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Diesel und Abgase:900 Prozent über dem gültigen Grenzwert

Schlusslicht im aktuellen ADAC EcoTest ist der Renault Capture dCi 90. Das beliebte Crossover-Modell stößt bei den Messungen durchschnittlich 725 mg/km an Stickoxid aus. Damit liegt er um mehr als 900 Prozent über dem gültigen Grenzwert in Höhe von 80 mg/km. Auch der Ford Galaxy 2.0 TDCi überschreitet mit 578 mg/km Stickoxid den Normwert für Euro 6 um mehr als das Siebenfache. Dürfen solche Dreckschleudern weiterhin die Luft in der City verpesten, während Euro-5-Diesel, die in Tests besser abgeschnitten haben, vor den Stadttoren parken müssen?

Im Wahljahr 2017 steckt im Dieselthema eine Menge Sprengstoff. Deshalb spricht sich Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) gegen Einfahrverbote aus und spielt auf Zeit: Die ausgeschlossenen Fahrzeuge könnten deutlich an Wert verlieren - der Zorn vieler Wähler wäre ihm sicher. 2020 dürfte ohnehin ein Großteil der Dieselflotte im Rahmen des üblichen Modellwechsels auf die neuen Motoren umgestellt sein. Doch das löst nicht das Problem der Euro-6-Diesel, die nur auf dem Papier sauber sind.

Diesel Wenn ein fast neues Auto zum Auslaufmodell wird
Drohende Fahrverbote

Wenn ein fast neues Auto zum Auslaufmodell wird

Schon im nächsten Jahr drohen Fahrverbote für dreckige Dieselautos. 80 Prozent aller Dieselbesitzer müssen deshalb hohe Wertverluste befürchten.   Von Peter Fahrenholz

Twintec preist seine Nachrüstlösung als werterhaltende Maßnahme. In Berlin, London und Kopenhagen wurden bereits Busflotten nachträglich mit Katalysatoren zur NOx-Minderung ausgestattet. 1500 Euro verspricht Twintec als Preis für die Nachrüstung von Pkw. Doch ein vertrauliches Arbeitspapier des Umweltbundesamtes (UBA), das der SZ vorliegt, widerspricht dieser Behauptung. "Gemäß Aussagen der Zulieferer liegen die Kosten für eine Nachrüstung mit SCR-Anlagen zwischen 2500 bis 5000 Euro pro Fahrzeug. Die Kostenangaben enthalten sowohl die Beschaffungs- als auch die Montagekosten sowie die Mehrwertsteuer." Dieser Preis liegt vermutlich über dem Wertverlust der Euro-5-Diesel.

Das Projekt ist also tot, bevor es angefangen hat. Es sei denn, der Staat zahlt mit einer Nachrüstprämie kräftig drauf - so wie bei der Partikelfilter-Nachrüstung vor zehn Jahren. Eine Hochrechnung des UBA schiebt solchen Subventionsträumen einen Riegel vor: "Für Euro-5-Diesel-Pkw und leichte Nutzfahrzeuge würden insgesamt Kosten für die Nachrüstung in Höhe von fast 3,7 Milliarden Euro entstehen, denen eine Einsparung bei Gesundheitskosten von rund 293 Millionen Euro in einem Achtjahreszeitraum gegenüberstehen würde."

Die Haftungsfrage ist ungeklärt

Seine "Bewertung zu marktverfügbaren fahrzeugseitigen NOx-Nachrüsttechnologien" erstellte das UBA im Oktober 2016 als Fachvorlage für die Bundesministerien. Vorausgegangen war dem 37-seitigen Text eine Expertenrunde im Umweltbundesamt, an der neben den Zulieferern auch die Automobilhersteller teilnahmen.

Nach langen Diskussionen schieden sich die Geister an der Haftungsfrage: Selbst autarke Nachrüstsysteme beeinflussen die heikle Abgasreinigung - zum Beispiel durch eine Erhöhung des Abgasgegendrucks. "Im Falle einer nötigen Reparatur ist eine Vielzahl möglicher Verursacher oder Stakeholder involviert. Eine darauf abgestimmte Gewährleistungsregelung müsste Teil eines Gesamtkonzeptes sein", heißt es in dem Report. Wenige Zeilen später legen die Experten eine mögliche Einigung allerdings ad acta: "Im UBA-Fachgespräch wurde deutlich, dass auch hinsichtlich der oben genannten Gewährleistungsfragen die Autohersteller eine solche Verantwortung scheuen."