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Fahrradtechnik:Warum moderne Fahrräder weniger Gänge haben

Der 1x11-Antrieb spart Gewicht und sorgt für eine aufgeräumte Optik am Bike.

Wie viele Zähne dürfen es sein? Die Wahl der passenden Schaltung ist vor allem für sportliche Fahrer entscheidend.

(Foto: Pressedienst Fahrrad)

Ob Rennrad oder Mountainbike: Immer mehr Hersteller verschlanken die Schaltungen ihrer Modelle. Das hat viele Vorzüge - aber auch manche Nachteile.

Von Andreas Remien

Je mehr Gänge, desto besser. Da durften sich bisher sämtliche radelnde Generationen sicher sein. Schon auf dem Schulhof konnte man über vieles streiten, beim Thema Schaltung aber war die Anzahl der Gänge ein so unerschütterliches Kriterium wie der Hubraum beim Auto-Quartett. Drei, sieben und irgendwann mal 21 - niemand zweifelte daran, dass mit jedem Gang das Fahrrad irgendwie cooler, schneller, besser wurde. Doch damit ist es vorbei. Mehr noch: Die Pole der Fahrradwelt scheinen sich inzwischen gedreht zu haben, zumindest bei sportlichen Modellen wie Rennrädern, Gravel- und Mountainbikes.

Schon seit einigen Jahren ist an den Tretkurbeln neuer Fahrräder ein rasanter Schrumpfungsprozess zu beobachten. Wer sich zum Beispiel ein Mountainbike zulegen will und sich längere Zeit nicht mit dem Thema beschäftigt hat, wird sich beim Fahrradkauf wundern: Viele aktuelle Modelle haben nur noch zwei Kettenblätter, also Zweifach-Schaltungen, oder sogar nur noch Einfach-Schaltungen mit einem einzigen Kettenblatt - und damit meist nur elf oder zwölf Gänge.

"Alle unsere neuen Mountainbike-Modelle haben eine Einfach-Schaltung", sagt Maik Krienitz, Produktmanager für Mountainbikes beim Fahrradhändler und -hersteller Rose Bikes mit Sitz in Bocholt. Der Trend hat sich zuletzt noch mal verstärkt. Während die teuren Einfach-Schaltungen ursprünglich nur bei den Hightech-Modellen zu finden waren, setzen sie sich zunehmend in allen Preissegmenten durch. "Noch vor zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen, bei Mountainbikes im unteren und mittleren Preisbereich auf Dreifach-Schaltungen zu verzichten", sagt Frank Greifzu, Produktmanager beim Fahrradhersteller Cube. Heute haben auch bei Cube fast alle Modelle nur noch höchstens zwei Kettenblätter. Ein Mountainbike mit einer Dreifach-Schaltung und womöglich noch den bis vor ein paar Jahren üblichen 26 Zoll kleinen Rädern hat es binnen kürzester Zeit zum Oldtimer geschafft. Dieses Schicksal droht beim Mountainbike auch dem zweiten Kettenblatt, denn große Hersteller wie Shimano oder Sram konzentrieren sich vor allem auf die Einfach-Schaltung.

Kurze Innovationszyklen

Ähnlich sieht es bei den derzeit besonders beliebten Gravelbikes aus. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Rennrad und Mountainbike - entsprechend wird auch bei den Schaltungen bunt gemischt. "Die Nachfrage nach Zweifach-Schaltungen überwiegt ganz klar", sagt Greifzu. Aber auch hier gibt es immer mehr Modelle, die mit nur einem Kettenblatt ausgerüstet sind.

Selten gab es bei einer so wichtigen Komponente wie der Schaltung so kurze Innovationszyklen wie in den vergangenen Jahren. Möglich wurde das vor allem durch neue Optionen am Hinterrad: Hatten dort Anfang der Achtzigerjahre meist nur sechs Zahnräder Platz, können die Hersteller dort mittlerweile bis zu zwölf Ritzel verbauen. Einfach war das nicht, weil bei mehr Zahnrädern die Kette zwangsläufig schräger läuft - aber dennoch nicht vom Ritzel fallen und nicht schnell verschleißen darf. So wurden die Ketten schmaler und die Systeme ausgefeilter.

An vielen Mountainbikes werden mittlerweile nur noch Schaltungen mit einem Kettenblatt vorne verbaut.

(Foto: Pressedienst Fahrrad)

Weil hinten immer mehr Ritzel verbaut werden können, braucht man vorne weniger Kettenblätter. Für den Nutzer hat das viele Vorteile. Das Schalten ist einfacher, wenn der Umwerfer vorne die Kette nicht mehr zwischen drei, sondern nur noch zwischen zwei Kettenblättern hin- und herhieven muss. Die Kette springt seltener heraus, außerdem lässt sich die Schaltung einfacher einstellen.

