Energiesparen mit dem Elektroauto:Der Nissan Leaf ist ein Stromfresser

Der neue Nissan Leaf.

Mit einem Elektroauto wie dem Nissan Leaf sollte man Autobahnen möglichst meiden.

(Foto: Nissan)

Benziner, Plug-in-Hybrid oder Elektroauto? In einer dreiteiligen Testreihe wollen wir herausfinden, welches Antriebskonzept das sparsamste ist und mit welcher Technologie sich die Verbrauchswerte der Hersteller auch im Alltag erreichen lassen. Spurtvermögen, Federungskomfort oder die Eigenschaften des Innenraums spielen bei diesen Tests keine große Rolle. Es geht allein um möglichst energiesparendes Vorankommen. Die Testrunde beinhaltet Stadt-, Überland- und Autobahnpassagen zu etwa gleichen Teilen. Diesmal muss der Nissan Leaf zeigen, ob die weit verbreitete Reichweitenangst bei Elektroautos begründet ist.

Test von Michael Neißendorfer

Zugegeben, wir waren uns nicht sicher, ob er das auch schafft. Und haben vorsichtshalber vorab recherchiert, wo sich das Test-Elektroauto unterwegs zwischenladen ließe. Für den Leaf mit der 30-Kilowattstunden-Batterie gibt Nissan zwar bis zu 250 Kilometer Reichweite an. Doch dass die nach dem umstrittenen NEFZ-Testverfahren ermittelten Werte mit Elektroautos nur schwer zu erreichen sind, ist kein Geheimnis. Zudem beinhaltet die 130 Kilometer lange Testrunde annähernd 50 Kilometer Autobahn, die mit der Richtgeschwindigkeit (130 km/h) absolviert werden sollen.

Bei der Übernahme des Fahrzeugs schon eine erste kleine Ernüchterung. Der Leaf schätzt die mögliche Reichweite trotz voller Batterie und des voreingestellten Eco-Modus auf nur 212 Kilometer. Er schlägt vor, die Klimaanlage zugunsten weiterer 15 Kilometer auszuschalten. Angesichts der aktuellen Wetterlage, die für den Nachmittag Schneefall im April prophezeit, eine schlechte Idee. Zwar ist Spritsparen bei dieser Ausfahrt die oberste Maxime, aber bitte nicht ohne Heizung, zu Lasten des Komforts.

Kaum Mehrverbrauch durch Heizung und Licht

Leise surrend geht es auf die ersten Kilometer, die durch ein sieben Grad kaltes München führen. Die Gedanken schweifen kurz ab, Richtung Diesel-Gate. Ein Großteil der Selbstzünder ist nun wohl mit weitgehend abgeschalteter Abgasreinigung unterwegs und reichert die Luft mit unnötig vielen Schadstoffen an. Das Elektroauto macht das nicht, jedenfalls nicht während der Fahrt. Schadstoffe fallen hier lediglich bei der Produktion des Autos und der Energie an.

Nach etwa zwölf zähen Kilometern in der Innenstadt hat sich der Energieverbrauch bei 14,3 kWh je 100 Kilometer eingependelt. Die Verbrauchsanzeige des Fahrzeugs verrät auch, dass sich der Mehrverbrauch durch Heizung und Licht in Grenzen hält: Weniger als 0,5 kW sollen die Zusatzverbraucher aus der Batterie ziehen. Die wird zudem während der Fahrt immer wieder etwas nachgeladen. Und zwar immer dann, wenn der Leaf vor einer Ampel, Kreuzung oder einem langsameren Fahrzeug abbremst oder verzögert. Der Fahrer kann sogar einstellen, wie stark diese sogenannte Rekuperation wirken soll - ganz simpel über den Automatik-Hebel.

