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Elektroautos im Faktencheck:E wie Entscheidung

Illustration: Stefan Dimitrov

Beim Umstieg auf ein Elektroauto geht es um mehr als nur den Motor. Zu bedenken gibt es auch noch Kosten, Modelle und die Ladeinfrastruktur. Ein Überblick.

Von Joachim Becker

Alleskönner gesucht: Fragt man die Deutschen nach Elektroautos, dann bekommt man ihre bekannten Vorlieben zu hören. Bitte 500 oder mehr Kilometer Reichweite, die Ladepause sollte nur fünf Minuten dauern. Und natürlich dürfen Stromer nicht mehr kosten als vergleichbare Verbrenner. Keine Experimente also. Dabei ist (fast) jedem klar, dass fossile Kraftstoffe keine Zukunft haben, wenn der CO-Ausstoß sinken soll. Der menschengemachte Klimawandel ist das gefährlichste Experiment, das dieser Planet je gesehen hat. Und die Elektromobilität ist eine zentrale Antwort darauf.

E-Autos haben sich längst aus der Öko-Nische hinaus entwickelt. Tesla hat vorgemacht, dass ein Hochvolt-Stromer keinen Verzicht bedeuten muss. Das hat sich bei vielen Herstellen und Autofahrern herumgesprochen. Den deutschen Autoherstellern zufolge kehrt fast kein Kunde zum Verbrenner zurück, nachdem er längere Zeit elektrisch unterwegs war. Das ist eines der schlagkräftigsten Argumente gegen Plug-in-Hybride: Viele Fahrer sind enttäuscht, wenn die Batterie leer ist und der Verbrenner leise brummend in Aktion tritt. Das fühlt sich nicht nach Fortschritt an, sondern eher nach Hilfsmotor. Das beste Argument für Plug-in-Hybride bleibt die lückenhafte Ladeinfrastruktur.

Es gibt schon 150 Modelle mit Stecker. Und ständig kommen neue hinzu

Am Ende läuft vieles auf die Frage hinaus, ob sich ein rein elektrisch angetriebenes Fahrzeug auch als Erstauto für die ganze Familie eignet. Immer mehr Menschen können sich das offensichtlich vorstellen. "Die E-Mobilität ist in der Mitte der mobilen Gesellschaft angekommen. Positive Nutzererfahrungen, verlässliche Technologien und ein wachsendes Angebot erleichtern den Umstieg in die E-Mobilität", sagt Richard Damm, Präsident des Kraftfahrtbundesamts (KBA): "Bei einem anhaltenden Zulassungstrend der Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben von rund 22 Prozent wie im letzten Quartal 2020 kann das von der Bundesregierung formulierte Ziel von sieben bis zehn Millionen zugelassenen Elektrofahrzeugen in Deutschland bis zum Jahr 2030 erreicht werden."

Im vergangenen Jahr hat der Absatz reiner Batterieautos um 200 Prozent im Vergleich zu 2019 zugelegt. In ganz Europa wurden erstmals mehr als eine Million Stromer mit Ladekabel verkauft (inklusive Plug-in-Hybride). Eine Reihe von Faktoren erleichtern den Umstieg. Hier die wichtigsten im Überblick:

1. Umwelt

Wie klimafreundlich sind Elektrofahrzeuge wirklich? So viel ist sicher: Der Stand der Diskussion hinkt dem Stand der Technik hinterher. Tatsächlich kann die Produktion eines Elektroautos doppelt so viel Energie benötigen wie die eines Verbrenners. Werden die Auto- und Zellfabriken mit Ökostrom betrieben, schrumpft dieser Klimarucksack jedoch erheblich. Viele Studien basieren nicht auf aktuellen Daten (aus Europa), sondern auf einem kohlelastigen Energiemix bei der Zellproduktion in Asien. Laut einer aktuellen Studie der Universität Eindhoven weisen Elektroautos - je nach Batteriegröße - nach 30000 bis 60000 Kilometern eine bessere Ökobilanz auf als Verbrenner. Werden die Energiespeicher künftig recycelt, können die Stromer ihren Vorsprung noch ausbauen.

2. Kosten

Elektroautos sind teurer als vergleichbare Verbrenner, deshalb wird ihre Anschaffung staatlich gefördert. Bei einem Nettolistenpreis unter 40 000 Euro bekommen Käufer in Deutschland einen Zuschuss von bis zu 9000 Euro, oberhalb dieser Grenze sind es immer noch bis zu 7500 Euro bei einem Nettolistenpreis des Basismodells von 65 000 Euro. Zudem sind die Stromer steuerbefreit: Für Autos, die von 2021 an neu zugelassen werden, richtet sich die Kfz-Steuer nach dem CO-Ausstoß des Fahrzeugs. Je höher die Emissionen, desto höher der Steuersatz. Ähnlich verhält es sich mit dem CO₂-Preis, der jetzt auch für Kraftstoff fällig wird. Der aktuelle Betrag von 25 Euro pro Tonne CO hat den Preis von Benzin und Diesel um etwa 7,7 Cent erhöht. Dieser CO-Preis wird weiter steigen - vorerst bis auf 55 Euro im Jahr 2025. Dann kosten ein Liter Benzin voraussichtlich 15 Cent und ein Liter Diesel 17 Cent mehr als Ende 2020.

3. Modellangebot

Die Auswahl an Elektro- und Hybridfahrzeugen nimmt schnell zu. Früher hatten viele Marken nur einen einzigen Stromer als grünes Feigenblatt im Programm, mittlerweile wird meist die gesamte Modellpalette elektrifiziert. Derzeit gibt es laut VDA 70 Modelle mit Ladestecker allein von deutschen Automobilherstellern, insgesamt werden über 150 Modelle angeboten. Der ADAC listet 80 reine Batteriefahrzeuge auf, 39 Stecker-Modelle sind im vergangenen Jahr hinzugekommen. Diese Auswahl wird noch vielfältiger - gerade bei den reinen Batterieautos: Bis 2025 investiert allein die deutsche Automobilindustrie insgesamt 150 Milliarden Euro in Zukunftstechnologien, vor allem Elektromobilität und Digitalisierung. Wobei das eine mit dem anderen eng zusammenhängt: Moderne Stromer wie die Tesla-Modelle und die VW-ID-Varianten stehen auf eigens entwickelten Plattformen, die auch die Elektronik neu aufsetzen. Modellneuheiten wie der Audi E-tron GT, der BMW iX, der Hyundai Ioniq 5 und der Mercedes EQS sind das Modernste, was die Hersteller zu bieten haben.

4. Ladeinfrastruktur

Reichweitenangst ist noch immer die größte Sorge bei Elektro-Einsteigern: Kann man sein Fahrzeug wirklich aufladen, wenn man es will oder muss? Hier leidet die Elektromobilität unter ihrem eigenen Erfolg: Der Bestand an Stromern wächst viel schneller als die Zahl der Ladepunkte. Ihrem "Masterplan Ladeinfrastruktur" zufolge will die Bundesregierung bis 2030 eine Million öffentlicher Zapfstellen für Strom schaffen sowie den Bau privater Ladepunkte stärker fördern. Doch der Weg dahin ist weit. Schön, dass es einen Zuschuss für private Wallboxen in Höhe von 900 Euro gibt. Es ist immer hilfreich, wenn man zu Hause oder beim Arbeitgeber laden kann. In urbanen Ballungszentren dürfte es dagegen in Stoßzeiten genauso schwierig werden, einen freien öffentlichen Steckplatz zu finden wie auf dem platten Land.

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