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Deutsche Bahn:Bremse kaputt - vier Minuten Verspätung

13.33 Uhr, Würzburg. Lutz Prüfer, 45, fährt mit vier Minuten Verspätung los. Seit 1988 ist er Lokführer. Und Verspätungen mag er gar nicht. Sicher und pünktlich die Leute zum Ziel zu bringen, "dafür bin ich da", sagt er. Das Problem ist nur: Heute will das nicht recht klappen. In einem Waggon ist eine Bremse ausgefallen. Das ist nicht schlimm, die anderen bremsen mit. Dennoch benötigt Prüfer eine schriftliche Anweisung, wie schnell er wegen des Defekts maximal fahren darf. Diese Anweisung sollte eigentlich in Würzburg an den Zug gebracht werden. Doch das klappte nicht. Prüfer musste sich die Anweisung per Zugfunk durchgeben lassen und alles selbst notieren - das kostete einige Minuten.

14.13, hinter Fulda. Reinhard Wauer fährt sonst nie Zug. "Über 40 Jahre war ich mit dem Auto unterwegs", erzählt der 79-Jährige aus der Nähe von Schwäbisch Gmünd. In den Urlaub, auf Dienstreisen, wenn die Kinder die Verwandtschaft besuchen wollten - "immer bin ich gefahren". Damit ist jetzt Schluss. Ein Sonderangebot-Ticket der Bahn für 59 Euro hat ihn zum Umstieg verleitet. "Ich probiere es mal aus." Und? Wie gefällt es ihm im Zug? "Spitze", sagt er. Alles habe geklappt, das Umsteigen, die Platzreservierung. Nur zum Bahnhof musste er gefahren werden. "Ganz ohne Auto", sagt er, "geht es halt dann doch nicht."

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15.34 Uhr, Hannover. Lokführer Prüfer hat die Verspätung wieder reingefahren. Dennoch wird der Zug etwas später als geplant weiterfahren. "Wir warten noch auf Anschlussreisende", sagt er. Prüfer indes verlässt den Zug. Er steuert einen anderen ICE zurück nach Nürnberg. Zuvor drückt er noch ein paar Knöpfe im Führerstand von ICE 588. Erst dann ist 402 018 wieder getrennt vom hinteren Zugteil - bereit für die Weiterfahrt nach Hamburg.

15.46 Uhr, Hannover. Klaus Voss ist ein solcher Anschlussreisender. Gehetzt kommt er ins Bordrestaurant. Von der Bahn hat er erst mal genug. Und das lässt er jeden spüren. "Gibt's Waffeln?", raunzt er den Steward im Speisewagen an. Als der ihm erklärt, dass er sogar Eis und heiße Himbeeren dazu bekommen kann, fragt Voss spöttisch: "Echt? Alles da?" Eigentlich hätte der Geschäftsmann aus Hamburg bereits vor einer Stunde an die Alster fahren sollen - aber schon in Dortmund hatte sein erster Zug Verspätung gehabt. "Personenschaden am Gleis", das habe die Bahn zur Begründung gesagt.

Der Anspruch auf Perfektion ist "infantil"

15.55 Uhr, kurz hinter Hannover. Carmen Stüber, 47, ist die Zugchefin im ICE 588. In Kassel ist sie zugestiegen, nun fährt sie bis Hamburg. Im Bahnhof fertigt sie den Zug ab, dann kontrolliert sie die Fahrkarten, erteilt Auskünfte. Vor allem aber ist sie die erste Anlaufstelle, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Das ist mitunter anstrengend, klar. Und dennoch mag Stüber ihren Job. "Jeder Tag ist anders", sagt sie. Und: Im Zug sei sie mehr oder weniger ihr eigener Chef. "Ich mag diesen Freiheitsgedanken."

16.10 Uhr, Uelzen. Klaus Voss kommt mit den Mitreisenden ins Gespräch. Vor einiger Zeit hatte er einen Autounfall auf schneeglatter Straße. "Nun lässt mich meine Frau keine langen Strecken mehr fahren." Zu Geschäftsterminen im Ruhrgebiet reist er nun stets mit der Bahn. Wie das so läuft? "In der Regel ganz gut", sagt Voss. Außer an Tagen wie heute, wenn er mehr als eine Stunde Verspätung hat. Aber: Der Anspruch auf Perfektion, gleich bei welchem Verkehrsmittel, sei eh "infantil", findet Voss. Auf der Autobahn stehe man auch ständig im Stau. "Nur da gibt es keinen, bei dem man sich beschweren kann."