Brennerautobahn:Einmal am Tag werden 350 Kilogramm Sprengstoff gezündet

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Marco Fornari holt sich erst einmal Gummistiefel, Staubmaske und Ohrenstöpsel, bevor er in seinen Geländewagen steigt und in den Tunnel von Mauls hineinfährt. Von außen ist nur ein kleines Loch in der Felswand neben der Autobahn zu sehen, 15 Kilometer nördlich der Stadt Brixen. Ein paar Kieshaufen, Container, Baumaschinen, das ist alles. Nichts deutet darauf hin, dass hier an einem der größten und teuersten Verkehrsprojekte gearbeitet wird, das es jemals gegeben hat.

Neonröhren beleuchten die abschüssige Holperstrecke im Tunnel. Es ist warm hier und stickig. Ein Nebel aus Wasserdampf und Staub trübt die Sicht. Schwere Lastwagen kommen entgegen. Je tiefer es in den Berg hineingeht, umso lauter wird das Donnern. Nach 1600 Meter hält Fornari den Wagen an. Der Tunnelkopf ist erreicht. Ein Bagger steht vor der Felswand und meißelt Gestein heraus. Der Berg zittert, wenn die tonnenschweren Brocken herabfallen. Arbeiter spritzen Wasser auf die Trümmer. Einmal am Tag rückt die Bohrmaschine an und treibt Löcher in den Granit. Spezialisten füllen sie mit 350 Kilogramm Sprengstoff, der Tunnel wird geräumt. Zündung. Danach ist wieder der Bagger mit dem Meißel dran.

Auf diese Weise hämmern und sprengen sich Fornaris Männer jeden Tag vier bis fünf Meter weiter in die Südtiroler Berge hinein. Fornari hat schon in etlichen Ländern Tunnels gebaut, auch an der Nürnberger U-Bahn war er beteiligt. Aber ein Projekt von diesem Ausmaß ist selbst für ihn als leitenden Ingenieur neu. Nur noch einige Dutzend Meter trennen die Tunnelbauer von ihrem ersten Etappenziel: Dann wird von Süden her eine kreisrunde Tunnelbohrmaschine, die im Fachjargon nur TBM heißt, in den Felsstollen von Mauls stoßen. Diese TBM fräst sich seit einem Jahr von der Ortschaft Aicha her zehn Kilometer weit durch das Granitgestein. Am Kreuzungspunkt der beiden Tunnels wird Fornari mit seinem Team eine unterirdische Kaverne heraussprengen. Von hier aus soll es dann im Jahr 2012 erst richtig losgehen mit dem Bau des Brenner-Basistunnels, des längsten Bahntunnels der Welt. Die Befürworter halten ihn für die Lösung aller Verkehrsprobleme; die Gegner sehen darin nur die größte Geldverschwendung aller Zeiten.

Noch ist er nichts weiter als eine dünne gelbe Linie auf der Satellitenkarte zwischen Franzensfeste in Südtirol und Innsbruck. Konrad Bergmeister fährt mit dem Finger auf der Trasse entlang: Einschließlich der Umfahrung von Innsbruck, rechnet er vor, seien es 62 Kilometer. "Das Projekt ist machbar", sagt er. Bergmeister wirkt müde und gestresst an diesem Tag. Als Chef der Brenner-Basistunnel-Gesellschaft lastet die Verantwortung für das acht Milliarden Euro teure Projekt auf seinen Schultern. Jahrelang hat er mit den Anwohnern der Trasse diskutiert, um ihnen die Angst vor dem Tunnel zu nehmen. Die Zeit drängt. Schon jetzt ist Bergmeister gegenüber den Planungen vier Monate im Rückstand. Im Oktober, hofft er, kann endlich auch auf der österreichischen Seite der Erkundungsstollen angebohrt werden.

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