Diesel und Abgase:Nicht wenige Hersteller sind überfordert

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Was wie eine Blockadehaltung wirkt, ist das Ergebnis von langjährigen Felderfahrungen. Der Abgas-Skandal und die nachfolgenden Untersuchungen haben gezeigt, dass nicht wenige Hersteller mit dem Chemiewerk im Abgas-Strang überfordert sind. Und sei es nur, weil sie ein SCR-System mit einem zu kleinen Adblue-Tank verwenden. Oder weil kalte Abgasreste auf Dauer die langen Leitungen zusetzen. Aus Angst davor wurde die NOx-Behandlung bei Temperaturen unterhalb von 15 Grad Celsius in vielen Modellen einfach abgestellt. Solche "Maßnahmen zum Motorschutz" nutzen eine rechtliche Grauzone. Sie erklären, warum viele Diesel nur auf dem Prüfstand, aber nicht im Alltagseinsatz sauber sind. Wie soll also eine Nachrüstlösung funktionieren, wenn viele Modelle schon heute an der regulären Abgasreinigung scheitern? Diese Frage wird unter Experten heiß diskutiert.

"In der Stadt werden meist kürzere Strecken gefahren. Ohne Heizmöglichkeit erreicht das System dort nicht sicher die Mindesttemperatur von 190 Grad, die für eine funktionierende Abgasreinigung mit Adblue erforderlich ist", sagt der hochrangige Experte eines Zulieferers, der nicht namentlich genannt werden möchte. Im Gegensatz zu anderen Anbietern sieht er einen unverhältnismäßig hohen technischen Aufwand in der Nachrüstung. "Um zu wissen, wie viel Stickoxid überhaupt ankommt, braucht man einen Stickoxidsensor am Eingang des Systems - und einen zweiten am Ende, um das Ergebnis zu messen. Diese Sensoren sind teuer und müssen relativ aufwendig an das Elektronikbordnetz angeschlossen werden", so der Experte. Zudem seien nicht leicht verfügbare Kennzahlen aus dem Motor wie der Abgasmassenstrom nötig, um die richtige Menge Adblue einzuspritzen.

Technisch machbar, aber enorm aufwendig

Erschwerend kommt hinzu, dass ein Nachrüst-Katalysator am kalten Ende der mehrstufigen Abgasreinigung eingebaut werden müsste. In dem hochkomplexen System können schon kleinste (Wasser-)Rückstände zu kapitalen Schäden am Turbolader führen. Oder Abgasreste setzen als Harnstein das ganze System zu.

Die Fachleute des Umweltbundesamts führen seitenlang mögliche technische Folgeprobleme auf. Die Nachrüstung sei technisch machbar, aber enorm aufwendig, so ihr Fazit. Zumal sie für jedes Modell neu appliziert und homologiert werden müsse. Die Freigabe durch das Kraftfahrtbundesamt ist teuer. Außerdem werden die dafür nötigen Fachleute woanders gebraucht: "Wir kämpfen gerade mit der nächsten Abgasstufe", berichtet Klaus Fröhlich: "Die RDE-Gesetzgebung (Real Driving Emissions) hatte eine sehr kurze Vorlaufzeit. Jetzt müssen wir sie mit einem Kraftakt umsetzen, damit wir in Zukunft überhaupt noch Dieselautos verkaufen können."

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