Die Räder werden leichter, der Wartungsaufwand geringer

Noch viel größer ist der Vorteil, wenn an der Kurbel nur noch ein einziges Kettenblatt seinen Dienst verrichtet. Die Gänge definieren sich bei den Einfach-Schaltungen dann nur noch über die verschieden großen Ritzel am Hinterrad. Es ist also gar kein Umwerfer und natürlich auch kein zweiter Schalthebel mehr nötig. "Die Fahrräder werden so deutlich leichter", sagt Rose-Produktmanager Krienitz. Außerdem ist der Wartungsaufwand geringer, wenn das Fahrrad keinen Umwerfer mehr hat - was nicht dran ist am Rad, kann auch nicht kaputtgehen. "Der größte Vorteil aber ist das intuitive Schalten", betont Krienitz. Statt mit verschiedenen Kombinationen aus Kettenblatt und Ritzel zu hantieren, kann man die Gänge mit einem einzigen Hebel wählen.

Alles besser also? Nicht unbedingt. Der Verzicht auf Kettenblätter hat nämlich auch Nachteile, die je nach Streckenprofil und persönlichen Vorlieben unterschiedlich stark ins Gewicht fallen. So ist bei weniger Kettenblättern die Bandbreite zwischen dem kleinsten und dem größten Gang oft geringer als bei den früher üblichen Dreifach-Schaltungen. In der Praxis heißt das zum Beispiel, dass man am Berg bei steilen Anstiegen mehr Kraft braucht oder bei Abfahrten nicht weiter beschleunigen kann.

Reicht das Spektrum aus?

Bei den neuesten, allerdings auch recht teuren Systemen gilt das nicht mehr unbedingt: So kann eine moderne Einfach-Schaltung sogar ein größeres Spektrum haben als eine Schaltung mit mehreren Kettenblättern. Das gelingt den Herstellern, indem sie am Hinterrad sowohl sehr kleine als auch sehr große Ritzel mit mehr als 50 Zähnen montieren. Allerdings wiegt dann der zweite Nachteil der Einfach-Schaltung umso schwerer: Die Sprünge zwischen den einzelnen Gängen sind viel größer. Vor allem sportlich ambitionierten Fahrern kann es dann passieren, dass sie keinen passenden Gang finden. Der eine ist zu schwer, der andere zu leicht. Bei Schaltungen mit zwei Kettenblättern und damit mehr Gängen sind die Abstufungen feiner. Sie sind daher bei Rennradfahrern, die sich stark an ihrer optimalen Trittfrequenz orientieren, auch weiterhin Standard. Für Mountainbiker, die im schnell aufsteigenden oder abfallenden Gelände fahren, können die großen Sprünge zwischen den Gängen dagegen sogar praktisch sein.

Wer sich ein neues Rad zulegen will, hat es also nicht leicht. Klar ist: Die Schaltung ist eines der wichtigsten Kriterien beim Fahrradkauf. "Man sollte sich vor allem fragen, für welche Art von Touren man das Fahrrad braucht", sagt Cube-Produktmanager Greifzu. "Das Terrain ist entscheidend." Grob gilt: Wer auf einer Tour bergab bis in höchste Geschwindigkeiten mitstrampeln und gleichzeitig bei steilen Anstiegen möglichst einfach klettern will und noch dazu empfindlich bei der Auswahl seines Wohlfühlgangs ist, wird eher zu einer Zweifach-Schaltung tendieren. Das sei zum Beispiel "der hochsportive Mountainbiker, der im Voralpenland seine Tour flach mit Highspeed auf dem Radweg beginnt und dann über steile Forstwege seine Lieblings-Alm ansteuert", sagt Greifzu. Dieser Nutzertyp sei aber auch: "die absolute Ausnahme".

Der Ritzelrechner hilft weiter

Ungemütlich kann es aber auch für den normalen Fahrer werden, vor allem bei steilen und längeren Anstiegen. Je kleiner das Kettenblatt vorne und je größer das Ritzel hinten, desto leichter wird es. Vor allem bei manchen Gravelbikes mit Einfachschaltungen ist allerdings der kleinste Gang recht hoch übersetzt - was am Berg schnell anstrengend werden kann. Egal, ob Ein- oder Zweifach-Schaltung: Wer bei steilen Anstiegen nicht fluchen oder in der Ebene hohe Geschwindigkeiten fahren will, sollte beim Kauf vor allem auf die Übersetzungen der größten und kleinsten Gänge achten. Und möchte man genau wissen, wie einfach ein Rad klettert oder wie schnell man es bei normaler Trittfrequenz fahren kann, muss man den Taschenrechner rausholen, einen Ritzelrechner im Internet nutzen - oder am besten ausgiebig Probe fahren.

Es ist also komplizierter geworden an Kurbeln und Hinterrädern. Ganz so einfach war es jedoch auch früher nicht: Bei drei Kettenblättern sind wegen der vielen Kombinationsmöglichkeiten mit den Ritzeln einige Gänge doppelt belegt oder nicht sinnvoll nutzbar, weil die Kette sonst sehr schräg laufen würde. Die ganz große Anzahl von Gängen am Fahrrad war nämlich immer schon eine Illusion. Auf dem Schulhof aber hat das keiner gemerkt.

© SZ/mvö/mai
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