Fahren mit Strom:Elektroautos im Realitätscheck

Fahren mit Strom: Nach einem zögerlichen Anlauf der E-Mobilität fahren nun immer mehr Stromer auf Deutschlands Straßen. Illustration: Stefan Dimitrov

Nach einem zögerlichen Anlauf der E-Mobilität fahren nun immer mehr Stromer auf Deutschlands Straßen. Illustration: Stefan Dimitrov

Viele Käufer sind noch unsicher: Wie wirken sich niedrige Temperaturen aus? Wie verlässlich sind die Reichweitenangaben? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Felix Reek

Der Wandel der Automobilbranche zur Elektromobilität ist da. Ab 2035 sollen in der Europäischen Union laut einer Vorlage nur noch Stromer neu zugelassen werden. So will die EU bis 2050 klimaneutral sein. Viele Autohersteller verkünden schon jetzt, dass sie in Zukunft keine Verbrenner mehr bauen wollen. Audi will ab 2026 komplett auf Stromer umstellen, Volvo vier Jahre später. Für Autofahrer bleiben aber noch viele Fragen offen. Wie verlässlich sind die Reichweitenangaben der Hersteller? Und wie verhält es sich mit der Reichweite im Winter? Oder auf der Autobahn? Wir beantworten die wichtigsten Fragen und Antworten.

Welche Elektro-Modelle gibt es schon und welche kommen noch?

Das Angebot an Stromern ist mittlerweile groß. Neben einer umfangreichen Auswahl an SUV aller Größen, gibt es Kompakt- und Kleinwagen, Vans, selbst E-Sportwagen bieten einige Hersteller an. Allein in diesem Jahr sollen 20 neue Modelle auf den Markt kommen, darunter die elektrische Mercedes E-Klasse (EQE), der BMW 4er (i4) und das lange angekündigte Tesla Model Y. VW legt mit dem ID.5 nach, BMW will einen elektrischen 1er bauen, selbst das Hip-Hop-Protz-Auto der Neunzigerjahre, der GMC Hummer, kehrt als Stromer zurück. Nur die in Deutschland so beliebten Kombis finden Kunden nicht - keinen einzigen. Was daran liegen dürfte, dass der Rest der Welt Limousinen und SUVs bevorzugt. Zumindest Volkswagen verspricht mit dem VW Aero B Shooting Brake Abhilfe, einem elektrischen Pendant zum Passat. Der soll aber erst 2023 kommen.

Wie sind die aktuellen Lieferzeiten?

Wer ein Elektroauto bestellt, braucht Geduld. Die gesamte Autobranche leidet zurzeit am Chipmangel, der die Produktion und Auslieferung verzögert. Hinzu kommt die große Nachfrage nach Stromern. Das führt dazu, dass selbst auf die simple Anfrage, wie lange Käufer auf ihr Auto warten müssen, Hersteller mit der präzisen Schwammigkeit des CDU-Wahlprogrammes zur Bundestagswahl antworten: "Eine pauschale Aussage zu den Lieferzeiten unserer Modelle lässt sich leider nicht treffen", erklärt zum Beispiel Audi auf Anfrage. Etwas genauer ist der Online-Autovermittler Carwow, der in regelmäßigen Abständen die Wartezeit der kooperierenden Händlern veröffentlicht. Demnach ist keiner der elektrischen Audi unter einer Lieferfrist von sechs Monaten verfügbar. Beim e-Tron GT beträgt die Wartezeit sogar mehr als ein Jahr. Bei anderen Herstellern sieht es nicht viel besser aus. Auffällig ist, dass die Lieferzeiten bei vielen französischen Marken wie Peugeot, Citroën und Renault deutlich kürzer sind. Am schnellsten verfügbar sind laut Carwow der BMW i3 und das Tesla Model 3.

Wie verlässlich sind die Reichweitenangaben von Elektroautos?

400, 500 bis zu 600 Kilometer - wenn es nach den Herstellern geht, gibt es bei E-Autos schon lange kein Reichweitenproblem mehr. Diese werden nach dem realistischeren Testzyklus WLTP (Worldwide Harmonised Light-Duty Vehicles Test Procedure) ermittelt. "Die Reichweitenangaben sind deutlich dichter dran, als noch vor fünf Jahren", beruhigt auch E-Mobilitätsexperte Volker Blandow vom TÜV Süd. Mit einer Einschränkung: "Unter realen Fahrbedingungen sind diese Werte - genau wie bei konventionellen Fahrzeugen nur schwer zu erreichen." Die Reichweite von Elektroautos wird von Stromfressern wie Heizung und Navigation, niedrigen Temperaturen, hohen Geschwindigkeiten und der eigenen Fahrweise beeinflusst, so dass die Reichweitenangaben eher Idealwerte sind.

