"Estonia"-Unglück:Warum sie sank, wie sie sank

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Die Bugklappe der Estonia hielt nicht. Das Schiff hatte am 27. September 1994 gegen 19.15 Uhr im estischen Tallinn abgelegt, die Ankunft in Stockholm war für den nächsten Morgen gegen 9.30 Uhr vorgesehen.

estonia; dpa

Ging am 28. September 1994 unter: die Estonia

(Foto: Foto: dpa)

Um 1.24 Uhr hörten Schiffe in der Nähe den letzten Notruf, auf Finnisch. Valanto, selbst Finne, übersetzt die Aufzeichnung: "Mayday Mayday Estonia bitte... Guten Morgen, sprichst du Finnisch?...Ja, wir haben hier nun ein Problem, eine schwere Schlagseite nach Steuerbord, ich glaube zwanzig bis dreißig Grad. Könntest du zu Hilfe kommen und auch Viking Line zu Hilfe bitten..." Die Estonia gab noch ihre Koordinaten durch. Dann: Stille.

Spezielle Software

Krüger wird in den nächsten Monaten seine Computer mit allen greifbaren Informationen füttern. Er ist spezialisiert aufs Kentern und Sinken. Die Software seines Instituts simuliert die Flutung aller Hohlräume des Schiffes, kann also die Frage beantworten: Wie schnell muss in welchen Raum wie viel Wasser eingedrungen sein, damit die Estonia genau so sank, wie sie gesunken ist? Oder: Was musste geschehen, damit die Estonia so sank, wie sie sank?

Über Jahre ist dieses schon seit 1985 existierende Modul stetig entwickelt und in der Praxis von Schiffbauern benutzt worden. Ingenieur Krüger konstruierte selbst Fähren in Flensburg. Im Laufe der Estonia-Untersuchung könnte die Software erweitert werden, um weitere Annahmen berechnen zu können - etwa, dass Fahrzeuge auf dem Deck verrutscht wären.

"Bisher keine Hinweise auf Detonation"

So wissenschaftlich die Untersuchung auch ist - am Ende könnte sie Futter für neue Spekulationen liefern. Die Berechnungen und Modellversuche in Hamburg und Schweden könnten zum Beispiel zum Ergebnis haben, dass eine abgerissene Bugklappe allein nicht dazu führen konnte, die Estonia auf diese Weise zu versenken, nämlich "sehr schnell und übers Heck", wie Krüger sagt.

Womöglich musste es dazu weitere Ereignisse an Bord gegeben haben, andere Schäden. Ein Leck unterhalb der Wasserlinie etwa, wie die Buchautorin und Journalistin Jutta Rabe annimmt? Eine Explosion sogar? "Nach den Berichten, die ich bisher schon gelesen habe, gibt es auf eine Detonation keine Hinweise, so viel kann ich sagen", sagt Petri Valanto. Aber es gibt andere Zeugen-Schilderungen von Ereignissen, die so nicht abgelaufen sein können: "Die gilt es zu bewerten."

"Miserabel gewartet"

Auch Stefan Krüger weiß schon etwas: "Dass die Estonia miserabel gewartet war." Seiner Meinung nach wäre sie, wenn nicht in dieser Nacht, dann in einer anderen verunglückt, weil die Bugklappe der Krafteinwirkung, der sie ausgesetzt war, offensichtlich nicht gewachsen war.

"Aber auf keinen Fall", sagt der Professor, "werden wir uns mit der Frage von juristischer Schuld beschäftigen." Ihm, dem Experten für Kenter-Vorgänge, und HSVA-Projektleiter Valanto, Spezialist für numerische Simulation, geht es mehr um die größtmögliche Annäherung an die physikalischen Abläufe jener Nacht. Valanto: "Und selbstverständlich bin ich dankbar für jeden einzelnen Hinweis darauf, warum die Bugklappe abgefallen ist."

Für Stefan Krüger wäre auch ein Erfolg, würde die Studie in Zukunft die Vorschriften für Schiffssicherheit beeinflussen. Die Estonia hat - wie einst der Untergang der Titanic - "zu umwälzenden Veränderungen der Sicherheitskultur" geführt, sagt Krüger; seiner Meinung nach nicht nur zu sinnvollen. Dennoch fährt er selbst noch gern auf Schiffen - aber niemals, ohne vorher zu prüfen, "wo meine Schwimmweste ist".

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