Süddeutsche Zeitung

Nahverkehr:Der nächste Bus fällt aus

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Ehrenamtlich betriebene Bürgerbusse sollen die Lücken im öffentlichen Nahverkehr schließen - doch viele Vereine haben Probleme. Wie die Fahrgäste darunter leiden.

Von Joachim Göres

Sie werden von ehrenamtlich tätigen Fahrerinnen und Fahrern gelenkt und verkehren meist dort, wo kein regulärer Linienbus unterwegs ist. Und sie bieten in der Regel bis zu neun Menschen Platz, die oft für ein bis zwei Euro pro Fahrt mitgenommen werden. Die Rede ist von Bürgerbussen, die vor allem in vielen ländlichen Regionen verbreitet sind. Und die derzeit massive Probleme haben.

In Plettenberg im Sauerland zum Beispiel hat der Bürgerbus mangels Nachfrage vor einiger Zeit seinen Betrieb einstellen müssen. In Witzhelden im Rheinland wiederum setzt der Bürgerbus vorübergehend aus, weil sich so viele ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer krank gemeldet haben. In Wietze und Bergen am Rande der Lüneburger Heide haben die Bürgerbusvereine nicht nur wegen eines zu geringen Zuspruchs seitens der Fahrgäste aufgeben müssen, weitere Probleme waren fehlende Fahrerinnen und Fahrer, die steigenden Sprit- und Energiekosten sowie vorübergehende Einnahmeausfälle aus dem Neun-Euro-Ticket.

Ehrenamtlich hinterm Steuer

Die Corona-Pandemie hat die Situation vielerorts zusätzlich verschärft. So verkehrt in den Ortschaften Haßmersheim und Hüffenhardt im Neckartal der Bürgerbus wegen Personalmangels nur noch an drei und nicht wie bisher an sechs Tagen die Woche. Die Menschen hinter dem Lenkrad sind meistens Rentnerinnen und Rentner, die in der Pandemie mitunter vorsichtiger waren und lieber mal nicht zum Dienst antraten. Aus gesundheitlichen Gründen müssen sie ohnehin irgendwann im Laufe der Zeit ihren Dienst aufgeben.

"Es liegt dann an den Vorsitzenden der Vereine, ob man Nachwuchs findet", sagt Rolf Peuster, Geschäftsführer des Vereins Pro Bürgerbus NRW. Und auch die Region spiele dabei eine Rolle: "Im Münsterland brennen viele für das Ehrenamt, im Rheinland ist es dagegen schwieriger, Frauen und Männer zu finden, die sich für das Gemeinwohl engagieren", sagt Peuster. Das Hauptproblem ist in seinen Augen aber ein anderes: "Wir befördern vor allem Witwen, die keinen Führerschein haben und die sich unterwegs auf dem Weg zum Arzt oder zur Apotheke über einen Plausch freuen. Und die sterben uns weg. Bei uns in Wipperfürth sind innerhalb von einem Jahr 20 Mitfahrerinnen gestorben."

Ganz schwarz malen will Peuster aber nicht. Es gebe immer noch Neugründungen von Bürgerbusvereinen. Die während der Corona-Pandemie teils rapide gesunkenen Fahrgastzahlen seien zuletzt wieder etwas angestiegen. Doch nach wie vor machten die steigenden Spritpreise vielen Vereinen zu schaffen, wenngleich einige durch die Einnahmen aus Werbung auf den Bussen über die Runden kämen. Zudem gebe es auch Kommunen, die die Betriebskosten der Bürgerbusse voll übernehmen. Das Neun-Euro-Ticket, das auch in vielen Bürgerbussen gültig war, hatte zunächst zu Einnahmeausfällen geführt - das Land Nordrhein-Westfalen immerhin möchte laut Peuster im kommenden Jahr vielen Bürgerbusbetreibern diese Mindereinnahmen erstatten.

