Diskussion um verkehrsberuhigte Zone Wiener Glut

Eine "Begegnungszone" entzweit Österreich. Dabei ist doch eigentlich nur die Einkaufsmeile Wiens wegen Baumaßnahmen für Autos gesperrt. Teilweise jedenfalls. Linienbusse dürfen auch weiterhin fahren und Radler sowieso. Die Polizei ist beschäftigt, die Politik ratlos und der anstehende Wahlkampf voll entbrannt. Eine Geschichte über die Fuzo in der Mahü.

Von Cathrin Kahlweit

Maria Vassilakou gibt sich betont gelassen: Mit dem Verkehr sei es wie mit dem Fußball. Jeder wisse alles besser als der Trainer der Nationalmannschaft, und jeder sei ein Verkehrsexperte. Sehr bald schon, glaubt die Wiener Stadträtin, seien alle Probleme behoben und alle Kritiker begeistert. Wenn sie sich da mal nicht irrt.

Denn die Reaktionen auf das jüngste Projekt der rot-grünen Stadtregierung klingen bitterböse und bisweilen auch bedrohlich. Dabei geht es nur um eine verkehrsberuhigte Zone auf der berühmten, 1,6 Kilometer langen Einkaufsmeile Mariahilfer Straße (im Lokaljargon: Mahü, weil der Wiener die Hilfe wie Hülfe auszusprechen pflegt). Seit Mitte August ist die Straße für den Autoverkehr gesperrt, allerdings nur teilweise, weil Anwohner weiter zu ihren Parkgaragen und Hinterhöfen fahren dürfen.

Eine unheilvolle Begegnung?

Auch sonst ist alles eher kompliziert: Der Bus fährt - bislang noch - durch einen Bereich, der als Fußgängerzone ausgewiesen ist. Radfahrer dürfen durch die "Fuzo" radeln, wenn sie Schrittgeschwindigkeit fahren, was viele nur ungern tun. Die Zonen nördlich und südlich der Fuzo sind, nach Schweizer Vorbild, sogenannte Begegnungszonen, in denen sich die Verkehrsteilnehmer rücksichtsvoll die Straße teilen sollen. Weil Rücksicht aber Geschmackssache ist, sind Polizisten derzeit schwer damit beschäftigt, Menschen auf Rädern, die in Wien gern als "Kampfradler" beschimpft werden, zu ermahnen und verirrte Autofahrer zurechtzuweisen.

Alles eine Frage der Gewöhnung, sagt Maria Vassilakou, in der Schweiz funktionierten die Begegnungszonen ganz toll. Aber die Wiener wollen sich nicht gewöhnen. Heinz-Christian Strache von der rechtspopulistischen FPÖ spricht von einem "biblischen" Chaos. Auf Facebook entlädt sich wütender Protest gegen "ignorante Experten" und Dauerstaus in den umliegenden Stadtvierteln. Und die mächtigen Boulevardblätter überschlagen sich vor Empörung über das "Totalversagen" der Wiener Politik.

An diesem Freitag soll es eine Demonstration von Kaufleuten und Anliegern der umliegenden Straßen gegen die Fuzo geben, und in zwei Wochen eine Krisensitzung. Der mächtige Bürgermeister Michael Häupl, der bisher fein darauf geachtet hatte, sich nicht gemeinzumachen mit den Plänen der Grünen, hat sich jetzt demonstrativ eingeschaltet und Änderungen gefordert. Viel Lärm um nichts, könnte der Beobachter in Anlehnung an Shakespeare versucht sein zu denken, aber: In knapp vier Wochen wird in Österreich gewählt.

Kriegserklärung gegen Autofahrer?

Für die Medien ist die Sache ein gefundenes Fressen. Und die SPÖ hat die Rolle des Sündenbocks im Kulturkampf um die Zahl der Autos in der Metropole immer gern den Grünen überlassen. Das war auch 2012 so, als die Parkverbotszonen massiv ausgeweitet wurden, was als "Kriegserklärung" gegen Autofahrer interpretiert wurde. Mittlerweile hat sich Wien an die "Parkpickerl" gewöhnt.

Die politischen Gegner freuen sich derzeit sehr darüber, dass die Fuzo in der Mahü so ein Aufregerthema ist; den Grünen werden deswegen massive Stimmverluste vorausgesagt. Maria Vassilakou ist vom Gegenteil überzeugt: Der Streit mobilisiere die grünen Wähler erst recht. Die Frau ist Optimistin.