Der Leuchtturm aus der Bierwerbung:Geblendet im Kochtopf

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Von Land aus hat sich das mittlerweile millionenfach geändert. Aber Heinrich Geertsen, der letzte Leuchtturmwärter von Westerheversand, hat nicht nur die rapide wachsende Popularität des Turmes, sondern auch noch dessen einstige Einsamkeit am eigenen Leibe erlebt. Denn 1954, als Heinrichs Vater als Leuchtfeuerwärter auf Westerheversand angestellt wurde und mit seiner Familie in eines der beiden Wärterhäuser zog, lernte der damals 19-Jährige das Leben dort draußen auf dem aufgeschütteten Warfthügel tausend Meter hinterm Deich besser kennen, als ihm eigentlich lieb war.

Leuchtturmwärter Heinrich Geertsen

Heinrich Geertsen: "Leuchtturmwärter wie mein Vater wollte ich eigentlich nie werden."

(Foto: Foto: Michael Pasdzior)

Heute kann jeder Besucher des Leuchtturmes die Leiden des jungen Heinrich selbst nachvollziehen, wenn er nach einem bequemen, rund 20-minütigen Spaziergang über den neuen breiten Betonweg für seinen Rückweg zum Deich den historischen Stockenstieg wählt. Ein glitschiger, gerade mal 30 Zentimeter breiter Lehmziegelpfad mit schmalen Bretterstiegen über Wassergräben und Priele, der bis Anfang der achtziger Jahre die einzige Verbindung zwischen Leuchtturm und Festland war.

Land unter im Herbst und Winter

Täglich musste sich Heinrich Geertsen über diesen unwirtlichen Weg zu seiner Arbeitsstelle auf Eiderstedt kämpfen: "Das hat mir so manche schlaflose Nacht bereitet", erinnert er sich. Nicht nur behindert durch Wind und Regen, Schnee und Eis, wütende Herbst- und Winterstürme, sondern auch 15 bis 20 Mal jährlich bei Neu- oder Vollmond durch die Springtide, bei der es dann vor dem Deich "Land unter" heißt und die vier Meter hohe Leuchtturmwarft zu einer einsamen Insel wird.

"Tja, Leuchtturmwärter wie mein Vater wollte ich eigentlich nie werden", seufzt Geertsen. Besonders, nachdem er am 17. Februar 1962, als eine verheerende Sturmflut, die auch weite Teile von Hamburg untergehen ließ, ihn schon am Nachmittag an der Rückkehr zum Elternhaus hinderte; die einzige Telefonverbindung zum Turm war zerstört und Geertsen musste stundenlang hilflos auf der Deichkrone im tosenden Sturm stehend zusehen, wie das Licht des Leuchtturm ebenso stoisch wie gespenstisch durch die schwarze Nacht blitzte.

In Gummistiefeln zur Dorfschule

Das prägt und lässt einen nicht wieder los. Obwohl Heinrich Geertsen 1964 nach seiner Heirat zunächst erleichtert aufs Festland zog, nahm er schon ein Jahr später das Angebot der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung an, seinem Vater im Leuchtfeuerdienst zu folgen. Und als Ehefrau Traute beim Umzug auf die Warft mit dem kleinen Sohn im Kinderwagen als Letzte durch das knöcheltiefe Wasser dahergeschoben kam, ahnte Geertsen, dass das Schicksal auch seinen Kindern einen täglichen harten Weg zur Westerhever Dorfschule sowie häufige Unterrichtsteilnahme in Gummistiefeln bestimmt hatte.

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