Auf der Autobahn sinkt die Reichweite rapide

Dennoch ist die Reichweite bereits jetzt auf 194 Kilometer geschrumpft. Um 18 Kilometer, obwohl nur zwölf zurückgelegt wurden. Mit mulmigem Gefühl geht es für die nächsten 45 Kilometer auf die Autobahn. Bei 130 km/h liegt der Energieverbrauch laut Infoanzeige des Tachos im Bereich um die 30 kWh je 100 Kilometer. So sinkt auch die verbleibende Reichweite überproportional schnell. Doch auch der getestete Plug-in-Hybrid und der Benziner mussten diese Geschwindigkeit beibehalten - aus Gründen der Fairness bleibt der Fuß auf dem Gas.

Mit nur noch 73 Kilometer Reichweite kommt das Elektroauto am Wendepunkt an, der etwa die Mitte der Testrunde markiert. Der durchschnittliche Energieverbrauch liegt nun schon bei 19,8 kWh je 100 Kilometer. Das könnte eng werden bis zum Ziel. Die Hoffnung liegt im Streckenprofil, das nun nur noch gemütliche Landstraßen- und Stadtverkehrpassagen bereithält. Schnell merkt der Bordcomputer, dass die Geschwindigkeit und damit der Energiebedarf sinkt. Die geschätzte Reichweite klettert auf 80 Kilometer und fällt erst nach weiteren 20 Kilometern unter den Wert an der Autobahn-Ausfahrt.

Im Stadtverkehr fühlt sich der Leaf am wohlsten

Im bald folgenden Stop and Go der Innenstadt zeigt sich, dass Elektroautos für die Stadt gemacht sind: Der durchschnittliche Stromverbrauch liegt laut Bordcomputer nun wieder bei 16,3 kWh je 100 Kilometer. Nach 130 Kilometern erreicht der Leaf das Ziel, der Energiegehalt des Akkus würde für weitere 33 Kilometer reichen. Die NEFZ-Angabe des Herstellers wurde damit zwar um knapp 90 Kilometer verfehlt, allerdings war das angesichts der längeren Autobahn-Etappe zu erwarten. Bei einem nur im Stadtverkehr durchgeführten Test hätte der Leaf die bei Fahrtbeginn angezeigten 212 Kilometer wohl tatsächlich erreicht.

Da leider die Möglichkeit fehlt, den tatsächlichen Energieverbrauch beim Nachladen zu ermitteln, müssen die Daten aus dem Bordcomputer genügen, um die Kosten zu ermitteln: 86 Prozent der Batteriekapazität hat der Leaf auf der 130-Kilometer-Runde verloren, was einem Verbrauch von 25,8 Kilowattstunden entspricht. Bei zugrunde gelegten 28 Cent je Kilowattstunde Ökostrom belaufen sich die Energiekosten auf 5,56 Euro je 100 Kilometer, auf denen umgerechnet 19,85 kWh verbraucht wurden.

Ladeverluste erhöhen den Stromverbrauch

Der tatsächliche Stromverbrauch eines Elektroautos liegt wegen Ladeverlusten auf dem Weg von der Steckdose in den Akku allerdings um einiges höher. Die Gründe für das Defizit sind vielfältig: Die Akkutemperatur spielt eine Rolle, ebenso die Längen und Querschnitte der verwendeten Ladekabel. Auch die Art des Ladens kann die Effizienz eines Elektroautos beeinträchtigen - eine Schnellladung verursacht einen höheren Verlust als eine mehrstündige Normalladung.

Einer Studie und Erfahrungswerten von Stromer-Fahrern zufolge betragen die Ladeverluste bei Elektroautos zwischen zehn und 30 Prozent. Den Mittelwert davon auf die Energiekosten der Testrunde aufgeschlagen, ergeben sich ungefähr 6,70 Euro je 100 Kilometer. Dafür bekommt man an Tankstellen aktuell knapp 6,5 Liter Diesel oder etwa 5,3 Liter Benzin. Der Leaf ist somit zwar sparsamer unterwegs als viele Benziner. Vergleichbare Diesel sind aber wohl meist die schonendere Variante für die Geldbeutel. Nicht aber für die Umwelt - das hat spätestens Diesel-Gate gezeigt.

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