im Programm sind die Modelle Escort und Orion mit einem 1,6- Liter-Motor. Ebenfalls mit 16V-Zylinderkopf ausgestattet, reiht sich der neue DOHC-Motor neben die 1,8i-16V- und 2,0i-16V-Aggregate ein und ergänzt damit die seit Anfang 1992 eingeführte und nun sukzessiv erweiterte neue Zeta-Motoren- Baureihe. Weil die Leistungsklasse mit 66 kW (90 PS) in der Kompaktklasse besonders beliebt ist, erhofft sich Ford gerade durch diese Version eine Belebung des Geschäfts.

Der neue Motor hinterläßt einen guten Eindruck. Er verfügt über ein ordentliches Drehmoment von 134 Nm bei 3000/min und dreht ohne Mühe über 5000/min hinaus. Akustisch bleibt er allerdings nur bis knapp über 3000/min unaufdringlich . Hier wäre noch ein wenig Feinarbeit angebracht. Davon abgesehen hängt die 90-PS-Version bei fleißigem Schalten des Fünfganggetriebes gut am Gas und verbraucht laut Hersteller im Drittelmix 7,2 Liter Super bleifrei. Auch Sprintvermögen und Höchstgeschwindigkeit sind klassengemäß: Der Escort benötigt von Null auf 100 km/h 12,3, der Orion 12,6 und der Turnier 12,8 Sekunden; die Höchstgeschwindigkeit liegt für alle drei Typen bei 177 km/h. In Verbindung mit dem neuen 1,6i-Motor wird Ford den Escort und Orion ab 1993 mit dem stufenlosen Getriebeautomaten CTC anbieten.

Die Preise von Escort, Orion und Turnier bewegen sich je nach Motorisierung und Ausstattungsvariante zwischen 20 610 Mark für den dreitürigen Escort CL mit 1,3i-Motor und 35 010 Mark für den sportlichen Escort RS 2000 mit 2,0i- Motor. Von sofort an haben alle Modelle, außer denen mit 1,3i-Motor, eine Servolenkung serienmäßig. Der neue Escort 1,6i Ghia etwa, dessen Grundausstattung elektrische Fensterheber vorn, beheizbare Front- und Heckscheibe sowie elektrisch verstellbare und beheizbare Außenspiegel, Zentralverriegelung, elektrisches Schiebe-Hubdach, asymmetrisch umklappbare Rücksitzlehnen und eine Lenksäule, die auch axial verstellbar ist, umfaßt, kostet 28 480 Mark.

Mit der Überarbeitung seiner erfolgreichsten Baureihe ist Ford jener Quantensprung gelungen, der seit zwei Jahren ins Haus gestanden hat. Wenn ein erfolgreiches Produkt, wie Escort und Orion so überzeugend modernisiert wurde, darf man getrost die Reaktionen seiner Mitbewerber abwarten.

Von Jürgen Zöllter