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Cadillac Catera:Ein schwieriger Spagat

Die GM-Tochter will jüngeres Käuferpotential gewinnen

(SZ vom 15.02.1997) Seit Jahrzehnten steht die Marke Cadillac in den USA für Gediegenheit und Komfort in Luxusautomobilen, aber auch für Betulichkeit und die konservative Gesinnung seiner Fahrer. Das soll sich nun ändern. Jüngere Menschen sollen sich von Cadillac angezogen fühlen. Jene, die von einem Auto Fahrspaß verlangen, technische Raffinesse und einen akzeptablen Preis.

Dazu hätte man für einige Milliarden Mark ein völlig neues Modell entwickeln können. Wesentlich preiswerter dagegen ist der Griff in die überseeischen Regale des GM-Konzerns, um sich dort zu bedienen, wo die Freude am Fahren traditionell und gezielter in die Modellphilosophie eingewoben wird. Nicht bei der europäischen Tochter Saab, sondern bei Opel wurde man fündig und wählte den Omega aus. Er soll als Einstiegsmodell der Marke Cadillac das angegraute Image kolorieren.

In stilistischen Details verändert, baut Opel nun neben dem Omega für Deutschland und die internationalen Märkte auch den für Amerika bestimmten kleinen Cadillac, den Catera. Seit Anfang Juni schon läuft der Catera von Rüsselsheimer Bändern und gegenwärtig auf die Straßen der neuen Welt. Er soll sich neben den Erfolgsmodellen BMW 328, Mercedes-Benz C 280 und Lexus ES 300 mit einem Absatzvolumen von jährlich 30 000 Einheiten einen festen Platz am Markt sichern. GM spricht vom Segment der amerikanischen Mittelklasse-Pkw in der Preisklasse zwischen 29 000 und 40 000 US-Dollar. Der voll ausgestattete Dreiliter-Catera liegt in den Staaten bei 30 500 US-Dollar oder rund 46 000 Mark. Später könnte der Cadillac Catera auch in andere Märkte fließen, wohlgemerkt ergänzend zum anders positionierten Opel Omega.

Als prägnantes Aushängeschild seiner Markenidentität streckt der Cadillac Catera selbstbewußt einen üppig verchromten Kühlergrill in den Wind. Alle anderen Änderungen sind kaum sichtbar und folgen im wesentlichen gesetzlichen Vorschriften, die in den USA anders gefaßt werden als bei uns. Neben obligatorischen Dosenhaltern, hier in der sogenannten high-tech fold-out-Version zwischen den Vordersitzen, ist es insbesondere das Board-Diagnose-System, das der US-Gesetzgeber vorschreibt. Auch die Stoßfänger sind überarbeitet: Sie müssen einen Aufprall bis zu fünf Meilen pro Stunde (mph) ohne bleibende Verformung überstehen.

Im Interieur gehört die Zwei-Sektoren-Klimaanlage ebenso zum Cadillac-Standard wie das klimatisierte Handschuhfach, das Cassettenradio mit acht Bose-Lautsprechern. Optional steht ein 12-CD-Wechsler zur Verfügung sowie eine Lederausstattung einschließlich beheizter Front- und Fondsitze.

Selbstverständlich für amerikanische Kunden des Catera sind neben Tempomat und allerlei elektrischen Helfern zum Einstellen und Beheizen von Spiegeln und Waschdüsen auch ein elektrochromatischer Innenspiegel und Holzapplikationen. Aber auch ABS, (abschaltbare) Traktionskontrolle und das typische Sicherheitspaket mit zwei Airbags und Gurtstraffer vorn sowie Seitenaufprallschutz in den Türen sind serienmäßig. Seit Anfang 1997 ist auch der von Saab und Opel entwickelte Seitenairbag verfügbar. Er ruht in der Rückenlehne der Frontsitze und nicht - wie in anderen Cadillac-Modellen amerikanischer Herkunft - in der Türverkleidung.

Gezielt weisen 760 amerikanische Cadillac-Händler darauf hin, daß der Cateras eine gelungene Kombination aus amerikanischem Luxus und europäischer Fahrdynamik biete. So leistet der bekannte Omega-Mv6-Motor mit drei Liter Hubraum und 24 Ventilen im Catera 149 kW (200 PS) bei 6000/min. Akustisch eifert er dem Omega nach und verleiht dem Amerikaner mit deutschem Herzen ein annähernd gleiches Temperament. Allerdings riegelt die Motorelektronik bei 125 mph ab: Der Catera fährt nicht schneller als etwa 200 km/h.

Ein erster Fahreindruck auf amerikanischen Straßen bestätigt: Der Catera ist der handlichste Cadillac, den es gibt. Als Hecktriebler ist er frei von Antriebseinflüssen und läßt sich über die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung präzise führen. Außerdem überrascht er durch einen vergleichsweise hohen Abrollkomfort. Dafür dürften neben seinen geringfügig veränderten Feder-Dämpferraten insbesondere die komfortablen 225/55 R 16 Goodyear-Allwetterreifen Eagle RS-A verantwortlich zeichnen, die keine hohen Autobahngeschwindigkeiten auszuhalten haben und deshalb mit einer weicheren Gummimischung auskommen.

Nervöses Hin- und Herschalten

Im Catera arbeitet die elektronisch gesteuerte Viergangautomatik des Omega. Auch sie verfügt über drei Programme, allerdings mit modifizierten Schaltkennlinien. Ein Beispiel: Da schaltet der Catera an langen Steigungen bei abfallender Drehzahl recht früh zurück, aber schon wenige hundert Touren darüber beim Zurücknehmen des Gasfußes wieder hoch, um einige Sekunden später erneut zurückzuschalten. Die durch nervöses Hin- undHerschalten verbreitete Hektik kann nur geglättet werden, wenn man den Wahlhebel in der Mittelkonsole auf 3 schiebt, um ein Hochschalten in den vierten Gang zu verhindern.

Insgesamt gesehen versucht Cadillac mit dem Catera einen schwierigen Spagat: Einerseits bietet man allen Kunden, die mit kompakten Limousinen à la BMW 3er-Reihe und der Mercedes-C-Klasse liebäugeln, eine preiswerte Alternative. Andererseits versucht man deren schlichte Ästhetik als Luxus zu verkaufen, was bisher ganz und gar nicht Cadillac-typisch war. Bekanntlich lieben die amerikanischen Kunden am Luxus auch dessen öffentliche Darstellungsform. Ganz neu indes ist die Idee nicht, einen Mittelklasse-Opel leicht zu modifizieren und dann zum Top-Modell zu erklären, wie das Beispiel Opel Senator zeigt. Ob Opel diesmal mehr Erfolg hat, wissen wir frühestens Ende 1997. Erst dann steht fest, ob wie geplant 30 000 Cadillac Catera abgesetzt werden konnten.

Von Jürgen Zöllter