Feinstaub in Stuttgart:ADAC, der Platzhirsch vom Neckartor

Auf einer Halbinsel, direkt im Bauch der Kurve, steht ein grau-grüner Bauklotz aus Metallwänden, Modell 70er-Jahre. Hier wohnt der Platzhirsch vom Neckartor. Mitten im Geschehen, 300 Meter von Messstation und den Wohnungen von Franzin und Erben entfernt, residiert der ADAC. Vor dem Eingang trauern zwei gelbe Fahnen an ihrem Mast. Sie sind mit einem grauen Schleier überzogen, so wie das Metallgebäude, die Fensterläden und eigentlich alles an diesem Ort. Im ersten Stock sitzt Carsten Bamberg an einem wackelnden Holztisch und sagt: "Direkt an der Station ist der Feinstaub gefährlich - hier im Büro mache ich mir keine Sorgen."

Bamberg, spitzgegelte Haare, schwarz-gelber-Stecker am linken Revers, ist Verkehrsexperte des ADAC. Die Fenster im Büro sind geschlossen. Bamberg sagt einen Satz, den die beiden Anwohner Erben und Franzin gerne hören würden: "Stuttgart sollte den öffentlichen Nahverkehr massiv ausbauen." Der ADAC, das muss man wissen, ist eine politische Größe in der Heimatstadt von Daimler und Porsche. Man berät sich mit der Stadtverwaltung, man pflegt Kontakte, daraus macht Verkehrsexperte Bamberg kein Geheimnis. Und so ist es nun mal, dass sich der Autoclub gegen eine City-Maut und weitere Tempolimits ausspricht. Freie Fahrt für freie Bürger - das, so scheint es, muss in Stuttgart ganz besonders gelten.

"Keine Autohasser, keine Fortschrittsverweigerer"

Ganz leicht zieht Verkehrsexperte Bamberg die Mundwinkel nach oben, wenn man ihn auf die Forderung der Bürgerinitiative anspricht: 40 000 Autos weniger am Tag! Bamberg antwortet dann ernst: "Den Verkehr am Neckartor kann man nicht einfach halbieren, solange es keine Alternativen gibt." Das Problem sei: "Stadt und Land sind der Ausbau des Nahverkehrs zu teuer." Auch der ADAC würde weniger Verkehr in der Stadt begrüßen. Solange aber die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt oder umständlich seien, müsse man akzeptieren, wenn die Menschen das Auto bevorzugen.

Genau das wollen Peter Erben und Claudia Franzin nicht akzeptieren. Ein paar hundert Meter von der Cannstatter Straße entfernt ragt die Friedenskirche zwischen den Wohnhäusern empor. Im Gemeindesaal trifft sich die Antifeinstaubtruppe einmal im Monat zur Lagebesprechung, auch der Pfarrer ist dabei. Es ist dunkel im Saal, an den Fenstern kullern Regentropfen hinunter. Erben und Franzin sitzen sich gegenüber und trinken Sprudel aus einer Glasflasche. Peter Erben sagt: "Wir sind keine Autohasser, schon gar keine Fortschrittsverweigerer."

Für ein lebenswerteres Stuttgart

Es ist das Klischee, mit dem die Stuttgarter Wutbürger zu kämpfen haben. Aber Erben ist nicht wütend. Der 54-jährige Metallbaumeister ist ein kleiner, schmaler Mann. Sein linkes Ohr ist von einem goldenen Ring durchstochen, am rechten Revers seiner Jacke steckt ein grüner K21-Button. Kopfbahnhof 21 - das ist das Symbol der Gegner des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21. "Wir denken darüber nach, wie unsere Stadt lebenswerter wird", sagt er. Seine Ideen sind schnell erklärt: Mehr Fahrräder, mehr Busse, mehr S-Bahnen, mehr Park & Ride-Angebote an den Stadttoren.

Die Frage ist nur: Kann das in Stuttgart funktionieren, wo mancher zu seinem Auto "Heilig's Blechle" sagt?

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