Welchen Einfluss haben Faktoren wie Kälte im Winter?

Besonders kritisch ist der Betrieb von Elektroautos, wenn die Temperaturen sinken. Die Leitfähigkeit der Batterie ist nach dem Start geringer, hinzu kommen Klimaanlage, Sitzheizung und Radio, die ebenfalls Strom abziehen. Das kann dazu führen, dass die Reichweite um bis zu 20 bis 30 Prozent sinkt. Wer im Sommer mit seinem E-Auto 400 Kilometer schaffte, kommt dann nur noch auf etwa 300 Kilometer. Zu noch einem dramatischeren Ergebnis kam der ADAC in einem gemeinsamen Test mit dem österreichischen Automobilclub ÖAMTC. Der Mitsubishi i-Miev verlor bei einer Temperatur von null Grad im Stadtverkehr mit 30 km/h bis zu 50 Prozent seiner Reichweite im Vergleich zur sommerlichen Fahrt bei 20 Grad.

Wie viel Reichweite verliert ein Elektroauto auf der Autobahn?

Ein weiterer Reichweiten-Killer ist die Autobahn. Bis zu Tempo 90 hat ein Elektroauto keine Probleme bezüglich seiner Reichweite. Aber genauso wie bei Benziner oder Diesel steigt der Energieverbrauch mit höheren Geschwindigkeiten enorm. Grund dafür ist der größere Windwiderstand, erklärt Volker Blandow. "Das heißt, es macht einen sehr großen Unterschied, ob ich 100, 130 oder 150 km/h fahre", so der Experte vom TÜV Süd - weil im wesentlichen der Windwiderstand den Verbrauch bestimmt. So kann eine längere Autobahnfahrt die Reichweite ebenfalls zwischen 20 bis 30 Prozent verringern.

Ist der Wertverlust eines Elektroautos größer als der eines Diesel oder Benziner?

E-Autos boomen, mit Blick auf den Gesamtmarkt sind sie aber immer noch ein Nischenprodukt. 48 Millionen PKW sind in Deutschland zugelassen, nur vier Prozent mit alternativen Antrieben - wozu auch Mildhybride und Plug-in-Hybride zählen. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt spielen Elektroautos deswegen bisher kaum eine Rolle - es gibt einfach zu wenige von ihnen. Das zeigt ein Blick auf Mobile.de: Im August 2021 listete das Verkaufsportal 1,2 Millionen Fahrzeuge mit Benziner, Diesel oder Hybrid-Antrieb - aber nur etwa 31 000 Elektroautos. Hinzu kommt, dass die hohen Förderprämien den Markt verzerren. Ein neuer Stromer ist oft günstiger als ein junger Gebrauchtwagen.

Ein weiterer Faktor: Während frühe E-Autos gerade mal eine Reichweite von etwas mehr als 100 Kilometer erzielten, verdoppelte sich diese fast mit jeder neuen Modellgeneration. Das machte die wenigen gebrauchten Stromer uninteressant für Käufer. All diese Faktoren führen dazu, dass der Wertverlust eines Elektroautos aktuell etwas höher ist als der eines Benziners oder Diesels. Die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) stellte im März dieses Jahres fest, dass die Gebrauchtpreise von Elektroautos deutlich fielen, während Fahrzeuge mit konventionellem Motor sich stabilisierten. So lag der Wert eines dreijährigen Benziners im Dezember 2020 im Schnitt bei 56,6 Prozent des Neupreises, der eines Diesel bei 52,5 Prozent und der eines Stromers bei 50,6 Prozent.

Wie lange werden E-Autos noch gefördert? Und wie geht es danach weiter?

Noch bis 31. Dezember 2025 können Autokäufer die Fördersätze von bis zu 9000 für ein Elektroauto und bis zu 6750 für einen Plug-in-Hybrid abrufen. Das Programm ist ein echter Erfolg - im ersten Halbjahr 2021 beantragen Autohalter die Innovationsprämie für 274 000 Fahrzeuge. Sie ist der Hauptgrund dafür, dass der Verkauf von Elektroautos boomt, ohne sie wären die Stromer noch immer für viele Käufer unerschwinglich. Ob die Förderung über das Jahr 2025 hinaus verlängert wird, ist offen, denn sie ist teuer: 1,25 Milliarden Euro kostete sie den Staat alleine 2021. Volker Blandow vom TÜV Süd ist sich aber sicher: "Elektroautos werden ab 2025 günstiger sein als Diesel- oder Benzin-Fahrzeuge." Seine Prognose: Der teure Zuschuss für den Staat wird überflüssig, weil Elektroautos im Massenmarkt angekommen sind.

© SZ
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