Elektroauto-Hersteller Nio:Ein Auto-Interieur wie eine Lounge-Landschaft

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Wirklich neu lässt sich das Autoerlebnis erst mit dem autonomen Fahren denken. Das hat Nio mit der Eve-Studie vor wenigen Monaten gezeigt. Statt auf der Automesse in Shanghai landete das Design-Ufo bereits im März auf der South by Southwest. Die Trendmesse in Austin, Texas bringt Kreative, Politiker, Zukunftsforscher und Technikfreaks zusammen. Ein idealer Platz also, um Mobilität in visionärer Form unter einer neuen Marke zu präsentieren. Mit einem ausgefallenen Innenraumkonzept erregte Eve weltweit Aufsehen: Eine Lounge-Landschaft zum Lümmeln, Schlafen oder Arbeiten. Der perfekte Kokon mit einem anschmiegsamen Interieur. Der rollende Wohlfühlraum sieht verspielter, flexibler und bequemer aus als zum Beispiel die futuristische Mercedes-Flunder F0 15 mit ihren drehbaren Schalensitzen für alle Passagiere.

Mit einem Schlag katapultierte sich Nio in die Spitzengruppe der chinesischen Herausforderer. Jetzt müssen die Newcomer allerdings zeigen, wie viel von dem relaxten Fahrgefühl sie in die Serie retten können. Mercedes fixiert die Passagiere auf ihren Sitzen, um sie bei einem Unfall besser schützen zu können. Der erfahrene Designer Tomasson kennt die zahllosen technischen Vorschriften rund ums Auto. Ist Eve also nur Showdesign, um Aufmerksamkeit zu erregen? 2019 bringt Nio erst einmal ein großes und ziemlich konventionelles Elektro-SUV auf den Markt: Der ES8 erinnert mit seinem zurückgesetzten großen Glashaus ein wenig an den Range Rover. Eine Designrevolution ist er jedenfalls nicht, eher das Pflichtprogramm für den raschen Markterfolg. Eve ist dagegen die Kür, um an Tesla vorbeizuziehen. Mit einer mutigeren Formensprache, als man sie von den Kaliforniern kennt.

Laufen die Chinesen in eine unlukrative Luxusfalle?

Kris Tomasson ist kein Berufsrevolutionär wie Chris Bangle. Aber er bringt Erfahrungen mit, die für einen Chefposten in der Autobranche durchaus ungewöhnlich sind. Nicht nur aufgrund der fliegenden Hightech-Wohnzimmer bei Gulfstream Aerospace. Auch als Designchef von Coca-Cola hat Tomasson viel über Markenführung gelernt. Schließlich verkauft die Brausefirma nicht zuletzt ein Lebensgefühl. Genau das will ja auch das Start-up in einer reifen Industrie schaffen: "Wir müssen an der Spitze des Designs stehen. Damit meine ich nicht nur Autodesign, sondern auch die Mensch-Maschine-Schnittstelle, den Kundenkontakt im Handel, das Webdesign und schlussendlich die ganze Marke: Ich kann hier alles einbringen, was ich in meiner Karriere gemacht habe."

Es geht also nicht primär um die Freude am Fahren - die sich in verstopften Metropolen ohnehin selbst ad absurdum führt. Das Auto wird Teil eines größeren Ökosystems rund um den Kunden. Die Frage ist allerdings, wie der Mix aus Elektromobilität, autonomem Fahren und individualisierten Services am Ende wirklich aussieht. Auch die deutschen Premiummarken arbeiten mit Hochdruck an dieser neuen Mobilitätserfahrung. Der Hype erinnert an die Aufbruchstimmung zu Beginn des neuen Jahrtausends. Damals wurde die Mobilität der Zukunft oft mit Luxus gleichgesetzt. Auch ein Massenhersteller wie Ford wollte den Durchbruch in die Oberliga schaffen. Dazu hatten die Amerikaner Jaguar, Land Rover und Volvo gekauft.

Kris Tomasson gehörte zu dem Team, das Fords neue Premiumsparte am kreativen Hotspot London aufbaute. Doch das Edel-Start-up verbrannte so lange Geld, bis Ford die Notbremse zog. Auch das Lifestyle-orientierte Ingeni Designstudio in Soho wurde wieder abgestoßen. Laufen jetzt die Chinesen in eine ähnlich unlukrative Luxusfalle? Faraday Future scheint als erstes Start-up mit seinen hoch fliegenden Plänen für kaum bezahlbare Elektroautos zu scheitern. Andererseits zeigt der Erfolg von Jaguar und Land Rover im indischen Tata-Konzern und Volvos Blüte unter der chinesischen Mutter Geely, dass asiatische Großkonzerne die Traditionsmarken sehr wohl an die Spitze führen können. Alles eine Frage von Geld, Geduld und Feingefühl.

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