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·:Der rasende Mensch Tempoverstöße sind Hauptgrund für schwere Unfälle, doch viele Autofahrer betrachten sie als Bagatelle

Alles Übel kommt daher, dass die Menschen nicht ruhig zu Hause bleiben können. So hat sinngemäß der französische Philosoph Blaire Pascal schon im 17. Jahrhundert den menschlichen Bewegungsdrang und seine Folgen beschrieben. "Warum hat Geschwindigkeit in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert?", formulierte Hartmut Topp, Professor an der TU Karlsruhe, anlässlich eines Seminares des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) zum Thema "Geschwindigkeit" Pascals Feststellung auf die moderne Mobilität um.

Denn die Folgen des hohen Tempos sind dramatisch, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen. So starben 2006 in Deutschland 2170 Menschen bei Tempo-Unfällen. Das bedeutet, dass 43Prozent aller im Straßenverkehr Getöteten sowie jeder fünfte Unfall auf zu schnelles Fahren zurückzuführen sind. Dabei beherrscht der Mensch "aus eigener Muskelkraft und bezüglich seiner Sinne nur 30 km/h", ergänzte Topp.

Dennoch zeigt sich immer wieder, dass Menschen auch extrem hohe Geschwindigkeiten bewältigen können, wie man während der Formel-1-Saison beobachten kann. "Sicher rasen - geht das?", fragte Mark Vollrath, Professor an der TU Braunschweig, und ergänzte, dass auf Rennstrecken aber auch "immer wieder Unfälle passieren". Für den öffentlichen Straßenverkehr belegen zahlreiche Studien, dass das Unfallrisiko steigt, wenn die vorgeschriebene Geschwindigkeit überschritten wird. Gilt Tempo 60, steigt das Risiko eines Unfalls bereits auf das Zweifache, wenn nur fünf km/h schneller gefahren wird; bei 70 km/h ist die Unfallgefahr fünffach erhöht, bei 80km/h sogar um das 30-fache. "Vergleicht man dies mit der Wirkung von Alkohol, so sind 65km/h, anstatt 60km/h, so risikoreich wie 0,5 Promille, Tempo 80 ist so riskant wie 2,1 Promille", erklärte Vollrath.

Dennoch werden Raser in der Öffentlichkeit oft noch als "Helden" betrachtet, während Alkohol am Steuer immer weniger toleriert wird, überlegte Helmut Kury, Professor an der Uni Freiburg. Seiner Meinung nach "hängt die Sanktionswaage schief, Verkehrsstraftäter werden viel zu milde bestraft". Niedrige Geldbußen würden verpuffen, beim Führerscheinentzug sehe das dagegen anders aus, was für den Kriminologen zur Folge haben müsste, dass "Intensivtäter härter sanktioniert werden müssen".

Doch wer sind nun diese unbelehrbaren Raser und vor allem, gibt es so viele, wie es in der öffentlichen Meinung oft transportiert wird. In Deutschland haben etwa 50 Millionen Personen einen Führerschein. Anfang dieses Jahres waren 8,4 Millionen im Flensburger Verkehrszentralregister eingetragen und davon hatten 73000 Führerscheinbesitzer, 0,9 Prozent aller Registrierten, mehr als 14 Punkte auf dem Konto. Die meisten Eintragungen, 58,7 Prozent, erfolgten wegen überhöhter Geschwindigkeit.

Dietmar Lucas, Diplompsychologe mit einer Praxis für Verkehrstherapie in Münster, hört die immer gleichen Ausreden, wenn Autofahrer zum verkehrspsychologischen Seminar kommen, um Punkte in Flensburg abzubauen: "Zu je einem Drittel rechtfertigen die Leute mit den gleichen Erklärungen, wie es dazu kommen konnte." Einmal das Bagatell-Argument, man sei "nur ein bisschen zu schnell" gewesen. Zum zweiten die Schuldabwälzung, nach dem Motto "der Chef hat mich dazu gezwungen". Und dann gibt es noch die Schnellfahrer, die nur ihre eigenen Regeln gelten lassen. So wie der Mann, der gewettet hat, dass er schneller als ein anderer in einer Stadt ist und zuallererst das Nummernschild von seinem Auto abmontiert hat. "Diese Menschen bleiben meist beharrlich und zeigen sich tatsächlich unbelehrbar, denn es findet kein Sinneswandel statt", resümierte Lucas.

