Verkehrssicherheit Wer weniger Unfalltote will, muss den Menschen einbremsen

Moderne Technik kann helfen, viele Unfälle zu vermeiden. Sie reagiert schneller, als jeder Autofahrer es könnte.

(Foto: lukasbarth.com)

Sicherheitssysteme zur Pflicht zu machen, ist richtig, denn der Mensch ist der größte Risikofaktor im Verkehr. Dafür muss er auch Überwachung in Kauf nehmen.

Kommentar von Christina Müller

Dem Menschen ist nicht zu trauen. Zumindest nicht, wenn er hinter dem Steuer eines Fahrzeuges sitzt. Mit der Verpflichtung, von 2022 an umfangreiche Assistenzsysteme in jedem neuen Fahrzeug zu verbauen, macht die EU-Kommission deutlich, dass in Zukunft die Technik der bestimmende Faktor bei der Fahrzeugsicherheit sein soll, um der Vision von null Verkehrstoten im Jahr 2050 näherzukommen. Der Preis dafür ist eine umfangreiche Überwachung. Aber das ist es wert. Dass die EU jetzt radikal handelt, ist richtig. Das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten zwischen 2010 und 2020 zu halbieren, wird wohl klar verfehlt. Im Jahr 2017 starben in Europa 25 300 Menschen im Straßenverkehr, das waren gerade einmal 20 Prozent weniger als 2010. Und immer noch ist der Mensch bei den meisten Unfällen der größte Risikofaktor.

Die meisten Neuwagen werden ohne Assistenzsysteme ausgeliefert

Verkehrsrecht und Service EU will weitreichende Sicherheitssysteme im Auto zur Pflicht machen
Verkehrspolitik

EU will weitreichende Sicherheitssysteme im Auto zur Pflicht machen

Die EU-Kommission will Herstellern vorschreiben, ab 2022 in jedem Fahrzeug bestimmte Sicherheitssysteme zu verbauen. Es geht auch um Funktionen, die den Fahrer permanent überwachen.   Von Christina Müller

90 Prozent aller Unfälle werden durch "menschliches Versagen" verursacht. Dieses Problem lässt sich nur lösen, wenn man den Fahrer schrittweise aus der Verantwortung nimmt - und der Industrie Anreize gibt, noch mehr in die Sicherheit von Fahrzeugen zu investieren. Sicherheitssysteme gibt es zuhauf, die Hersteller überbieten sich mit immer besseren Funktionen, die erkennen, ob der Fahrer müde oder abgelenkt ist und der Abstand zum Vordermann gehalten wird, und die automatisch bremsen, wenn ein Kind auf die Straße läuft. Doch die meisten Assistenzsysteme sind nur in den oberen Fahrzeugklassen serienmäßig eingebaut, in Kleinwagen gibt es sie teilweise gar nicht oder nur gegen Aufpreis. 2016 stellte der Deutsche Verkehrssicherheitsrat eine Studie vor, wonach 60 Prozent der Neuwagen keine Fahrerassistenzsysteme an Bord hatten. Bei einer Befragung, warum das so ist, antworteten die meisten Neuwagenkäufer, dass sie die Systeme entweder nicht kannten oder sie für ihr Modell nicht verfügbar waren. Genau diese Probleme löst die neue EU-Pflicht.

Wenn in Zukunft jedes Auto die gleichen Sicherheitsfunktionen bieten muss, dann ist das ein Gewinn für die Sicherheit auf den Straßen. Damit werden auch endlich Systeme zur Pflicht, mit denen sich Abbiegeunfälle von Lastwagen vermeiden lassen, bei denen jedes Jahr viele Fahrradfahrer und Fußgänger sterben. Die Technik dafür gibt es jetzt schon. Doch vielen Logistikunternehmen ist sie schlicht zu teuer. Es liegt nun an den Herstellern, zu zeigen, dass "Sicherheit für alle" nicht bedeutet, dass die individuelle Mobilität für viele Menschen unbezahlbar wird. Sicher, Technik kostet Geld. Aber ein Kleinwagen darf nicht auf einmal Tausende Euro mehr kosten, weil er in Zukunft mehr Sicherheitsfunktionen an Bord haben muss. Deshalb müssen die Hersteller Lösungen finden, wie man zum Beispiel durch Standardisierungen bei der Produktion auch weiter günstige Einstiegsmodelle anbieten kann - die dann aber genauso sicher sind wie Premiumfahrzeuge.

Natürlich sind die Vorgaben der EU-Kommission ein Eingriff in die Autonomie und die Privatsphäre der Menschen - doch hier geht es eben auch um den Schutz der Allgemeinheit. Damit ein System erkennt, ob der Fahrer müde oder abgelenkt ist, muss es den Menschen permanent überwachen. Und wenn ein Unfall passiert, können die Aufzeichnungen aus der "Blackbox" ähnlich wie bei Flugzeugabstürzen helfen, die Ursache herauszufinden. Nicht zuletzt helfen diese Daten den Herstellern dabei, die Systeme zu optimieren. Der Mensch wird gläsern im Sinne der allgemeinen Sicherheit. Noch ist nicht klar, ob mit der Vorschrift, die Funktionen an Bord zu haben auch die Pflicht einhergeht, diese zu nutzen. Wird ein Gericht einem Autofahrer eine Mitschuld zusprechen, weil der den Tempomat nicht eingeschaltet hatte oder er den Spurhalteassistenten aktiv übersteuert hat? Diese Diskussionen sind nur noch so lange relevant, wie der Mensch überhaupt noch die Möglichkeit hat, Sicherheitssysteme aktiv zu beeinflussen.

Die EU hat mit ihrer Entscheidung klar gemacht, wohin die Reise geht: Langfristig wird dem Menschen bei der Mobilität die Verantwortung aus der Hand genommen. Die Assistenzsysteme sollen jetzt das Vertrauen schaffen, damit Menschen in ein paar Jahren in autonome Fahrzeuge steigen. Um diese Akzeptanz zu schaffen, ist die Verpflichtung der EU ein wichtiger Schritt. Menschen müssen selbst erfahren, was moderne Sicherheitssysteme jetzt schon leisten können. Wer einmal selbst erlebt hat, wie der Notbremsassistent in letzter Sekunde einen Aufprall verhindert, wird die Technik mit anderen Augen sehen - und in ein paar Jahren vielleicht auch ohne ein mulmiges Gefühl in ein Robotaxi einsteigen.

Leserdiskussion Verkehr: Mehr Sicherheitssysteme - weniger Unfalltote?

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Verkehr: Mehr Sicherheitssysteme - weniger Unfalltote?

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