Kommunen in der Pflicht

Dennoch beobachtet Bastian Kettner, Experte für den öffentlichen Nahverkehr beim ökologisch ausgerichteten Verkehrsclub Deutschland (VCD), einen Rückgang beim Angebot von Bürgerbussen. Aus seiner Sicht sind nun die Kommunen in der Pflicht, wenn es darum geht, Lücken im öffentlichen Nahverkehr zu schließen. Als beispielhaft bezeichnet er das Modell "Elli" in der Müritz-Region in Deutschlands Nordosten. Dort können Einwohner abgelegener Dörfer beim Bürgerbusverein anrufen, der die Menschen dann mit Pkws oder Kleinbussen abholt und zu den Haltestellen der regulären Busse der Mecklenburgisch-Vorpommerschen-Verkehrsgesellschaft bringt. Der Clou dabei: Weil diese Fahrten kostenlos angeboten werden, müssen die ehrenamtlichen Fahrer keinen Personenbeförderungsschein nachweisen, wie es ansonsten bei Bürgerbussen üblich ist. Das erleichtert die Suche nach ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern.

Auch die Betriebskosten werden in der Müritz aus öffentlichen Mitteln finanziert. Im Saarland und in Hessen sind Bürgerbusse ebenfalls kostenlos unterwegs, was den Personenbeförderungsschein überflüssig und das Angebot für die Nutzerinnen und Nutzer attraktiver macht. Aber auch dort hängt es von den Gemeinden ab, ob sie die Kosten für den Betrieb der Kleinbusse übernehmen möchten.

Im Landkreis Bayreuth, wo seit mehr als 30 Jahren Bürgerbusse unterwegs sind, wurde im vergangenen Jahr das Angebot sogar deutlich ausgebaut und dafür kräftig für diese Form der Mobilität geworben. Das Motto lautete: "Neues Busdesign, mehr Fahrten und mehr Ehrenamtliche". Letztere sollten unter anderem damit gelockt werden, dass sie nun eine Aufwandsentschädigung erhalten sowie Ermäßigungen bei zahlreichen Partnerfirmen und -einrichtungen nutzen können. Ein Konzept, das bislang aber nur zum Teil aufgeht: Im Oktober herrschte auf der Route Ahorntal und Waischenfeld mittwochs wegen Fahrermangels Ruhetag, auf der Route Pottenstein wird aus diesem Grund montags und mittwochs kein Verkehr angeboten. Am Wochenende fährt ohnehin kein Bürgerbus.

Viele alte Fahrzeuge müssen ersetzt werden

Und Bürgerbus-Fachmann Peuster sieht weitere Probleme auf die Vereine zukommen: In Nordrhein-Westfalen, wo es seit mehr als 20 Jahren Bürgerbusse gibt und wo derzeit knapp 150 Vereine existieren, müssen in den kommenden Jahren viele Fahrzeuge ersetzt werden. Dabei stellt sich die Frage, wie lange die Vereine noch auf Verbrennermodelle setzen können oder wollen. Laut Peuster gibt es in Deutschland derzeit nur einen Hersteller von Elektrofahrzeugen, die sich für den Bürgerbus-Betrieb eignen. Und die kosten etwa 150 000 Euro das Stück; hinzu kommen Investitionen von etwa 30 000 Euro für eine Ladestation. Alles in allem ergeben sich so Summen, die deutlich über der Förderung für eine Neuanschaffung durch das Land Nordrhein-Westfalen liegen. Zudem seien diese Busse - bislang jedenfalls - störanfälliger als viele Verbrenner.

Auch im Isenhagener Land im östlichen Niedersachsen hat in diesem Jahr der örtliche Bürgerbus seinen Betrieb einstellen müssen. Allerdings nicht, weil nicht genügend Fahrpersonal zur Verfügung stand oder die Spritpreise für die Vereine unbezahlbar geworden sind. Schuld war vielmehr ein Grund, der dem VCD-Experten Kettner gefallen dürfte: Der kommunale Busbetreiber Verkehrsgesellschaft Landkreis Gifhorn hat sein reguläres Linienangebot deutlich ausgebaut, sodass der Bürgerbus in seiner bisherigen Form als eine Art ehrenamtlich betriebener Lückenfüller überflüssig wurde. Die Aktiven des Vereins machen dennoch weiter, nur in anderer Form: Sie bieten ihre Fahrten nun ausschließlich Senioren, Behinderten und Bedürftigen an - wenn sie Mitglied im Bürgerbus-Verein sind.

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