Fiat Cinquecento Das Mäuschen, das sich in der Stadt am wohlsten fühlt

Der Nachfolger des 'Toppolino' ist von August an in Deutschland lieferbar / Später folgt eine elektrifizierte Spezialvariante

(SZ vom 29.01.1992) In Sachen Kleinwagen reicht die Tradition bis in die 30er Jahre zurück. Fiat begann damals, die italienische Nation zu bewegen, indem man den ersten kleinen, für die breite Masse bezahlbaren Serienwagen auf die Räder stellte. Er hatte die Typenbezeichnung 500, in (italienischen) Worten Cinquecento. Aus der nüchternen Typenzahl, die für den Hubraum in Kubikzentimetern steht, machten die begeisterten Kunden bald den Kosenamen Toppolino, zu deutsch das Mäuschen.

Mit der kleinen, italienischen Maus haben auch im Nachkriegsdeutschland viele angefangen. Ich erinnere mich gut an meine ersten Fahrten mit dem frischem Führerschein in einem nicht mehr so frischen Toppolino. Man hockte auf kunstlederbezogenen Stühlchen, ein dürres Bakelit-Lenkrad in der Hand. Die Gänge wurden mit einem langen Schalthebel (mit Zwischengas), der irgendwo weit vorn unter dem blechernen Armaturenbrett verschwand, sortiert.

Auf diese Tradition sind die Fiat-Leute stolz und so knüpfen sie, wenigstens bei der Namensgebung, mit ihrem jüngsten Produkt daran an. Den Namen Cinquecento wollen die Marketing-Fachleute auch auf den Auslandsmärkten beibehalten. Er mag ja für Pizza und Pasta gewohnte Deutsche aussprechbar sein, für Franzosen beispielsweise ist er es nicht. Eine Journalistin aus Paris befand unter dem Beifall ihrer Kollegen, daß Tschinkwetschento erstens unaussprechlich sei - und zweitens von der Mehrheit ihrer Landsleute für einen beachtlichen Niesanfall gehalten würde.

Wir Deutsche werden mit dem Namen zurecht kommen, doch stimmt er nicht. Denn bereits der kleinste Motor (ein Zweizylinder, der nicht nach Deutschland importiert wird) hat 704 Kubikzentimeter. Wir bekommen hingegen einen Vierzylindermotor mit Katalysator, 903 ccm und 30 kW (41 PS) Leistung. Für die Kfz-Steuer ist der 500er bei uns also ein 1000er. Diesen Eindruck unterstreicht der Kleine (3,23 m lang, 1,49 m breit, 1,43 hoch) beim Fahren. Laut Werksangaben beschleunigt der Cinquecento cat in 18 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100, Höchstgeschwindigkeit 'ungefähr 140'.

Auf den ersten Testkilometern rund um Rom erscheint der neueste Fiat als durchaus flottes Auto. Er hält sowohl im Stadtverkehr wie auf der Stadtautobahn ohne Mühe mit. Dazu muß der Fahrer allerdings fleißig zwischen den fünf Gängen hin und her schalten. Im fünften fährt er selten, denn dieser ist als die Drehzahl und den Verbrauch senkender Spargang ausgelegt. Mit einer direkten und leichtgängigen Lenkung bugsiert man den neuen 500er mühelos durch die winkeligen Altstadtgassen von Frascati.

Ungewöhnlich die Armaturentafel. Sie besteht im wesentlichen aus einer sehr großen, niedrig angeordneten Ablage. Die reicht nicht nur für Kleinkram, der ständig herumrutscht. Im Cinquecento paßt auch eine Einkaufstasche darauf.

Die vorderen Sitze erinnern an ältere Fiat-Konstruktionen. Sie haben zu kurze Sitzflächen, zu niedrige Rückenlehnen und einen etwas mickrigen Verstellmechanismus. Dennoch macht der neue 500er insgesamt einen ordentlich verarbeiteten Eindruck. Den erwartet man nicht ohne weiteres von einem italienischen Auto, das in Polen gebaut wird. Bereits Ende 1987, lange vor den weltbewegenden Veränderungen im Ostblock, schloß Fiat mit FSM (Fabrika Samochodw Malolytrazowych) in Tychy nahe Krakau den Vertrag zur Fertigung des Cinquecento.

Das italienische Unternehmen hat seit 1921 Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Polen, baut dort seit 1932 Autos. Der Fiat 126 kam in den letzten Jahren ausschließlich aus polnischer Produktion. Für den Anfang werden 160 000 Wagen pro Jahr in Tychy gebaut. Wenn der Kleine ein Erfolg wird, kann die Produktion auf 240 000 Stück gesteigert werden.

Alle Märkte, auch der italienische, werden aus Polen beliefert. Dazu hat Fiat eine Milliarde Lire investiert. Wie bei der Fertigung des Tipo im süditalienischen Cassino wird der Cinquecento in Tychy weitgehend automatisch gestanzt, gepreßt, geschweißt, lackiert und zusammengesetzt. Autowerker aus Polen haben monatelang an einem Trainings-Band in Italien geübt. Heute schauen 200 Italiener ihren polnischen Kollegen in Tychy auf die Finger.

Nach dem ersten Eindruck mit Erfolg, denn der kleinste Fiat ist alles andere als eine Rappelkiste. Für die Geräuschdämmung haben die Konstrukteure einen Aufwand getrieben, wie er längst nicht in allen Mittelklasse-Autos üblich ist. Weder dröhnt der Motor laut im Innenraum, noch poltern die Reifen. Erstaunlich gut ist das Schluckvermögen der Federung. Über Kopfsteinpflaster-Pisten mit enormen Löchern hoppelt der Cinquecento nicht wie ein Kleinwagen.

Und das ist er auch nicht. Fiat sieht ihn als Vertreter einer neuen Klasse, der der Stadtwagen. Diese Autos müssen zwar kompakt und handlich, aber dennoch bequem sein. Mit dem Kleinwagen-Image hat der Stadtwagen jedoch auch den Kleinwagen-Preis abgelegt. Obwohl noch keine exakten Beträge feststehen - der Cinquecento soll erst im August/September nach Deutschland kommen - wird mit 11 000 bis 11 400 Mark Einstandspreis spekuliert.

Deutlich teurer wird eine Spezial-Ausführung, der Cinquecento Elettra, der ab 1993 das Programm erweitert. Mit seinem 9 kW (12,5 PS) starken Elektromotor schafft er Tempo 85. Alle 100 Kilometer muß der Elettra an die Steckdose. Für die große Einkaufstour eignet er sich ohnehin nicht, denn Kofferraum und Rücksitz mußten den Batterien weichen. Die Zuladung des Elektro-Karrens beträgt nur noch 150 Kilogramm, gegenüber 400 Kilogramm beim Benziner.

Von Peter Behse