Fahrbericht Lamborghini Huracán:Das Segeln muss der Lamborghini noch lernen

Bereit für eine Probefahrt? Dann übernimmt für die nächsten Augenblicke der rechte Zeigefinger das Kommando: Motor starten, Schaltprogramm in M für manuell einloggen, Anima in Stellung Sport, per Lenkradpaddel den ersten Gang anwählen, und los geht's. Der V10 dreht willig hoch, klopft in den unteren Fahrstufen schon relativ früh an den Begrenzer, klingt dicht und gierig, blubbert unter Teillast nur mehr verhalten, steuert über Ansaugapparat und Klappenauspuff Stimmlage und Lautstärke.

Der Lamborghini Huracan LP 610-4 in voller Fahrt

Hurra, er kann! Auch auf der Landstraße brilliert der Lamborghini Huracán LP 610-4

(Foto: WGO)

Das Segeln muss der 5,2- Liter-Motor erst noch lernen, doch schon an der ersten Kreuzung überrascht uns der Kampfstier mit einer geräuschlosen Start-Stopp-Kunstpause. Das Getriebe legt in Abhängigkeit vom Fahrprogramm die Gänge sanft oder per linkem Haken ein, die Drehmomentverteilung erfolgt im Extremfall zur Hälfte an die Vorderachse beziehungsweise komplett an die Hinterachse, die elektromechanische Dynamiklenkung variiert die Übersetzung um fast 100 Prozent. Im Stadtverkehr bewirkt kleiner Kraftaufwand große Lenkwinkel, doch bei hohem Tempo haben Gelassenheit und Richtungsstabilität erste Priorität. Minimale Gegenlenkimpulse sollen dabei helfen, Lastwechsel-Übersteuern und Einlenk-Untersteuern zu entschärfen.

Das neue Modell bringt die Kraft besser auf den Boden

Gegen Aufpreis installiert Lamborghini einen hydraulischen Vorderachslift, Leichtbauräder und das über die Anima-Taste verstellbare Fahrwerk. Die variable Kennung beeinflusst den Federungskomfort und das Fahrverhalten - letzteres zum Beispiel beim Einlenken durch gezieltes Erhöhen der Dämpfkraft am kurvenäußeren Vorderrad. Gebremst wird mit Scheiben aus Verbundwerkstoff, die heiß gefahren derartig nachhaltig verzögern, dass sich für kurze Augenblicke sogar der Anstellwinkel der Ohren ändert. Die speziell für den Huracán angemischten Pirelli-Reifen halten auf den Geraden brav die Spur, bauen in Kurven viel Grip auf und rollen den Grenzbereich ermutigend breit aus.

Was uns dieses Auto sagen will? Dass Lamborghini dazugelernt hat, die fahrdynamischen Ecken und Kanten zu einer insgesamt runderen Abstimmung zu verschleifen und das kompromisslose Wesen des Gallardo einer sportiven Aufgeschlossenheit gewichen ist. Das neue Modell bringt die Kraft per Sperrdifferenzial noch besser auf den Boden, bewahrt selbst auf üblen Rüttelpisten ein Mindestmaß an Federungskomfort und verbindet ausgelassene Drehfreude mit einer deutlich explosiveren Kraftentfaltung. Der Huracán bleibt dabei entspannt und transparent bis ans Limit. Manchmal braucht es einen Seitenblick auf das Wappen im Lenkrad, dass wir wirklich in einem Lamborghini sitzen. Wenn auch in einem, der sich vom brachialen zu einem geschmeidigen Sportwagen gewandelt hat.

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