Süddeutsche Zeitung

Design:Autos mit Fettsucht

Nicht nur die Menschen werden immer dicker. Auch ihre Autos nehmen ständig zu - wie unsere Vorher-nachher-Bilder eindrucksvoll zeigen.

Von Jessy Asmus (Collagen) und Felix Reek

Wer in einem aktuellen Auto unterwegs ist, dem wird das bekannt vorkommen: Deutsche Straßen sind einfach nicht breit genug. Sobald ein anderes Auto entgegenkommt, kann es schon knapp werden. Im Schritttempo gleitet man aneinander vorbei, aus Angst, den anderen zu touchieren. Die Parkplatzsuche? Ein Albtraum! Baustellen auf der Autobahn? Die Hände zittern!

Dabei muss man nicht einmal in einem SUV unterwegs sein, um Platzangst zu bekommen. Autos werden seit Jahrzehnten immer größer. Die Industrie erklärt das gerne mit dem Argument, dass auch der Mensch im Durchschnitt wächst. Das stimmt, doch in den vergangenen 120 Jahren betrug der menschliche Längenzuwachs im Schnitt gerade einmal 14 Zentimeter, sagen Forscher. Der VW Golf, der motorisierte Inbegriff des deutschen Durchschnittsbürgers, ist in nur 40 Jahren etwa 50 Zentimeter länger und 20 Zentimeter breiter geworden als die erste Generation von 1974.

Wie gravierend diese Unterschiede ausfallen, können Sie in unseren Grafiken sehen. Dort haben wir einige aktuelle Autos und ihre Vorfahren nebeneinander geparkt.

VW Golf (1974 und 2016)

Kaum ein Auto hat das deutsche Straßenbild so sehr geprägt wie der Golf. Er führte von 1974 an nicht nur VW aus der Absatzkrise, er begründete auch eine neue Fahrzeugklasse: die Kompaktwagen, deren Vertreter sich umgangssprachlich längst der Golf-Klasse zuordnen lassen. Obwohl die erste Generation in Sachen Länge, Breite und Höhe gar nicht mal so klein ist (3705 x 1610 x 1390 mm), könnte man den kantigen Klassiker bequem in seinem aktuellen Nachfolger parken. Viel Platzgewinn hat das aber nicht gebracht. Der Kofferraum des Golf VII (seit 2012) fasst 380 Liter, der der ersten Generation 320 Liter.

Golf 1: 3705 x 1610 x 1390 mm (Länge x Breite x Höhe)

Golf 7: 4255 x 1799 x 1452 mm (Länge x Breite x Höhe)

Porsche 911 (1963 und 2016)

Viele Menschen behaupten, der Porsche 911 habe sich in mehr als 50 Jahren optisch gar nicht verändert. Das stimmt zumindest in Teilen. Denn im Gegensatz zu vielen Modellen in dieser Aufzählung hält sich der Größenzuwachs in Grenzen. Jeweils zwanzig Zentimeter länger und breiter ist der Sportwagen seit 1963 geworden, bei fast gleichbleibender Höhe.

Riesenzuwächse gab es dagegen bei der Motorleistung. Aus 130 PS im Urmodell wurden mindestens 370 im aktuellen Carrera und gar 580 im neuen Turbo S.

Porsche 911 (1963): 4291 x 1652 x 1310 mm

Porsche 911 (2016): 4499 x 1808 x 1294 mm

Mini (1959 und 2016)

Sie sehen ein wenig aus wie Mutter und Tochter, so wie die beiden Minis auf unserer Grafik nebeneinanderstehen. Fairerweise muss man natürlich zugeben: Heutzutage wäre ein Auto mit gerade einmal drei Metern Länge kaum alltagstauglich. Das nächstbeste SUV würde den britischen Zwerg einfach überrollen. Mini ist die von BMW gebaute Neuauflage nicht mehr. Mehr als 80 Zentimeter länger ist das Modell im Retro-Look. Treu bleibt man sich hingegen bei den Platzverhältnissen: Auf der Rückbank wird es für Menschen mit mehr als 1,50 Meter Körpergröße immer noch eng. Und der Kofferraum reicht mit 280 Litern gerade mal für eine Sporttasche.

