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Unterwasserkreisel:An der Qualle rechts

Nach nur etwas mehr als drei Jahren Bauzeit öffnet der Eysturoy-Tunnel. Auf halber Strecke: ein Unterwasserkreisel.

(Foto: Ólavur Frederiksen/www.faroephoto.com)

Ein neuer Tunnel verbindet die beiden größten Inseln der Färöer. In der Mitte: ein Verkehrskreisel. Tief unter dem Ozean.

Von Felix Reek

Die Einfahrt in einen Tunnel ist immer eine mulmige Angelegenheit. Alles natürliche Licht verschwindet, während sich das Auto Kilometer um Kilometer durch das Erdreich arbeitet, mit der Gewissheit, dass auf dieser Röhre ein ganzer Berg ruht. Auf den Färöern dürfte dieses Erlebnis bald ganz anders ablaufen. Nach ein paar Kilometern ist nicht das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, sondern ein blau oder grün schimmerndes Bauwerk, das wahlweise an eine Raumstation oder eine riesige Qualle erinnert. Am 19. Dezember eröffnet hier der erste Unterwasserkreisel der Welt, der den Eysturoy- und den Streymoy-Tunnel verbindet.

Verantwortlich für das Leuchten ist der einheimische Künstler Tróndur Patursson, ein verwegen aussehender Mann mit langem, grauen Haar und einem dichten wilden Bart, der nicht nur die Innenreinrichtung der Kirche von Gøta auf den Färöern schuf, sondern auf Fellbooten und Bambusflößen die Weltmeere bereiste. Seine Lichtkunst zierte bereits den bis dato größten Tunnel der Färöer, den 2006 eröffneten Norðoyatunnilin.

Künstler Tróndur Patursson neben seiner Stahlskulptur im Eysturoyartunnilin.

(Foto: Olavur Frederiksen/www.faroephoto.com)

Der elf Kilometer lange Eysturoyartunnilin wird diesen Rekord nun übertreffen und bietet weitere Kunstwerke von Patursson, an der Stelle, wo er auf den Streymoy-Tunnel trifft, dem geografischen Mittelpunkt der Färöer. Für das ehrgeizige Projekt entwarf der Künstler Lichtinstallationen und eine 80 Meter lange Stahlskulptur. Die lebensgroßen Figuren starren in Richtung des Kreisels und zeigen eine Tradition der Färöer, bei der Hunderte Menschen Hände halten, um "von der Dunkelheit ins Licht zu laufen", wie Patursson dem Guardian erklärte. "Sie symbolisieren die sehr färöische Idee, dass wir großartige Dinge erreichen können, wenn wir uns an den Händen fassen und zusammenarbeiten."

Die Lichtinstallationen von Patursson finden sich überall in den Tunneln.

(Foto: Ólavur Frederiksen/www.faroephoto.com)

Mehr als 20 Tunnel seit den Sechzigerjahren

Dass es sich bei dem Kreisel und den beiden dazugehörigen Tunneln um eine beeindruckende Leistung handelt, steht außer Frage. Die Färöer liegen im Atlantik ziemlich genau in der Mitte zwischen Norwegen und Island, 50 000 Einwohner leben verteilt auf 18 Inseln. Wer hier von einem Ort zum anderen kommen will, muss lange kurvenreiche Wege entlang der Fjorde auf sich nehmen. Die meisten Färöer arbeiten in der Hauptstadt Tórshavn und sind auf kleine Autofähren angewiesen. Fallen die bei schlechtem Wetter aus, gibt es keine Möglichkeit, mit dem Auto überzusetzen. Aus diesem Grund begann die Regierung der autonomen Inselgruppe das Verkehrskonzept schon vor Jahrzehnten zu überdenken. Seit den Sechzigerjahren bauen die Färöer Tunnel, mehr als 20 sind es mittlerweile, der Eysturoyartunnilin ist das bisher größte und teuerste Infrastrukturprojekt der Inseln.

Die Einfahrt des Eysturoyartunnilin verrät nicht, was sich in seinem Inneren versteckt.

(Foto: Ólavur Frederikse/www.faroephoto.com)

360 Millionen Euro verschlang der Bau des Eysturoy-Tunnels, finanziert von der Regierung der Färöer und Investoren vom Festland. Kompensiert werden soll das in den nächsten Jahren durch Mautgebühren, eine Durchfahrt wird etwa zehn Euro kosten. Die Vorteile des Projekts sind nicht von der Hand zu weisen: Nach nur dreieinhalb Jahren Bauzeit verbindet der bis zu 189 Meter tief unter dem Atlantik verlaufende Tunnel die Inseln Streymoy und Eysturoy und soll so die Reisezeit um bis zu 70 Prozent verkürzen. Der Weg aus dem im Norden gelegenen Fischereihafen Klaksvík nach Tórshavn beträgt dann nur noch eine halbe statt einer Stunde, von Runavík bis in die Hauptstadt sind es nur 15 Minuten. Vorher brauchten Pendler mehr als eine Stunde.

Der Tourismus wächst auf den Färöern

Ein weiterer Nebeneffekt zeichnet sich bereits ab: Als die ersten Bilder des Eysturoy-Tunnels und des dazugehörigen Raumstationkreisels in den sozialen Medien kursierten, erklärten sofort Tausende, allein deswegen auf die Färöer zu reisen. Tatsächlich boomt der Tourismus auf der Inselgruppe seit einigen Jahren. Zwei neue Hotels entstanden in der Hauptstadt Tórshavn, die lokale Fluggesellschaft Atlantic Airways nahm im Juni einen neuen Airbus in Betrieb. Das klingt nach nicht viel, aber in Tórshavn und umliegenden Ortschaften leben gerade einmal 20 000 Einwohner. Zwar hat die Corona-Pandemie diesen Trend gebremst, doch wenn die Reisebeschränkungen fallen, dürfte sich das wieder ändern.

Dreieinhalb Jahre dauerte der Bau des Eysturoy-Tunnels und des Unterwasserkreisels.

(Foto: Ólavur Frederikse/www.faroephoto.com)

So ist eine der Befürchtungen, dass der Eysturoy-Tunnel als Tourismus-Magnet sogar zu mehr Staus auf der Insel führen könnte. In der Hauptstadt beispielsweise gibt es nur drei Ampelkreuzungen. Den Ausbau der Infrastruktur der Inseln, die vor allem auch entlegene Gebiete verbinden soll, dürfte das nicht stoppen. Die Färöer planen bereits das nächste Großprojekt. Der 25 Kilometer lange Suðuroyartunnilin soll ab 2030 die Inseln Suðuroy und Sandoy verbinden.

© SZ
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