bedeckt München 20°

Bugatti Chiron im Fahrbericht:Wie es sich anfühlt, wenn 1500 PS beschleunigen

Der neue Bugatti Chiron.

Wer den Bugatti Chiron ausfahren möchte, sollte das am besten auf abgesperrten Highspeed-Ovalen tun - wenn überhaupt.

(Foto: Bugatti Automobiles S.A.S.)

Der Bugatti Chiron fährt maximal 420 km/h und kostet fast drei Millionen Euro. Eine Fahrt in einem Auto, das mit nichts vergleichbar ist - und noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

In der Morgensonne von Lissabon räkelt sich ein frisch gewienertes Nobel-Coupé: über zwei Meter breit, fast so flach wie ein Formel-1-Rennwagen, der mittig eingebaute 16-Zylinder-Motor eine nur notdürftig überdachte Skulptur, rote Rennbremsen hinter glanzschwarzen Rädern, die von Luftauslässen perforierte Heckpartie umhüllt von dunkelgrauem Sichtkarbon.

Stimmt, andere Hyper-Sportwagen sehen noch verrückter, noch verruchter aus. Vor der portugiesischen Idylle sieht der Bugatti Chiron trotzdem aus, als sei er nicht von dieser Welt. Er posiert im körpernah geschnittenen Maßanzug mit emailliertem Einstecktuch im Hufeisengrill und einer Luftbremse, die - wenn es drauf ankommt - mit Verve in die Vertikale schnellt und dort verharrt wie ein aufgestellter Mantelkragen aus Kohlefaser. Als Hommage an die früheren Kreationen des Ettore Bugatti haben die Designer dem Gran Tourisme einen markanten Mittelscheitel gezogen, der als sorgfältig modellierte Stehnaht die Wagenhälften eint.

Porsche 911 GT3 RS Ein Schönwetterauto, das Charakter verlangt
Porsche 911 GT3 RS im Test

Ein Schönwetterauto, das Charakter verlangt

Der Porsche 911 GT3 RS will auf die Rennstrecke und gehört dort auch hin. Trotzdem ist er für öffentliche Straßen zugelassen - vom Fahrer fordert er vor allem Selbstdisziplin.   Test von Thomas Harloff

Das dritte Leben der Marke Bugatti verdanken wir Ferdinand Piëch. Der ehemalige Konzernchef hat sich mit dem Vorgänger, dem Veyron, einen Traum erfüllt, der jetzt im Chiron weiterlebt, geschaffen nach des Meisters rigorosen Vorgaben: superschmale Fugen, millimetergenaue Passungen, beste Materialien, höchste Qualität. Und, natürlich, Leistung satt. Acht Liter Hubraum, 16 Zylinder und insgesamt vier Turbolader schaffen mit 1500 PS und maximal 1600 Newtonmetern einen neuen Superlativ, der bisher mit Leichtflugzeugen und Motoryachten assoziiert wurde.

Mit seinem Allradantrieb kann der Chiron in weniger als 2,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h beschleunigen. Nach nur 6,5 Sekunden passiert er die 200er-Marke. Etwa sieben Sekunden später ist dieses Auto 300 km/h schnell. Wo einem Porsche 911 GT3 oder einem Lamborghini Aventador die Luft ausgeht, atmet der Chiron noch zwei- oder dreimal durch. Bis Tempo 380 funktioniert das im Autobahn-Modus, doch für die letzten 40 km/h bis zur Höchstgeschwindigkeit von 420 km/h muss das Gerät mit einem speziellen Schlüssel scharf gestellt werden. Jetzt schmiegt sich der Wagen noch näher an den Asphalt, macht sich der Heckflügel besonders klein, legt dieser Tempo-Weltrekordler bildlich gesprochen die Ohren an.

Die Tachoskala reicht bis 500 km/h

Aber soweit ist es noch nicht. Während Andy Wallace, der drahtige Le Mans-Sieger von 1988, das Auto mit leichter Hand durch den Sonntagmorgenverkehr steuert, kann der Beifahrer den Innenraum in Augenschein nehmen. Es gibt mehr Platz als im Veyron, das Interieur ist noch edler, die schmale Mittelkonsole klettert vom Automatik-Wählhebel über vier mehrfach belegbare Drehregler hoch zur Instrumententafel. In den Anzeigen findet sich jetzt ein Display, das jedem halbwegs ängstlichen Passagier den Schneid abkauft. Der Digital-Ticker wird später an diesem Tag eine Höchstgeschwindigkeit von 362 km/h, eine abgerufene Leistung von 1502 PS und eine maximale Querbeschleunigung auf Rennwagen-Niveau registrieren.

Über das Lenkrad werden unter anderem der Startknopf für den Motor und der Fahrmodi-Wählschalter betätigt. Es gibt vier Positionen: EB (Normalstellung), Autobahn (abgesenkter Aufbau, mehr Anpressdruck), Handling (inklusive Drift-Funktion) und Lift (entschärft Bordsteine und Temposchwellen). Zeit für einen Fahrerwechsel.

Das Aus- und Einsteigen will geübt sein, und mit dem vorwitzig in die Pedalhöhle ragenden Radkasten muss sich der von nun an arbeitslose linke Fuß erst einmal arrangieren. Die schlankeren A-Säulen verbessern zwar in Vergleich zum Veyron die Sicht nach vorne, doch nach schräg hinten fängt wie bisher ein toter Winkel die Blicke. Das Lenkrad will Taste für Taste haptisch erkundet werden, die Skala des Analogtachos reicht bis 500 km/h, die kleinen Bildschirme links und rechts verglühen bei hohem Tempo zu Makulatur. Warum gibt es weder ein Head-Up-Display noch nennenswerte Assistenzsysteme? "Weil der Chiron eine puristische Fahrmaschine ist, die volle Konzentration erfordert und verdient", antwortet Wolfgang Dürheimer, der innerhalb des VW-Konzerns neben Bentley auch für die Marke Bugatti verantwortlich ist.