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Carsharing statt eigenes Auto:Und sie bewegen sich doch

Dieter Zetsche in einem Car2Go

Daimler-Chef Dieter Zetsche hinter dem Steuer einer der Carsharing-Autos des Unternehmens.

(Foto: dpa)

Lange wurde Daimler-Chef Zetsche für sein Carsharing-Angebot "Car2Go" belächelt. Das hat sich geändert. Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen das eigene Auto. Das haben die Autokonzerne erkannt - und wollen "Mobilität" verkaufen.

Von Thomas Fromm und Max Hägler

Der Abend im hochsommerlichen Berlin war schon irgendwie außergewöhnlich. Nicht eine von diesen superteuren, hochmotorisierten Limousinen feierten die Schwaben vor wenigen Wochen im Tempodrom, sondern putzige Kleinwagen: Zwei Sitze hat der Smart, 2,66 Meter ist er kurz, erhältlich ab etwa 10 000 Euro. Und so richtig viel Kraft hat er auch nicht. Einige schwäbische Manager lassen sich nur kurz blicken, solche Wagen sind wohl doch unter ihrer Würde.

Manfred Bischoff aber, der Daimler-Aufsichtsratsvorsitzende - er ist von diesem Abend ziemlich angetan, wird bis spät in die Nacht bleiben. Er läuft langsam über die Bühne im Tempodrom, auf der Fotografen und Ingenieure herumwuseln. "Das schaut doch gut aus", sagt er, "wobei mir der in Blau-Weiß da drüben besser gefällt." In ganz jungen Jahren ist Bischoff mit einem kleinen Renault R4 gefahren, das ist schon mal interessant.

Nur: Wie passt so etwas zum Luxuswagen-Konzern Daimler? Na ja, meint der Aufsichtsratschef: Einerseits brauche man angesichts der immer strengeren Abgasnormen auch kleine, sparsame Fahrzeuge. Genauso wie man "intelligente Verkehrskonzepte" brauche. Mobilitätskonzepte? Dafür interessiert sich ein Manager, der dienstlich vor allem auf der A8 zwischen seinem Münchner Büro und der Konzernzentrale in Untertürkheim unterwegs ist, natürlich mit Chauffeur? Zur Antwort erzählt der freundliche Herr, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist, eine Anekdote.

Hersteller müssen an Lösungen für Mobilitätstechniken mitarbeiten

Vor einiger Zeit versammelten sich Aufsichtsräte zu einer Sitzung in Peking, oder vielmehr: Sie wollten sich treffen. Doch steckte die Truppe im Stau. Stundenlang, obwohl die Autobahnringe in Peking zehn Spuren oder sogar mehr haben. Zu Fuß haben sie schließlich die Straße überquert und die letzte Strecke zurückgelegt. Als man sich dann mit dem Bürgermeister zusammensetzte, antwortete der auf die Frage, was die größte Herausforderung für ihn sei: "Growth!" Wachstum! Immer mehr Menschen kommen in die Stadt, immer mehr mit eigenem Wagen. "Dieser Tag hat uns deutlich die Augen geöffnet", sagt Bischof: "Auch wir als führender Hersteller in Mobilitätstechniken müssen an Lösungen mitarbeiten, gerade um den Verkehr in Großstädten in den Griff zu bekommen."

Es ist im Nachhinein schwer zu sagen, wann es genau passierte, aber irgendwann stellte sich Daimler-Chef Dieter Zetsche vor seine Leute und sagte zum ersten Mal, dass sich die Dinge grundlegend ändern würden. Dass der Konzern dabei sei, sich von einem Automobilhersteller zu einem Mobilitätsdienstleister zu wandeln. Ein starker Satz, denn es ist noch gar nicht so lange her, da feierte man in Stuttgart ein Jubiläum zur Erfindung des Autos samt den Urahnen Gottlieb Daimler und Carl Benz. Und jetzt das: Mobilitätsdienstleister.

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Hauptsache, man hat etwas im Angebot

Es gab damals den einen oder anderen Manager bei der Konkurrenz, der sich darüber amüsierte. Heute amüsiert sich keiner mehr. Denn in den Vorstandsetagen hat sich herumgesprochen: Zumindest in Europa werden weniger Autos verkauft, weil junge Menschen auf andere Dinge Wert legen. Da aber auch die nicht den ganzen Tag auf dem Sofa hocken, sondern mobil sein wollen, muss man sie abholen. Wenn nicht mit dem Privatwagen, dann eben anders - mit Mietwagen, mit Carsharing-Angeboten, egal. Hauptsache, man hat etwas im Angebot.

In Ulm fing es an, Ende März 2009. Dort ging der Autobauer mit dem Stern mit seinem hauseigenen Carsharing-Dienst Car2go an den Start. Der Startschuss für das zweite Leben eines Autokonzerns als Mobilitätsdienstleister.

Drehkreuze der neuen Mobilität sind Smartphone-Apps, über die Kunden ihre Autos mieten, buchen, teilen. Zum Beispiel die Daimler-Plattform Moovel: Das Angebot empfiehlt dem Handy-Nutzer die beste Kombination aus allem. Carsharing, Elektrofahrrad, Bus, Bahn, Mitfahrgelegenheit und - ja, auch das - zehn Minuten Fußmarsch. Abgerechnet wird einmal, und zwar zentral, das Zauberwort heißt: intermodale Mobilität. Was bedeutet: Eine Reise muss nicht nur aus einer Zugfahrt oder einer Autofahrt bestehen - man kann sie auch aus verschiedenen Modulen kombinieren. Schnell, umweltfreundlich, günstig, vernetzt. Das ist insofern interessant, als dass in einem Autokonzern traditionsgemäß Autos das Maß aller Dinge sind. Jetzt ist es nur noch ein Ding unter vielen. Die neuen Rivalen sind nicht mehr die angestammten Wettbewerber aus dem Auto-Fach, sondern neue Dienstleister wie die Billigtaxi-Vermittlung Uber.

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