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Detroit Motor Show:In den USA gibt es einen Hype um den Diesel

  • Fast zweieinhalb Jahre nach Beginn des Dieselskandals galt die Selbstzündertechnik auf dem amerikanischen Automarkt als tot.
  • Die deutschen Hersteller sehen das auch weiterhin so. Die amerikanischen Autokonzerne rüsten dagegen immer mehr Autos mit Dieselmotoren aus.
  • Ihr Argument: Die Motoren seien stark und vergleichsweise verbrauchsarm - und damit prädestiniert für ihre großen Pick-ups und SUVs.

Die Deutschen hatten es so sehr versucht: Vom "Clean Diesel" sprachen sie vor zehn Jahren, im US-Fernsehen schalteten sie Werbespots, in denen elegante Menschen weiße Taschentücher an Auspuffrohre hielten - kein bisschen Ruß war zu sehen. Mit dem Diesel kann man effizient und sauber fahren, das war die Botschaft der deutschen Industrie, doch sie scheiterten. Nun stoßen die US-Autobauer in die Lücke. Es scheint, als könnten die Amerikaner umsetzen, worum sich Audi, BMW, Daimler, VW und Bosch, der Quasi-Monopolist bei Dieselteilen, jahrelang vergeblicht bemüht hatten.

Die Deutschen hofften, dass US-Kunden angesichts damals hoher Spritpreise auf diese Wundertechnik made in Germany setzen. Aber die Benzinpreise sanken bald wieder; gerade kostet die Gallone (3,79 Liter) Benzin zweieinhalb Dollar, was 54 Eurocent pro Liter entspricht. Diesel ist einen halben Dollar pro Gallone teurer.

Automesse Protz und Power in Detroit
Automesse

Protz und Power in Detroit

Die US-Autohersteller haben auch Elektroautos im Angebot, über die aber will auf der Detroit Motor Show niemand reden. Stattdessen dominieren gewaltige Spritschlucker.   Von Max Hägler und Kathrin Werner

Vor zweieinhalb Jahren flog auch noch auf, dass das große Versprechen vom Clean Diesel falsch war, der Dieselskandal nahm seinen Lauf. Zuvorderst Audi und VW sparten widerrechtlich an den teuren Abgasreinigungsanlagen oder schraubten daran so herum, bis die Anlagen kostengünstig liefen, aber nicht korrekt. Die in Europa so beliebte Motorentechnik - in den USA erschien sie endgültig begraben. Eines von 1000 Autos fuhr zuletzt mit Diesel. Man müsse sich wohl verabschieden von der Idee, dort Dieselautos verkaufen zu können, so das Urteil von Matthias Wissmann, Deutschlands oberstem Autolobbyisten. Das ist die deutsche Sicht.

Tatsächlich scheinen die Vereinigten Staaten gerade doch noch zum richtigen Dieselland zu werden, mit allen Zutaten: große Versprechen, begeisterte Ingenieure - und verdächtige Abschalteinrichtungen. Getrieben wird dies diesmal von den US-Konzernen, von General Motors (GM), Fiat-Chrysler (FCA) und Ford. Mit jubelndem Unterton erzählt da auf der Detroit-Autoshow GM-Entwicklungsvorstand Mark Reuss: "Wir sind die führende Marke für Diesel." Und hinten auf der Leinwand ist ein 3-Liter-Aggregat zu sehen. Wow! Wieso man auf die Technik setze? Weil die Motoren so stark seien und dabei effizient, erklären seine Leute hernach. Bis zu sieben der acht Zylinder würden abgeschaltet, je nach Notwendigkeit. Nicht E-Antriebe sind der Hype, sondern Dieselantriebe.

Der Ford F-150 kommt erstmals mit Dieselaggregat

Zwar sind die CO₂-Vorgaben und der damit zusammenhängende Spritverbrauch in den USA laxer als in Europa, aber die Hürden steigen auch in Amerika, wo die Behörden lange Zeit eher die Stickoxide kontrollierten. Ab 2020 wird die Grenze von durchschnittlich 113 Gramm CO₂ pro Kilometer gelten, in Europa werden es 95 Gramm sein. Für extragroße Wagen gibt es zwar einen Bonus - und doch wird Effizienz ein größeres Thema, zumal in den USA auch die verbrauchte Spritmenge vorgegeben wird: Und da hilft Diesel. Auch Ford spendiert deshalb dem meistverkauften Auto der USA erstmals seit 70 Jahren ein Dieselaggregat, dem Pritschenwagen F-150.

Stark und vergleichsweise verbrauchsarm: Die Argumente kennt man aus Diesel-Deutschland. Auch die Probleme ähneln sich. Gerade eben wurde eine Zivilklage gegen Ford eingereicht: US-Kunden beschuldigen die Firma, mit illegaler Software bei mindestens 500 000 großen Wagen die Werte des Schadstoffs Stickoxid gefälscht zu haben. "Es ist völlig falsch, es gibt kein Defeat Device", wehrt sich Ford-Vorstandschef Jim Hackett indes. Wobei der auch beschuldigte Lieferant Bosch erklärt: Man nehme diese Vorwürfe sehr ernst.