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City-Maut in London:Klassenkampf gegen Klimakiller

Für Manche wird das Leben in London jetzt noch teurer. Der linke Bürgermeister Ken Livingstone plant eine saftige Extra-Maut für die "Chelsea Tractors" - spritfressende Geländewagen - und andere Luxusautos.

Wolfgang Koydl

Es ist kein Geheimnis, dass es schon immer ein kostspieliges Privileg war, in London zu wohnen. Für eine bestimmte Personengruppe freilich wird sich das Leben schon bald noch einmal empfindlich verteuern: Wenn es nach dem Willen von Bürgermeister Ken Livingstone geht, müssen sie vom kommenden Herbst an für eine einfache Autofahrt ins Stadtzentrum statt bislang acht Pfund (knapp elf Euro) mehr als dreimal so viel bezahlen: 25 Pfund (fast 34 Euro).

Betroffen davon sind die Fahrer sogenannter Gas Guzzlers - spritfressender Dreckschleudern mit einem Kohlendioxidausstoß von mehr als 225 Gramm pro Kilometer. Dazu gehören die meisten Geländefahrzeuge - im Volksmund nach dem schicken Londoner Stadtteil "Chelsea Tractors" genannt - , der Porsche 911 Carrera und der BMW X5 etwa, aber auch manche Familienkutschen wie der Renault Espace. Im Ausgleich sollen umweltfreundliche Kleinwagen wie der Renault Clio oder der VW Polo ganz von der seit fünf Jahren geltenden City Maut befreit werden.

Mit dieser Umwandlung der Maut in eine Art von bestrafender Umweltsteuer will Livingstone nach eigenen Worten einen Beitrag zur Rettung des Planeten vor dem Klimawandel leisten. Doch Gegner unterstellen dem Populisten mit der marxistischen Vergangenheit, gleichsam mit Vollgas und Allradantrieb in den Klassenkampf zu düsen. Zum einen würden fast nur wohlhabende Londoner geschröpft, zum anderen seien die Auswirkungen auf die Luftqualität verschwindend gering. Tatsächlich geht mittlerweile sogar Londons Verkehrsbehörde TfL davon aus, dass der CO2-Ausstoß durch die neue Maßnahme um gerade mal 100 Tonnen im Jahr gesenkt werden würde - 0,001 Prozent der Londoner Emissionen.

Noch nicht einmal der Bürgermeister selbst erwartet eine deutliche Verringerung des Schadstoffausstoßes. Bei der Vorstellung seines Vorschlages musste er zugeben, dass jeder Rückgang vermutlich dadurch mehr als ausgeglichen werde, dass mehr Leute künftig mit von der Maut befreiten Kleinwagen in die Stadt fahren würden als mit U-Bahn oder Bus. Dass sich bei ihm Klassen- und Klimafragen in etwa die Waage halten, ging aus seiner nächsten Bemerkung hervor: "Ich habe alles Mitgefühl mit einem schottischen Bergbauern, der ein Allradfahrzeug braucht. Aber für die Londoner Innenstadt gibt es keine Rechtfertigung für solche Autos, die so viel CO2 produzieren."

Die Londoner haben es freilich selbst in der Hand, ob sie die Steuer zahlen müssen. Im Mai wird der Bürgermeister neu gewählt, und zum ersten Mal in seiner achtjährigen Amtszeit ist eine Niederlage des "Roten Ken" denkbar. Beide Gegenkandidaten - Boris Johnson von den Konservativen und der Liberaldemokrat Brian Paddick - lehnen die Abgabe auf Spritfresser ab. Außerdem wollen sie die im letzten Jahr durchgezogene Erweiterung der Maut-Zone um die Nobelviertel Kensington und Chelsea wieder zurücknehmen.

Keiner will jedoch die sogenannte Congestion Charge wieder abschaffen - was grundsätzlich als Erfolg der Maßnahme gelten kann. Seit ihrer Einführung im Februar 2003 ist die Zahl der Fahrzeuge in der Londoner Innenstadt um 21 Prozent gesunken. Dass sich der Verkehrsfluss dennoch verlangsamt hat, führt man bei TfL auf Bauarbeiten und auf verkehrsberuhigende Maßnahmen wie veränderte Ampelschaltungen und die Bereitstellung neuer Bus- und Fahrradspuren zurück.

© SZ vom 14.02.2008/jkr
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