Süddeutsche Zeitung

Fiat und Chrysler:Was vom Ami übrig bleibt

Ob Liebeshochzeit oder Zwangsehe: Chryslers Zukunft wird von Fiat bestimmt. Die Italiener nähern sich dem US-Markt allerdings sehr vorsichtig - aus gutem Grund.

Sebastian Viehmann

Ob Liebeshochzeit oder Zwangsehe, Chryslers Zukunft wird von Fiat bestimmt. Die Italiener nähern sich dem US-Markt allerdings sehr vorsichtig. Aus gutem Grund.Im kommenden Jahr müssen sich Amerikaner an einen seltsamen Anblick gewöhnen - tausende kleiner Knutschkugeln werden zwischen ...

... dicken Limousinen und Geländewagen herumwuseln: Der Fiat 500 nämlich macht den Sprung über den großen Teich.In den Metropolen will Fiat-Chef Sergio Marchionne als neuer Hausherr bei Chrysler eine Nordamerika-Version des Cinquecento neben Jeep und Co. in den Showrooms parken. Aber: Selbst wenn der Cinquecento seine Fans findet, ist er bestenfalls das Sahnehäubchen einer gewaltigen Umstrukturierung.

Er könnte damit Erfolg haben: "Für den Fiat 500 bin ich in den USA optimistisch. Ich denke, er wird sich besser verkaufen als der Smart. In der Summe gehe ich von 60.000 Verkäufen aus. Bei den anderen Fiat-Modellen wäre ich deutlich vorsichtiger", meint Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Betriebs- und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Wie Fiat den maroden Autobauer generalüberholen will, zeigt eine von Chrysler veröffentlichte Präsentation. Die Produktionskosten sollen radikal gekürzt und die Zahl der Plattformen von elf im Jahr 2010 auf sieben im Jahr 2014 reduziert werden.Auf jeder Plattform sollen aber statt wie bisher durchschnittlich 125.000 Autos zukünftig mehr als 300.000 Autos vom Band laufen.

Bei Jeep haben nur der Wrangler (Bild) und der Grand Cherokee langfristig eine Überlebenschance. Alle anderen Modelle laufen gemäß dem vorgestellten Produktentwicklungs-Plan bis 2012 aus oder werden durch neue Modelle auf Fiat-Plattformen ersetzt.

Die Sparte Dodge wird komplett umgekrempelt. Der von Markenchef Ralph Gilles präsentierte Zukunftsplan sieht zwar einen ...

... Modellwechsel für den Charger und das Fortbestehen des Sport-Coupés Challenger (Bild) vor, die Modelle Journey und Grand Caravan werden wohl auch im Programm bleiben.

Dagegen wird der Caliber ab 2012 gestrichen, der Sportwagen Viper (Bild) schon 2010. Auch für den Nitro könnte nach 2011 Schluss sein. Zudem stehen alle Motorsport-Aktivitäten auf dem Prüfstand.Dafür wird es 2013 auf Fiat-Basis einen neuen Kleinwagen geben sowie einen neuen Kompakten ab 2012. Fiat will außerdem mit zwei Transporter-Modellen in den Nutzfahrzeugmarkt vordringen.

Dass Fiat in den USA nicht allein auf Kleinwagen setzen kann, ist offensichtlich. Laut den Daten des Center Automotive Research (CAR) ist der Anteil der "Small Cars" am Gesamtmarkt USA zwar von 2,4 Prozent im Jahr 2003 auf 6,1 Prozent im Jahr 2008 gestiegen und dürfte sich 2009 bei 5,9 Prozent einpendeln.Doch den rund 616.000 Kleinwagen stünde dann immer noch ein Gesamtmarkt von rund zehn Millionen Autos gegenüber. Auf der Detroit Motorshow im Januar könnte Fiat die ersten größeren Modelle zeigen, die in den USA Erfolg haben sollen.

Ein Blick zurück zeigt, wie schwer sich Fiat schon vor Jahrzehnten in den USA tat.Mit einigen Modellen wie dem sportlichen Zweisitzer X 1/9 (Bild) trafen die Italiener den US-Geschmack ganz gut, Ende der siebziger Jahre wurde ein großer Teil der Produktion über den großen Teich verschifft. Die Ölkrisen gaben europäischen Importautos neuen Schub, denn waren Spritschlucker plötzlich out und kompakte, sparsame Autos gefragt.

Fiat pries damals den kantigen 131 (Bild)damals unter dem Namen Brava in den USA als "luxuriöse Limousine" an und beschwor die "große europäische Tradition" des Automobilbaus.Modelle wie ...

... der Ritmo (Bild), in den USA unter dem Namen Strada verkauft, wurden im Design nur in Details dem amerikanischen Geschmack angepasst. Und selbst das geschah nicht immer zum Vorteil der Autos. Wegen verschärfter Sicherheitsbestimmungen mussten viele Europa-Importe verstärkte Stoßfänger haben, die den Autos eine wulstige und unharmonische Frontoptik verliehen.Letztlich bescherten weder Brava noch Strada Fiat den Durchbruch in Nordamerika.

Wer in Diskussionsforen und Blogs nach Meinungen zur Fiat-Chrysler-Hochzeit sucht, findet neben positiven Stimmen oft tief sitzende Ressentiments gegenüber der italienischen Marke.Gerade in den achtziger Jahren machte Fiat nicht gerade mit überbordender Qualität von sich reden, was sich im englischen Sprachraum in der Verballhornung "Fix It Again, Tony" niederschlug - übersetzt etwa: Reparier's noch einmal, Tony.Im Bild: Alfa Romeo Brera

Wie Fiat in den USA ein neues Image aufbauen will, dazu gibt die Firmenzentrale keinen Kommentar ab. "Chrysler kann durch die Fiat-Modelle seinen Rückgang in den Verkäufen nicht aufhalten. Es fehlen Modelle, die wirklich auf die Amerikaner zugeschnitten sind und nicht auf die Italiener", so Automarkt-Experte Ferdinand Dudenhöffer.Und: Chrysler kann man schon längst nicht mehr zu den "Big Three" zählen. Chryslers Marktanteil am kalifornischen Neuwagenkuchen liegt inklusive Dodge und Jeep gerade noch bei 5,3 Prozent.Im Bild: Alfa Romeo SpiderAlle Fotos: Pressinform

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