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Fahrräder mit Elektro-Antrieb:Brauchen wir Überholspuren für die S-Pedelecs?

Ein Fatbike als Transportrad mit Elektromotor.

Das Angebot wird vielfältiger. Auch bei den Fatbikes hat der elektrische Rückenwind Einzug gehalten.

(Foto: Nils Nilsen/Felt/pd-f.de)

Umweltschützer setzen darauf, dass der E-Bike-Boom hilft, "den Umstieg vom Pkw im Alltag zu unterstützen", wie Anja Smetanin vom VCD sagt. Etwa jede zweite Pkw-Fahrt für Strecken unter fünf Kilometern könnte durch das Fahrrad ersetzt werden. Nach Berechnungen des Umweltbundesamts ließen sich so pro Jahr fünf Millionen Tonnen CO₂ einsparen. Ein ähnliches Potenzial sehen die Forscher auf Strecken bis zehn Kilometer Länge.

Kritiker allerdings fragen, ob sich eingefleischte Autofans davon tatsächlich überzeugen lassen. Oder ob auf lange Sicht nicht vielmehr Radler, die bisher zu 100 Prozent CO₂-frei unterwegs sind, aufs E-Rad umsteigen werden - und so indirekt über die Stromproduktion der Kohlekraftwerke doch noch zu Schadstoffemittenten werden.

Andere wiederum stören sich an den neuen Anwendungsfeldern, die innovative Modelle eröffnen. In Onlineforen schimpfen Naturliebhaber darüber, dass mit dem E-Mountainbike oder dem E-Fatbike nun auch Unsportliche auf die Berggipfel drängen - obwohl es dort eh schon eng zugehe. Doch die Industrie will sich und ihren Kunden den Spaß am E-Biking nicht nehmen lassen: "Wie jedes Pedelec fährt auch ein E-Mountainbike nicht von alleine, schon gar nicht bergauf", verteidigt Tobias Spindler vom Hersteller Riese & Müller die E-Bike-Klientel. Mit Elektrorädern könnten Leistungsunterschiede zwischen Partnern überwunden werden. Und sie könnten ein Anreiz sein für Bewegungsmuffel, sich doch mal ins Freie zu begeben.

Beunruhigende Unfallzahlen

Und was ist mit dem Unfallrisiko? Zuletzt hatte der Versicherungskonzern Allianz Zahlen präsentiert, wonach zehn Prozent der im Jahr 2014 tödlich verunfallten Radler mit Motorunterstützung unterwegs waren (39 von 396 getöteten Radfahrern). 32 der 39 Getöteten waren 65 Jahre oder älter. Dem halten Pedelec-Fans entgegen, dass nur zwölf Prozent der 2014 in Deutschland verkauften Räder mit E-Motor ausgestattet waren. Und Senioren generell zu den Risikogruppen im Straßenverkehr zählen. Auch die Polizei konnte bislang keine erhöhte Unfallgefahr bei Pedelec-Nutzern feststellen: So verzeichnete die Münchner Polizei im vergangenen Jahr zwar 29 Unfälle mit Elektrorädern. Bei durchschnittlich 2700 Radfahrerunfällen pro Jahr mache das aber gerade einmal ein Prozent aus.

Wenngleich Radlobbyisten wie der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) oder der BUND Naturschutz davor warnen, dass die schmalen Radwege in vielen Städten nicht ausgelegt seien, noch mehr und vor allem noch schnellere Radler aufzunehmen. "Die Radverkehrsinfrastruktur ist längst am Limit", sagt Andreas Glas vom ADFC. Breitere Radwege oder - noch besser - markierte Radstreifen auf der Fahrbahn seien dringend nötig.

Ein Fahrkurs ist empfehlenswert

Auch Andreas Gerstner, E-Bike-Experte beim TÜV Süd, ist davon überzeugt, dass es wegen der E-Bikes in Zukunft zu mehr Konflikten auf den Straßen kommen wird. Auf stark ausgelasteten, innerstädtischen Strecken "ist man jetzt schon mit 20 Stundenkilometern eigentlich zu schnell unterwegs". Pedelec-Fahrer aber schaffen 25 Stundenkilometer, S-Pedelec-Nutzer sind noch schneller unterwegs. Er rät daher zumindest E-Bike-Anfängern zu einem Kurs (etwa bei der Verkehrswacht), um sich mit den speziellen Fahreigenschaften eines Pedelecs vertraut zu machen, bevor sie damit losstromern.

Für Holger Köhler indes steht fest: An einem solchen Kurs wird er sicher nicht teilnehmen. "Ein E-Bike kommt mir nicht ins Haus", sagt er. Wenn er mit seinem Rennrad die Serpentinen raus aus dem Isartal bezwingt, "mag ich es, wenn ich Menschen schwer atmen höre". Auf surrende E-Motoren "kann ich getrost verzichten".

Hut oder Helm – passend zum Bike

Elektrorad ist nicht gleich Elektrorad - der Markt unterscheidet vielmehr drei Typen. Als Sammelbegriff für sämtliche Fahrräder mit Elektro-Unterstützung wird meist das E-Bike verwendet. Mitunter werden damit aber auch Elektro-Mofas bezeichnet, die den Fahrer nicht nur beim Treten unterstützen, sondern sich vielmehr auch alleine mit dem eingebauten Elektromotor fahren lassen. Die Geschwindigkeit wird per Drehgriff am Lenker geregelt.

Sehr viel weiter verbreitet sind dagegen die Pedelecs (steht für "Pedal Electric Cycle"), die den Fahrer beim Treten mit einem Elektromotor bis maximal 250 Watt unterstützen. Wer nicht tritt, kommt mit dem Pedelec auch nicht vom Fleck. Pedelecs sind abgeregelt bei maximal 25 Stundenkilometern und nach Angaben des Radfahrerverbands ADFC dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt: "Fahrer benötigen also weder ein Versicherungskennzeichen noch eine Zulassung oder einen Führerschein." Für Pedelecs gilt daher auch keine Helmpflicht und keine Altersbeschränkung.

Anders sieht es bei S-Pedelecs aus: Die "schnellen Pedelecs" zählen zu den Kleinkrafträdern. Sie funktionieren zwar wie Pedelecs, unterstützen den Fahrer also beim Treten, sind aber bis zu 45 Stundenkilometer schnell. Die erlaubte Nenn-Dauerleistung der Motoren beträgt hier 500 Watt. Das S-Pedelec benötigt ein Versicherungskennzeichen (kostet etwa 70 Euro jährlich). Zudem müssen laut Bundesverkehrsministerium die Fahrer mindestens 16 Jahre alt sein, einen Führerschein der Klasse AM besitzen und einen geeigneten Schutzhelm tragen. Was als geeignet gilt, ist umstritten. Fahrradhelme werden in der Regel von der Polizei toleriert. Ob dies allerdings im Streitfall nach einem schweren Unfall ein Richter auch so sehen würde, kann derzeit niemand sagen. marco völklein

© SZ vom 21.11.2015/harl
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