Elektromobilität:Neuer Anlauf

Elektromobilität: Farbenfrohes Kleinstauto: Der vollelektrische e.Go Life ist 3,35 Meter kurz.

Farbenfrohes Kleinstauto: Der vollelektrische e.Go Life ist 3,35 Meter kurz.

(Foto: e.GO)

Gibt es ein Leben nach der Insolvenz? Das Elektro-Start-up e.Go startet mit dem Life Next neu. Billig ist der kleine Zweitürer, aber ist er noch zeitgemäß?

Von Joachim Becker

"Die Liste der erfolgreichen Auto-Start-ups ist kurz", weiß Tesla-Boss Elon Musk. Zuletzt ist sie nicht unbedingt länger geworden. Insolvenz, Produktionsstopp und der Firmenchef über Bord: Das ging nicht nur chinesischen Newcomern wie Byton so, sondern auch der e.Go Mobile aus Aachen. 2018 hatte der Gründer Günther Schuh noch die Erfolgsformel ausgegeben: "Wir machen so ziemlich alles anders als Tesla." Damals steckten die Kalifornier nach Musks eigenen Worten mitten in der Produktionshölle. Drei Jahre später sind die Anlaufprobleme beim Model 3 überwunden und Tesla steht mit zusätzlichen Fabriken in Europa und China besser denn je da.

In Aachen lief die Bewältigung der Corona-Krise nicht so glatt. Trotz eines Vierteljahrhunderts Produktionserfahrung konnte Firmenchef Schuh nicht verhindern, dass dem Start-up das Geld ausging. Vom Höchststand der Börsenbewertung bei etwa einer Milliarde Euro ging es steil bergab in die Insolvenz. Die Bilanz war ernüchternd: 800 Autos an Kunden ausgeliefert, Barmittel erschöpft und Verbindlichkeiten bei den Zulieferern. Vielleicht noch schlimmer: Durch das zähe Insolvenzverfahren ging viel Zeit verloren, während die Konkurrenz vorbeizog. Immerhin gaben wichtige Zulieferer wie Bosch und ZF nicht auf, was einen schnellen Neustart mit neuen Investoren ermöglichte. Auch eine Neuzulassung des e.Go Life nach der Umfirmierung und einem Jahr Pause lief glatt. Diese sogenannte Homologation durch die Behörden gilt gemeinhin als eine der größten Hürden für junge Hersteller.

Jetzt geht es wieder los mit den Probefahrten und der Produktion. Doch ein Jahr ist lang in den rasenden Zeiten der Transformation. Das Problem sind die schnellen Fortschritte beim Elektroantrieb, bei der Batteriechemie und der Digitalisierung. Und da wirkt der e.Go Life mit seinem Konzept von 2015 schon etwas angestaubt. Die Idee eines umweltfreundlichen City-Flitzers mit kleiner Batterie hat sich nicht durchgesetzt. Die meisten Kunden erwarten mehr Reichweite und den Komfort, den sie von entsprechenden Verbrenner-Modellen gewohnt sind. Was der Life bietet, erinnert aber eher an die Pioniertage der E-Mobilität.

In der Next-Edition kostet der Autozwerg zwar nur 26 650 Euro, abzüglich staatlicher Förderung in Höhe von 9570 Euro sind das knapp 17 000 Euro. Dafür bekommen die Kunden lediglich eine Batteriekapazität von 21,15 kWh, was einer WLTP-Reichweite von 125 Kilometer entspricht. Im Winter dürfte der Radius wie beim ersten Smart Electric unter 100 Kilometer sinken, was höchstens für die ganz Harten im Stadt- und Pendelverkehr reicht, die bei der Heizung sparen. Selbst ein neuer Mercedes C-Klasse Plug-in-Hybrid hat eine größere Batterie. Was noch angehen würde, wenn sich der e.Go schnellladen ließe. Mit der einphasigen Stromzufuhr muss man schon eine Nacht lang Zeit haben, um den Kleinen zu füttern.

Elektromobilität: Plastik-Minimalismus: Die Einrichtung des Life Next ist pragmatisch-nüchtern, viele Ausstattungsoptionen gibt es nicht.

Plastik-Minimalismus: Die Einrichtung des Life Next ist pragmatisch-nüchtern, viele Ausstattungsoptionen gibt es nicht.

(Foto: e.GO)

Die Plastik-beplankte Einstiegsmobilität muss man mögen, immerhin gibt es anders als beim Sono Sion verschiedene fröhliche Außenfarben. Doch das triste Grau und die digitale Ödnis im Innenraum wirken dagegen altbacken. In dieser Preisliga spielt zum Beispiel auch der 40 Zentimeter längere Dacia Spring, der zumindest mit 22 kW (optional 30 kW) Energie tanken kann. Zudem liegt sein Normverbrauch mit 13,9 kWh auf 100 Kilometer deutlich unter dem e.Go-Konsum von 18,3 kWh. Beide Kleinwagen sind in der Stadt zwar spritzig unterwegs, bei einem Einstandspreis von 20 490 Euro (weniger als 11 000 mit dem Elektrobonus) hat der Dacia aber klar die Stummelschnauze vorn. Billiger geht's nicht, weil der Autozwerg in China produziert und dort als Renault City K-ZE verkauft wird. Hat die Aachener Manufaktur, die etwa 10 000 Stromer jährlich bauen will, überhaupt eine Chance gegen die viel größeren Wettbewerber aus Asien?

Auf der Habenseite steht ein Kleinwagen, der erstaunlich solide gebaut ist. Viel Knautschzone bleibt nicht, wenn ein Unfallgegner größer und massiger ist. Der Aluminium-Strukturrahmen und die Stahlspinne in den Dachholmen sind gehobener Stand der Technik. Kein schlechtes Argument für einen Parkplatzwunder, das 3,35 Meter kurz ist. Dafür gibt es erstaunlich viel Platz im Innenraum, in dem sich auch vier Erwachsene transportieren lassen.

Die Nachteile eines derart kurzen Radstands sind allerdings deutlich spürbar: Auf einer Testrunde in München hoppelt der springlebendige e.Go Life über alle Höhen und Tiefen des Straßenbelags. Das eingebaute Tempolimit von 122 km/h stört nicht weiter, denn auf der Autobahn wird das ungefilterte Fahrgefühl ungemütlich. Im nächsten Jahr wollen die neuen Eigner nachbessern: bei der Federung, der Batterie-Reichweite und der Digitalausstattung. Auch ein viertüriges Modell ist für 2023 geplant. Bis dahin hat der Kleine einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Mit einer Lieferzeit von nur drei Monaten unterbietet er fast alle Wettbewerber.

© SZ
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