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Schadstoffe in der Luft:Alle mal weg mit dem Schaum vorm Mund

Radfahrer und Autos im Münchner Straßenverkehr

Die Luft in München ist sauberer als gedacht. Doch immer noch gibt es Stellen, an denen die Grenzwerte überschritten werden. Eine Lösung: mehr Radwege.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Luftverschmutzung, Fahrverbote, Tempolimit - die Verkehrsdebatte in diesen Tagen ist aufgeheizt. Doch für sinnvolle Maßnahmen braucht es einen nüchternen Blick.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Gemessen an den Debatten der vergangenen Tage könnte man meinen, das Wort "Fahrverbot" zu hören oder zu lesen schade der Gesundheit mehr, als Stickoxide einzuatmen. Schnappatmung, Kurzsichtigkeit, Verlust der Beherrschung - die Nebenwirkungen scheinen enorm zu sein. Und so stehen in der Debatte nun die allergischen Reaktionen auf das Fahrverbot im Vordergrund; über die Luft redet kaum einer. Dabei sollte es doch um sie gehen, genauer: um den Schutz der Kinder, Alten und Kranken, die sich schlechter Luft nicht entziehen können.

Zwei Nachrichten aus diesen Tagen könnten die Schnappatmer von der Freifahrt-Front deutlich entspannen lassen. Das eine sind die Ergebnisse aus München: Wenn Messwerte hier nahelegen, dass die Luft in vielen Teilen der Stadt besser ist als erwartet, dann ist das vor allem eine gute Botschaft für die Anwohner dort. Und wenn neue Zahlen des Umweltbundesamtes für viele Städte einen Rückgang der Luftbelastung nachweisen, dann belegt das auch Fortschritte - von denen all diejenigen profitieren, die unter realen Wirkungen und Nebenwirkungen schlechter Luft leiden.

Doch damit sind weder die Luftmessungen Murks, noch ist das Problem aus der Welt. Auch in München gibt es Stationen, die Werte weit über der Norm messen. Und deutschlandweit haben viele Städte noch einen weiten Weg vor sich, wollen sie alle ihre Einwohner schützen. Gute Luft im Villenviertel reicht dafür nicht.

Ein Fahrverbot ist kein Selbstzweck, zu Recht pochen die Gerichte auf Verhältnismäßigkeit: Ein solcher Eingriff in die Eigentumsrechte kann nur das letzte Mittel sein. Dass diese Gefahr, zumal angesichts des Beispiels Stuttgart, viele Dieselbesitzer ängstigt, ist klar. So bleibt Städten wie München nichts anderes, als die übrigen Mittel auszuschöpfen. Dazu zählen mehr Tempo-30-Zonen, saubere Busse und Müllautos, mehr öffentlicher Nahverkehr und Radwege - sicher aber nicht, nur heikle Abschnitte zu sperren oder Messstationen schlicht umzusetzen.

Und dazu würde auch eine Nachrüstung junger, aber schmutziger Dieselautos gehören, gesponsert von jener Industrie, die durch Tricksereien am Motor die Luft maßgeblich verschlechtert hat. Die erregte Fahrverbots-Debatte der vergangenen Tage im Verein mit dem dumpfen Populismus des Bundesverkehrsministers hat davon erfolgreich abgelenkt.

Es wird Zeit, die Debatte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Nichts spricht dagegen, Grenzwerte wissenschaftlich zu hinterfragen. Nach Lage der Dinge wird sich dabei kaum anderes ergeben, als mehrere Zehntausend Studien jetzt schon belegen: Für Menschen mit Vorerkrankungen der Atemwege sind Luftschadstoffe schädlich. Auch die Position von Messstationen lässt sich kritisch prüfen. Es wird aber auch dies nichts daran ändern, dass Asthmatiker in vielen deutschen Städten mal besser nicht tief durchatmen.

Also alle mal weg mit dem Schaum vorm Mund und nüchtern nach vorn blicken: Es gibt Alternativen zum Fahrverbot! Sie machen nicht nur die Luft besser, sondern auch Städte lebenswerter, mit weniger Lärm, weniger Abgasen, auch weniger Tempo. Sie könnten der Koexistenz von Autos, Radlern und Fußgängern große Dienste erweisen und senken die Nebenwirkungen für alle: für Asthmakranke und Fahrverbots-Allergiker.

© SZ vom 01.02.2019/cku/bix
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