Mini (1963): 3054 x 1397 x 1346 mm

Mini (2016): 3821 x 1727 x 1414 mm

Mercedes Baureihe 123/E-Klasse (1975 und 2016)

Streng genommen ist der Mercedes 123 natürlich nicht der Ursprung der aktuellen E-Klasse - dafür müsste man viel weiter zurückgehen. Aber als bis heute meistverkauftes Modell der Schwaben zeigt er imposant, wohin sich die obere Mittelklasse aus Stuttgart entwickelt hat. Über zu wenig Platz beschwerte sich in den 70er- und 80er-Jahren zumindest kaum jemand beim 123er. Auch deshalb war er in vielen Städten die erste Wahl der Taxifahrer. Die aktuelle obere Mittelklasse hat ordentlich zugelegt, und zwar nicht nur an Größe. Die E-Klasse ist mit etwa 1,7 Tonnen 400 Kilogramm schwerer als der 123.

Mercedes 123: 4725 x 1786 x 1438 mm

Mercedes E-Klasse: 4923 x 2065 x 1468 mm

Fiat 500 (1957 und 2016)

Ach, der kleine Fiat 500! Es mögen noch so viele Ferraris vor Luxushotels parken, kein Auto verkörpert das italienische Lebensgefühl so sehr wie das Mikro-Auto, dass von 1957 an das Herz der sonnenverwöhnten Südländer im Sturm eroberte.

Drei Millionen Exemplare verkaufte Fiat bis 1977, der Motor leistete zu Beginn gerade einmal 15 PS. Bei einer Länge unter drei Metern und einer Breite und Höhe von 1,30 Meter musste der Zwerg in der Neuauflage natürlich wachsen. Ganze 60 Zentimeter ragt nun das Heck über seinen Urahn hinaus. In der SUV-Version sind es fast 1,30 Meter.

Fiat 500 (1957): 2970 x 1320 x 1325 mm

Fiat 500 (2016): 3546 x 1627 x 1488 mm

BMW 7er (1977 und 2016)

Wie auf unserer Grafik zu sehen, hat sich der BMW 7er über die Jahrzehnte in puncto Länge und Höhe vergleichsweise wenig verändert. Ein paar Zentimeter mehr Kopffreiheit, ein größerer Kofferraum. Auch die Breite hat gerade einmal um zehn Zentimeter zugenommen. Doch die fallen ins Gewicht und zeigen ein Problem vieler moderner Autos auf: Sie passen nicht auf die Straße. Zwei Meter darf ein Fahrzeug maximal breit sein, um die linke Spur einer Autobahnbaustelle zu nutzen. Mit Außenspiegeln. Der BMW liegt klar darüber und müsste eigentlich rechts bleiben.

BMW 7 (1977): 4860 x 1800 x 1430

BMW 7 (2016): 5098 x 1902 x 1467

Range Rover (1970 und 2016)

Ein überschaubares Auto war der Range Rover nie. Der Geländewagen maß bereits bei seinem Verkaufsstart 1970 gewaltige 4,50 x 1,80 x 1,80 Meter. Niemand hätte damals gedacht, dass der Brite Vorreiter für eine neue Fahrzeugklasse werden sollte, deren Vertreter inzwischen hauptsächlich in engen Städten unterwegs sind.

SUVs verzeichnen seit Jahren die größten Wachstumsraten auf dem Fahrzeugmarkt. Genauso wie der Range Rover. Heute ist der fünf Meter lang und zwei Meter breit. Viel Spaß bei der Parkplatzsuche!

Range Rover Classic: 4445 x 1814 x 1798 mm

Range Rover LG: 4999 x 1983 x 1835 mm

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