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Endstation, Niemandsland, Unglücksort:Hafen-Geschichten

Denn es waren besonders diese fünf oder auch sechs Jahrzehnte, in denen viele Häfen zwar zu den betriebsamen Umschlagplätzen des Welthandels wurden mit ihren immer gewaltigeren Piers, Kränen, Speicherstädten, Reeden und Werften, aber noch längst nicht aufgegangen waren in den heutigen Container-Terminals, die mit dem Hafen alten Typs so wenig gemein haben wie ein Supertanker mit einem Gewürzschiff der Ostindischen Compagnie. Es waren jene Jahrzehnte, in denen die Häfen noch bevölkert waren von Seeleuten und Glücksrittern, von Schmugglern und Gestrandeten, von Fischern und obskuren Wirtsleuten - und dazwischen wenige mondäne Vergnügungsreisende. Und es waren auch jene Jahrzehnte, deren Kriege und totalitäre Regime endlose Reihen politischer Flüchtlinge in Häfen wie Marseille, Lissabon, Sanary-sur-Mer, Haifa und Schanghai trieb.

Auch der Hafen von Genua war ein beliebter Sammelplatz von Menschen.

(Foto: Foto: Slg. Arnold Kludas/Archiv DSM)

Pittoreske Hafenkulissen, schnelllebige Transitzentren

Selten hat sich eine Epoche in ihren Hafenstädten eine solch charakteristische Mixtur aus lebendiger und trister Ortlosigkeit verschafft wie diese: ein drastisches Nebeneinander von nüchternem industriellem Umschlag und vagabundierendem Freigeist, von modischer Extravaganz und traditionellen Spelunken, von professionellem Überseehandel und armseligen Krämergeschäften, von Flüchtlingselend und Flüchtlingshoffnung.

So unaufhaltsam sich altehrwürdige und pittoreske Hafenkulissen in diesen Jahren in schnelllebige Transitzentren wandelten, so herausfordernd und sentimental lockten noch die letzten Phantasmen des Seeabenteuers - gerade weil sein historisches Ende nicht mehr allzu fern zu sein schien. Noch lebten von seinen Gefahren, Faszinationen und Versprechen die Molen, Kneipen, Bordelle und auch die Büros der Heuermaate selbst jener Häfen, die bereits vom rationalisierten Handel eingenommen waren.

Kein Wunder darum, dass es vor allem diese Epoche war, deren Schriftsteller wie Joseph Conrad, Jack London, B. Traven oder auch noch Ernest Hemingway die Seefahrt und die sieben Meere mit hartem Realismus gezeichnet haben, einem Realismus, der gleichwohl im Hintergrund melancholisch-romantisch gestimmt ist. In Florian Beckerhoffs Anthologie "Häfen - Eine literarische Kreuzfahrt" kann man in kleinen Dosen diese reportagehafte Sachlichkeit und ahnungsvolle Sehnsucht nacherleben, mit der die Schriftsteller damals die Hafen- und Seewelt in sich aufnahmen.

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