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Die Zukunft der Automarke:Audi hat zu lange gepokert, gezaudert, taktiert

Die Heckleuchte des neuen Audi Q5.

Leicht angestaubt: Der neue Audi Q5 soll ein Verkaufsrenner werden, doch den Design-Verantwortlichen fehlte der Mut. Auch der neue Audi A4 geriet bieder.

(Foto: Audi)

Viele Jahre lebte die VW-Tochter über ihre Verhältnisse. Nun muss Audi sparen - und nicht nur viele Modelle, sondern auch einige Privilegien abgeben.

Analyse von Georg Kacher

Die Zeiten, als Audi alle Freiheiten eines hoch dekorierten Gewinnbringers genoss, sind fürs Erste vorbei. Noch stimmen zwar die meisten Zahlen, doch die Verunsicherung hat spätestens an jenem Dienstag im Oktober die Basis erreicht, an dem Vorstandschef Rupert Stadler dem Betriebsrat mitteilen musste, dass sich der Bau des neuen Entwicklungszentrums auf unbestimmte Zeit verzögert und dass mangels Nachfrage die dritte Schicht des neuen A4 im Stammwerk Ingolstadt gestrichen wird.

Schatten über die heile Welt werfen auch Hiobsbotschaften aus China, wo die Nachfrage zu schwächeln beginnt und unverhohlener Protektionismus die Zukunftsplanung erschwert - ganz zu schweigen von der Dieselkeule, die in Form einer drohenden Rückruf- oder Rückkauf-Aktion für den V6 TDI selbst eine solide Bilanz rot einfärben würde. Jetzt rächt es sich, dass Audi seit Anfang des Jahrzehnts über seine Verhältnisse gelebt hat, regelmäßig das Entwicklungsbudget überzog und sich aufrieb im Machtgefüge eines scheinbar unzerstörbaren Markenverbunds.

VW und Porsche müssen aushelfen

Audi hat, von Mut und Ehrgeiz getrieben, sein Elektroauto-Pulver früh verschossen und mit dem Q6 e-tron einen ambitionierten Solitär abgenickt, der knapp zwei Jahre vor Verkaufsbeginn die Alarmglocken läuten lässt. Zum einen wird dem Wagen ein erschreckend hohes Leergewicht von 2,6 Tonnen nachgesagt, das Fahrleistungen und Reichweite kaum zuträglich sein dürfte. Zum anderen steht die komplexe Hochbodenplattform wegen ihrer stark eingeschränkten Skalierbarkeit in der Kritik.

Im Einstiegssegment muss VW mit der Elektroplattform MEB aushelfen, in der Oberklasse sind die Bayern vermutlich auf die J1-Matrix des Porsche Mission E angewiesen. Auch für den von Audi verantworteten Längsmotorbaukasten (MLB) gibt es aus heutiger Sicht keine Überlebensgarantie, denn dieser Teilesatz soll mit seinem Gegenstück aus Zuffenhausen (MSB) mittelfristig zu einer noch effizienteren neuen Matrix verschmolzen werden. Die Systemführerschaft, so ist zu vermuten, liegt in Weissach.

Es fehlt eine schlüssige Strategie

Was dem wichtigsten Renditebringer des Konzerns fehlt, ist eine auf die Marke zugeschnittene schlüssige Elektrifizierungsstrategie, die entsprechende Batteriekompetenz und eine zukunftsfähige Architektur - sei es ein kompromissloser Baukasten für neue Premium-Batterieautos oder die seit Jahren diskutierte, aber nie entschiedene Multi-Traktions-Plattform MTP, die für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und E-Maschine gleichermaßen geeignet wäre.

Gut möglich, dass manche der jetzt diskutierten Weichenstellungen das Unternehmen in seinen Grundfesten erschüttern. Was wäre, wenn der A4-Nachfolger von der A6-DNA zum knapp 1500 Euro günstigeren Quermotor-Baukasten (MQB) wechselt, der Bestandsschutz für TT (das Segment schrumpft) und R8 (der Erfolg bleibt aus) aufgehoben wird, oder das Lamborghini-Engagement im Verbund mit Porsche und Bentley neu bewertet werden muss?

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