Verkehrswende "Fahrverbote können nur ein erster Schritt sein"

Autos nutzen statt besitzen, wie hier bei einem Gemeinschaftsparkplatz eines Anbieters: Carsharing wird ein immer wichtigerer Baustein im Mobilitätsangebot.

(Foto: lukasbarth.com)

Mobilitätsforscher Andreas Knie hält wenig von Deutschlands Verkehrspolitik. Er fordert nichts weniger als eine Verkehrswende: weg vom Besitz eines fahrbaren Untersatzes, hin zur Nutzung.

Interview von Silvia Liebrich

Die Straßen? Verstopfen immer mehr, zu sehen in jeder neuen Staustudie. Die Parkplätze? Sind so voll, dass sich darauf kaum noch freie Flächen finden. Die Luft? Verschmutzt immer weiter, weil Dieselautos zunehmend Stickoxide in die Umwelt blasen. All das sind Hinweise, dass eine Mobilität, die auf das eigene Auto ausgerichtet ist, nicht mehr funktioniert. Wie wir dennoch mobil bleiben können, welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt und warum ein kostenloser Nahverkehr für ihn kein guter Beitrag dazu wäre, erklärt Professor Andreas Knie, Geschäftsführer vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin.

SZ: Brauchen wir die Verkehrswende? Und wenn ja, warum gerade jetzt?

Andreas Knie: Wir brauchen die Wende, weil wir viel zu viel vom Gleichen haben: Autos, die mit Verbrennungsmotoren ausgestattet und in der Mehrzahl im privaten Besitz sind. Das führt dazu, dass die Städte von Blechlawinen überrollt werden und der öffentliche Raum völlig zugeparkt wird. Mehr als 90 Prozent der Zeit steht ein Auto nur herum, der Besetzungsgrad einer durchschnittlichen Fahrt beträgt gerade einmal 1,1 Personen.

Wäre ein Dieselfahrverbot der Anfang tiefgreifender Umwälzungen?

Dieselfahrverbote können nur ein erster Schritt sein. Der Fahrzeugbestand muss sowohl im Pkw- als auch im Lkw-Bereich durchgehend elektrifiziert werden. Für die kurzen Strecken sind es batterieelektrische Antriebe, für längere Wege wird die Brennstoffzelle gebraucht, die Wasserstoff in elektrische Energie umwandelt und damit einen E-Motor antreibt. Alle notwendigen Technologien dazu sind seit Jahren serientauglich.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich tagesaktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Welche Rolle wird das Auto in 20 oder 30 Jahren spielen? Sind wir dann ein Volk ohne Wagen?

Nein. Es gibt kein Volk ohne Wagen. Es gibt ein Volk ohne privates Auto. Die Kunst der Verkehrspolitik besteht darin, die vorhandenen Fahrzeuge intelligenter zu nutzen. In den Städten kann die Autoflotte durch gemeinschaftliche Nutzungskonzepte um zwei Drittel verkleinert werden. Wir sind eine offene, demokratische Gesellschaft, die Individualisierung wird gerade durch die Digitalisierung weiter voranschreiten. Es wird daher immer eine Kombination aus kleinen und großen Fahrzeugen geben.

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Weicht der Individual- dem Massenverkehr?

Die digitale Verknüpfung der unterschiedlichen Verkehrsgeräte wird in den Städten zum Alltag. Man checkt morgens ein und abends wieder aus. Zwischendurch nutzt man alles, was gerade verfügbar und nützlich ist. Es gibt kein Privateigentum an Verkehrsmitteln mehr.

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Ist kostenloser Nahverkehr eine Lösung? Wie ließe sich das finanzieren?

Kostenloser Nahverkehr ist Quatsch und wird nur von Menschen gefordert, die ihn nicht benutzen. Nahverkehr ist eine komplexe Dienstleistung, die eine hohe Qualität braucht. Die von Unternehmen angeboten werden wird, die damit auch Geld verdienen sollen. Menschen sind durchaus bereit, für diese Angebote Geld auszugeben. Die Bewegung im Raum kostet Geld und dafür muss auch bezahlt werden.

Warum tut sich die Politik so schwer, neue Konzepte zu etablieren? Woher kommen die stärksten Widerstände?

Weil wir immer noch glauben, den Traum von einer glücklichen Familie mit privatem Auto und privatem Haus unterstützen zu müssen. Die Politik ist auf dieses Bild völlig fixiert. Die Gesellschaft hat sich längst gewandelt, sie ist mehrdeutig und offener geworden. Die Verkehrspolitik steckt aber noch in den Bildern der Adenauerzeit. Ihr fehlt es an Mut und Visionen.

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