Entwicklungshilfe:Ein E-Bike für Afrika

Der Schauspieler Bjarne Maedel (Mädel, Botschafter des Projekts African E-Bikes ) auf dem E-Bike fuer Afrika in Hamburg

Robuster Rahmen, langer Träger: Der Schauspieler Bjarne Mädel mit dem "Africrooze" genannten E-Bike.

(Foto: Stephan Wallocha via www.imago-images.de/imago images/epd)

Robuster Rahmen, langer Gepäckträger: In Hamburg wurde ein Pedelec entwickelt, das den Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern mehr Mobilität ermöglichen soll.

Von Marco Völklein

Seit etwas mehr als vier Jahren verfolgt Jürgen Perschon seine Idee. Der Lehrer aus Norddeutschland möchte nachhaltige Mobilität nach Afrika bringen - in Form eines Pedelecs, eines Fahrrads mit elektrischem Hilfsmotor. Bis zu 30 km/h schnell soll das "Africrooze" genannte Bike sein, es soll bis zu 100 Kilogramm zusätzlich zu Fahrer oder Fahrerin zuladen können. Und es soll dafür sorgen, dass die Menschen in Afrika mobil sein können, ohne dabei fossile Energieträger verheizen zu müssen. Sein Africrooze, davon ist Perschon überzeugt, "bedeutet mehr Freiheit und eine höhere Lebensqualität" für die Menschen in Afrika.

Entwickelt hat er das E-Bike zusammen mit der First African Bicycle Information Organization (Fabio) aus Uganda und dem Fahrrad-Produzenten HNF Nicolai aus Biesenthal bei Berlin. Perschon selbst hat ebenfalls einen gemeinnützigen Verein auf die Beine gestellt, um das Projekt anzuschieben - das European Institute for Sustainable Transport, abgekürzt: Eurist. Auch einen prominenten Schirmherrn hat er gefunden: Der Schauspieler und Regisseur Bjarne Mädel (bekannt unter anderem aus der TV-Reihe "Tatortreiniger"), mit dem Perschon zur Schule gegangen ist, unterstützt das Projekt.

Erste Prototypen des E-Bikes wurden bereits von Fabio in Afrika getestet; binnen zwei Jahren legten die Räder bereits mehr als 20 000 Kilometer zurück. Die Erfahrungen hätten gezeigt, sagte Fabio-Direktorin Katesi Najiba zu Bike-Bild, dass durchaus ein Bedarf vorhanden sei für die speziellen E-Bikes. Mit dem langen Radstand, dem starken Motor und einem stabilen Alu-Rahmen sei das Africrooze auf die besonderen Anforderungen in Afrika ausgelegt, sagt Perschon. Zudem haben die Pedelecs einen langen und massiv gebauten Gepäckträger, sodass auch schwere Lasten kein Problem darstellten. Die Reichweite liegt seinen Angaben zufolge bei etwa 50 Kilometer. Geladen werden sollen die Bikes möglichst mit Solarstrom.

Es gibt verschiedene Versionen - eine auch für den Transport von Kranken und Schwangeren

Bis Anfang Oktober soll es noch dauern, dann wollen Perschon und seine Mitstreiter die ersten 100 E-Bikes nach Jinja verschiffen, die mit etwa 76 000 Einwohnern viertgrößte Stadt Ugandas. Die Bikes sollen dort unter anderem zum Wassertransport eingesetzt werden, aber auch, um andere Lasten von A nach B zu bewegen. Einsätze als Taxis oder für den Krankentransport sind ebenfalls denkbar. Um insbesondere Kranke und Schwangere transportieren zu können, wurde extra eine Art Liege-Anhänger mitsamt einem kleinen Sonnensegel konzipiert. Dieser lässt sich an das E-Bike ankoppeln.

Perschon verspricht sich vom Africrooze auch "eine Stärkung von Frauen", wie er sagt. Denn ein Großteil aller Lastentransporte würden in Uganda und in anderen Teilen des Kontinents von Frauen erledigt. Wasser holen, Holz sammeln, Agrarprodukte zum nächsten Markt bringen - all dies gehe mit dem E-Bike deutlich leichter.

Auch die Katholische Kirche, der Freistaat Bayern und das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw) fördern ein Elektro-Lastenradprojekt - und zwar in der Region Thies im Senegal. Vor Kurzem erst übergab Bayerns Staatsministerin für Internationales, Melanie Huml (CSU), einen Förderbescheid über 670 000 Euro an das bbw. Das Bildungswerk baut seit Juli in Thies eine Produktion für Elektro-Lastenfahrräder mit Wechselakkus auf und qualifiziert Produktionstechniker sowie Zweiradmechaniker. Auch Existenzgründer sollen unterstützt werden.

Einen ähnlichen Ansatz wie die Africrooze-Macher haben übrigens vor einigen Jahren schon Studenten an der Technischen Universität München verfolgt - allerdings nicht mit einem elektrisch angetriebenen Zweirad, sondern mit einem Kleinstauto. Das aCar ist ein robustes, sehr einfach gehaltenes, elektrisch angetriebenes Fahrzeug mit einer kurzen Ladepritsche, einer Reichweite von gut 100 Kilometern und einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 70 Stundenkilometern. Es soll die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern Afrikas und Asiens sowie in Mittel- und Südamerika mobil machen. Denn anders als in Mitteleuropa, sagt aCar-Entwickler Sascha Koberstaedt, wo es oft genug darum geht, dass man mit dem Auto Brötchen holen fährt oder schnell mal ins Schwimmbad, "müssen in Afrika die Menschen in erster Linie mobil sein, um ihr Einkommen zu generieren". Über Solarpanele auf dem Dach kann die Batterie bei Sonnenschein geladen werden - im Idealfall bewegt sich das aCar also autark. Außerdem ist es so konstruiert, das wenig kaputt gehen kann. Und wenn doch, soll man es möglichst selbst reparieren können.

Entwicklungshilfe: Das aCar wurde speziell für Einsätze in Entwicklungs- und Schwellenländern konzipiert.

Das aCar wurde speziell für Einsätze in Entwicklungs- und Schwellenländern konzipiert.

(Foto: Evum Motors)

Seit Ende 2020 läuft die Produktion des aCar im kleinen Ort Bayerbach in Niederbayern, etwa 25 Kilometer nordöstlich von Landshut. Und das Konzept eines simplen, auf grundlegende Bedürfnisse reduzierten E-Autos kommt offenbar auch in Europa an. Mittlerweile, so berichten die beiden einstigen Studenten und Gründer der Evum GmbH, bestellten auch Kommunen und Firmen aus Deutschland und anderen Ländern Fahrzeuge in Niederbayern.

Auch das Africrooze-Rad soll schon zukünftig vermarktet werden, allerdings vor allem eben in Afrika, dort, wo es dringend gebraucht werde. Um die Produktionskosten und damit den Preis niedrig zu halten, wird es in Indien gefertigt. 750 Euro veranschlagen Perschon und seine Mitstreiter für ein Africrooze mit 250-Watt-Motor, 460-Wattstunden-Akku und Sieben-Gang-Kettenschaltung. Man muss allerdings auch wissen, dass in Uganda das durchschnittliche Jahreseinkommen bei wenigen hundert Euro liegt. Die Africrooze-Initiatoren hoffen daher auch auf Spenden, Mikrokredite und die Einbindung in internationale Entwicklungshilfeprojekte, um möglichst viele E-Bikes nach Afrika bringen zu können.

© SZ/epd/KNA/mvö
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