Elektromodell i3 von BMW:Ein Auto wie eine Welt-Religion

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Vom November an steht der BMW i3 beim Händler.

(Foto: UWE FISCHER; BMW)

Ende des Monats wird BMW seinen lang erwarteten i3 offiziell vorstellen. Ein Elektroauto, das allen Luxus-Ansprüchen genügen soll. Bei der verwöhnten Kundschaft gibt es trotzdem noch Widerstände zu überwinden. Entsprechend akribisch wird der Start vorbereitet - und der Wagen kurzerhand zur Religion erhoben.

Von Thomas Fromm

Das Elektroauto ist das Auto der großen Phobien. Die Kunden haben Angst, dass sie nach ein paar Kilometern mit leerer Batterie auf der Straße liegen bleiben. Sie haben Angst, dass sie ein nutzloses Auto kaufen, mit dem sie nicht einmal bis nach Italien kommen. Sie haben Angst, dass sie die Reparaturen ein Vermögen kosten könnten.

Auch die Autohersteller haben Angst. Sie haben Angst, dass ihre Kunden zu viel Angst haben und deshalb kein Elektroauto kaufen. Das weiß auch Ian Robertson, und deshalb sagt der Vertriebsvorstand von BMW: "Wir haben an alle Fragen gedacht, die die Leute haben könnten." Er muss an all diese Fragen denken, denn sein Konzern bringt im Spätherbst ein Elektroauto aus dem Leichtbaustoff Carbon auf den Markt. Ein Auto, das es bislang so noch nicht gegeben hat und von dem vieles abhängt, für BMW, aber auch für die Zukunft von Elektroautos insgesamt. Es ist sozusagen: der Testwagen für die ganze Branche.

Die Angst fährt mit

"Wir wollen eine wichtige Rolle spielen in der internationalen Elektroauto-Industrie", sagt Robertson. Das aber klappt nur, wenn sich das Auto auch verkauft. Deshalb wäre nichts schlimmer, als wenn Elektroautos liegen blieben. Nicht schnell repariert werden. Zu teuer repariert werden. Leute nicht mehr mit dem Auto in den Urlaub fahren können. "Sie wollen nach Südfrankreich? Wir finden einen Weg für Sie", sagt BMW-Vorstand Robertson. BMW besorgt Ersatzlimousinen mit Verbrennungsmotor und Platz für viele Kinder. Autos, bei denen man in ein paar Minuten volltankt, statt sie acht Stunden lang aufzuladen. Und "günstiger als Leihautos von Sixt", wie es heißt. So ist das mit neuen Geschäftsmodellen: Hat man erst mal eines, kommt oft noch ein zweites mit dazu.

BMW hat mit seinem i3 etwas Neues geschaffen. Ein Auto, das in sieben Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigt, zum Großteil aus leichtem Carbon besteht und weniger als 1200 Kilo wiegt. 230 davon gehen auf die Batterie, die sich unterhalb von Vordersitz und Rückbank zieht. Sie ist das Herz der neuen Auto-Kultur, nicht mehr der alte Verbrennungsmotor. Der i3 hat also mit einem Smartphone mindestens genau so viel zu tun wie mit einem Auto. Für rund 160 Kilometer reicht eine Batterieladung, danach muss man sehen, dass man eine geeignete Steckdose zum Aufladen findet. Das dauert dann sechs bis acht Stunden und kostet an die fünf Euro. E-Auto fahren ist also viel billiger als das Fahren mit Benzin oder Diesel. Wenn nur diese Angst nicht mitfahren würde.

Reichweiten-Angst!

Es ist nicht so, dass das Auto einfach ausgeht wie ein Handy ohne Strom. Es meldet sich vorher, sendet Warnsignale, bittet darum, doch möglichst Heizung oder Kühlanlage auszuschalten. Alles auf Null zu stellen, was auf Kosten der Batterie geht. Ignoriert man all diese Warnzeichen, bleibt man stehen. Und dann nützt es nichts, wenn einer anhält, der einen Ersatzkanister Benzin dabei hat. Reichweiten-Angst!

Die Münchner Strategen glauben, dass zu dem neuen Elektroauto auch eine neue Art von Kundendienst gehört. Es ist das Ende des alten Auto-Service-Duopols Händler - Kfz-Mechaniker. Der i3, das ist auch der Beginn eines neuen Kundenberaters in der Autoindustrie, des so genannten "Product-Genius". Der Genius ist ein per Definition junger Mensch, bestenfalls in den 20ern, der dem Kunden etwa bei IT-Fragen auf die Sprünge hilft. Sein Arbeitsgerät: ein iPad. Jederzeit ansprechbar. Er trägt weder Blaumann noch Nadelstreifen, sondern weißes Polo-Shirt. So wie der Engländer Ben, der aus Lancashire auf das BMW-Testgelände in Maisach gekommen ist. Ben sagt: "Ich habe mich immer schon für Luftfahrt und für Autos interessiert." Und dass er vorher in einem italienischen Restaurant gearbeitet habe. Kundenbetreuung ist also nichts Neues für Ben.

Man kann an ihn glauben - oder auch nicht

Weil es um so viele offene Fragen geht und dabei auch um Fragen, die so noch nie gestellt werden mussten, ist BMW diesmal besonders hartnäckig. Noch nie hat die Industrie ein Auto vorgestellt wie BMW seinen i3. Einige erkennen eine gewisse Dramaturgie, sprechen von einem ausgeklügelten Spannungsbogen. Andere von: Salami-Taktik. Vor ein paar Jahren fing es an, da lud BMW zu Workshops über Mobilität in den Großstädten von morgen. Dann sprach der Konzern über einen kleinen Ort an der amerikanischen Westküste namens Moses Lake, woher die feinen Fasern für die Carbon-Produktion für den i3 kommen. Dann zeigte man neue, hochgerüstete Produktionsanlagen in Wackersdorf und Leipzig. In diesen Tagen lädt BMW Journalisten auf seine Pisten außerhalb von München zur Probefahrt.

Am 29. Juli dann das große Event: Der i3 wird dann zur gleichen Zeit in London, New York und Peking präsentiert. So, als hätte es noch niemals vorher ein Auto gegeben. Eine Art Offenbarung. Ein religiöser Akt. Wenn das die Botschaft ist, dann ist der i3, mehr als nur eine Weltneuheit. Er soll ein Welt-Auto sein. BMW-Vorstand Robertson spricht von einem "Pionier-Projekt", einem "großen Schritt nicht nur für BMW, sondern für die gesamte Autoindustrie". Von da ist es nicht mehr weit bis zur gesamten Menschheit. Der i3 hat also, konsequent zu Ende gedacht, durchaus etwas von einer neuen Welt-Religion. Man kann an ihn glauben. Oder auch nicht. Ab September wird das neue Auto dann in Leipzig gebaut; ab November verkauft.

© SZ vom 16.07.2013/goro
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