Europäisches Eisenbahnnetz Das Milliarden-Spiel

Die Bahn will 3300 Kilometer ihres Schienennetzes mit einem digitalen Zugsicherungssystem auf EU-Standard bringen.

Von Klaus C. Koch

Das Bild auf dem Monitor vor Josef Stahl, Herr über die Betriebssysteme bei der Netzleitzentrale der Deutschen Bahn in Frankfurt am Main, könnte moderne Kunst sein. Grüne, gelbe und rote Linien überkreuzen sich scheinbar planlos, ein buntes Gewirr. Es steht für 800 Fernreise- und 1300 Güterzüge pro Tag; zwischen 33.000 und 40.000 sind es pro Monat, darunter noch ein paar tausend, die als "Gelegenheitsverkehr" übers Gleis rattern: Wenn es hier überhaupt noch eine Konstante gibt, dann ist es jener Zeitbalken, der unerbittlich voranwandert, gefolgt von einem Moiré aus Pfaden, Geraden und Diagonalen, die sich wie auf einem Radarschirm alle paar Sekunden erneuern.

Intercity-, Express- und Güterzüge auf dem mit 34.000 Streckenkilometern größten zusammenhängenden Schienennetz Europas melden hier alle zwei Minuten ihre Position. Die Zugnummern werden bei der Durchfahrt in den Bahnhöfen und beim Passieren der 5000 Stellwerke in Deutschland über automatische Anlagen erfasst. Schnelle Datenleitungen, meist Glasfaserkabel, übertragen die Information in die Zentrale nach Frankfurt. Auf dem Bildschirm taucht dann, als wäre das Bedienpult zum Feldherrnhügel geworden, ein kleines Fähnchen mit Nummern auf, das jeweils mit einem Plus oder Minus die Abweichung vom Fahrplan angibt.

In dem abgedunkelten Großraumbüro unweit des Frankfurter Hauptbahnhofs koordinieren die 33 Mitarbeiter den Schienenverkehr an handelsüblichen 17-Zoll-Bildschirmen. Schnittstellen und potentielle "Anschlusskonflikte" werden per Mausklick herangezoomt. Dann heißt es umdisponieren - etwa, wenn sich im Rheintal ein ICE mit Tempo 200 einem langsam fahrenden Güterzug nähert, der dann schnell auf ein Nebengleis umgeleitet werden muss; oder etwa wenn in Köln der Anschluss an den ICE nach Hannover nicht mehr stimmt, weil mal wieder die Tür am Speisewagen klemmt.

Die Leitzentrale erfasst auch sämtliche Störungen, die im Laufe des Tages auf dem Gesamtnetz entstehen. Insgesamt 40.000 bis 60.000 Begründungen für Verspätungen sind es pro Tag, die in der Netzleitstelle eintrudeln. Keine Entschuldigung, um erboste Fahrgäste zu beruhigen, sondern Datensätze, die die Ursachenforschung erleichtern: Bremsdefekte, Sicherheitshalte oder Signalstörungen. Nicht selten müssen die Disponenten in Sekundenschnelle über Ausweichstrecken entscheiden.