Etwas anders sieht es aus, wenn Autofahrern die Fahrerlaubnis, etwa wegen 18 Punkten in Flensburg, entzogen wurde und eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) ins Haus steht, wie Lucas' Kollegin Susanne Laumeyer berichtete: "Es gibt Leute, die froh sind, dass das passiert ist. Denn wenn es jemand so weit kommen lässt, dass er den Führerschein, bei uns ein hohes Gut, gefährdet, kann man davon ausgehen, dass meist etwas anderes dahintersteckt." Somit könne der Führerscheinverlust, Anlass für eine grundsätzliche Veränderung sein, die sich auch auf andere Lebensbereiche positiv auswirke.

Ein besonders schlechtes Tempo-Image haben Motorradfahrer, was mit daran liegt, dass auch hier Geschwindigkeit Hauptunfallgrund ist. Allerdings muss zwischen den Unfallverursachern klar unterschieden werden, wie die Zahlen belegen, die Kai Assing von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) nannte. Handelt es sich um einen Alleinunfall, wenn also niemand weiterer beteiligt war, ist zu hohes Tempo der häufigste Grund. Das gilt auch dann, wenn der Biker Hauptverursacher ist. Das betrifft allerdings nur 24Prozent aller Motorradunfälle. Deutlich häufiger, nämlich in 52Prozent aller Biker-Unfälle, sind andere Verkehrsteilnehmer die Unfallverursacher, und überhöhtes Tempo tritt an die neunte Stelle der Unfallgründe.

Die spezielle Betrachtung der Motorradfahrer hat auch ihre Begründung darin, dass "für einige Motorradfahrer das Biken eine sportliche Freizeitbeschäftigung ist und in der Motivationsstruktur der von Betreibern anderer Risikosportarten entspricht," so Diplom-Psychologe Hartmut Kerwien, selbst Motorradfahrer. In der Konsequenz hieße das, dass die Biker Motorradfahren als "ständigen Verbesserungsprozess begreifen", und wie andere Sportler auch trainieren, also Fahrertrainings absolvieren müssen.

Der Mensch, ob als Auto- oder Motorradfahrer, trifft häufig Fehlentscheidungen, denn so Mark Vollrath, "die Fahrer wissen prinzipiell, dass sie zu schnell fahren, aber: Andere tun das auch und schließlich - die meiste Zeit geht es gut". Folglich muss die Technik eingreifen, um menschliche Fehler zu vermeiden. Eine Möglichkeit wäre die intelligente Geschwindigkeitsanpassung (ISA - Intelligent Speed Adaptation). Dieses System weiß, wo welches Tempo erlaubt ist und bremst beim Zuschnellfahren - allerdings kann ISA abgeschaltet werden. Bei einem Feldversuch in England stellte sich dann auch heraus, dass überzeugte Schnellfahrer ISA ablehnten und deaktivierten. "Den Fahrern muss vermittelt werden, dass ein solches System ein großes Potential hat, Unfälle zu vermeiden, denn es ist heute bereits gut möglich, im Fahrzeug zu wissen, was eine sichere Geschwindigkeit ist", erklärte Vollrath.

Wenn sich Menschen nicht von modernster Technik überzeugen lassen, helfen vielleicht Emotionen, dachte sich Rudolf Broer und entwickelte Dialog-Displays. Auf den Tempoanzeigen sind Kinder zu sehen: Hält sich der Autofahrer an das gültige Tempo leuchtet "Danke!" in Grün auf, ist er zu schnell, steht dort in Rot "Langsam!". Ein Langzeitversuch mit der TU Dresden zeigte, dass 75 Prozent aller Fahrer in dieser 30er-Zone langsamer als 33km/h fahren und dass die Geschwindigkeit seit drei Jahren konstant niedrig bleibt. "Es tritt kein Gewöhnungseffekt ein", so Broer. Die psychologische Wirkung, die einen Beschützereffekt und Verantwortungsgefühl auslöst, steht für ihn fest. "Und davon kann es doch gar nicht genug geben", ist Rudolf Broer überzeugt.Marion Zellner

© SZ vom 01.12.2007
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