BMW K 1200 RS Ein ziemlich dynamischer Brocken

Eine Kombination aus Fahrfreude, Komfort und Sicherheit, die zudem noch umweltverträglich ist

(SZ vom 29.03.1997) Man schrieb das Jahr 1983, als BMW mit der K 100 RS erstmals ein Motorrad mit wassergekühltem Vierzylindermotor und einer Leistung von 66 kW (90 PS) präsentierte. Das als sogenannter Tourensportler plazierte Modell setzte mit der hinteren Einarmschwinge (Monolever), der ausgeklügelten Verkleidung und dem für BMW-Verhältnisse bärenstarken Motor mit Benzineinspritzung neue Maßstäbe. 14 Jahre später und nach diversen Evolutionsstufen, in denen Hubraum und Leistung gewachsen, sowie technische Features wie das ABS und die Kat-Technik dazugekommen waren, ist jetzt mit der K 1200 RS die erste Version der erneuerten K-Reihe da - und genau wie 1983 setzt die 1200er auch diesmal wieder Maßstäbe in punkto Leistung, Fahrverhalten, Sicherheit und Umweltaspekten.

Fangen wir beim Herzstück, dem Motor an: Der bislang größte aller BMW-Motorradmotoren weist einen Hubraum von 1171 Kubikzentimetern auf; dank Vierventiltechnik und Staudruckaufladung - bei anderen Herstellern wird das Ram Air-System genannt - gibt der Vierzylinder nominell 72 kW (98 PS) bei nur 7000 Umdrehungen ab und bringt ein Drehmoment von 118 Nm bei 5500/min an die Kurbelwelle. In der Praxis zeigt sich, daß das im Ausland auch mit 96 kW (130 PS) lieferbare Triebwerk reichlich Leistung bietet: Das Motorrad beschleunigt schon bei Halbgas beeindruckend. Von Null bis Tempo 200 vergehen gerade 16 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei etwa 230 km/h - angesichts des mächtigen Gewichts von 290 Kilogramm erscheint die K 1200 RS als unglaublich dynamisches Gefährt.

Doch dieses Motorrad ist nicht nur auf der Geraden schnell: Das exzellent abgestimmte Fahrwerk mit Alu-Gußrahmen, der aus den Vierventil-Boxermodellen bereits bekannten Telelever-Vorderradführung, der hocheffizienten Dreischeiben-Bremsanlage - natürlich mit ABS - läßt einen beim Fahren völlig vergessen, was für ein großes Motorrad hier unterwegs ist. Ob kurvige Bergstraße, gut ausgebaute Bundesstraße oder wellige Autobahn-Abschnitte: Die K 1200 RS bietet Temperament und Fahrfreude, wie es in dieser Kombination aus Komfort und Sicherheit bei BMW noch niemals zuvor möglich war.

Neue Tugenden

Freude beim Fahren kommt aber auch wegen einiger Details auf, für die BMW bislang eher nicht bekannt war: So überzeugt das neue Sechsganggetriebe durch Präzision und kurze Schaltwege. Die schwingungsentkoppelte Lagerung des Motors in Silentblöcken wirkt sich angenehm aus; die übrigbleibenden Vibrationen stören überhaupt nicht mehr. Die auf 50 Grad erhöhte Schräglagenfreiheit verhilft in Verbindung mit den vorzüglich haftenden Radialreifen zu zusätzlicher Agilität und Sicherheit.

Positive, aber zumindest bei BMW nicht ungewohnte Aspekte betreffen die Umweltverträglichkeit: Dazu gehört der - in Leistungs- und Geschwindigkeitsrelation - angemessende Benzinverbrauch von durchschnittlich 6,9 Litern über eine Distanz von 4300 Kilometern wie auch die Kat-Technologie. Für die RS verwendet BMW neue Dreiwege-Metall-Katalysatoren, die in doppelter Ausfertigung eingesetzt werden. Einzigartig ist die elektronisch gesteuerte Kaltstartautomatik, die den Chokehebel überflüssig macht sowie die Anschlußmöglichkeit für den mobilen Diagnose Computer.

Mit Zielflaggen-Dekor

Doch zur Freude am Fahren gehört mehr als Top-Technik, hier zählt auch das Design: Und die 1200er sieht - nicht nur mit dem wahlweisen Zielflaggen-Dekor - so dynamisch aus, wie sie sich fährt. Zum Glück hat BMW dabei die funktionellen Aspekte nicht vernachlässigt: So bietet der neuartige Tandem-Scheinwerfer eine deutlich verbesserte Lichtausbeute, die häufig kritisierten Lenkerarmaturen sind jetzt logischer bedienbar, zudem sind Sitzbank, Kupplungs-, Brems- und Schalthebel, Lenker, Windschild, Sitzbank und auch die Fußrasten individuell und leicht verstellbar. Und mit der sportlichsten aller bei BMW jemals angebotenen Sitzpositionen kann man sich auch immer besser anfreunden. Wünschenswert wäre auch eine höhere Reichweite durch einen größeren Tank.

Unter dem Strich bleibt nichts anderes übrig, als BMW für die K 1200 RS Anerkennung auszusprechen: Dieses Motorrad ist BMW wirklich geglückt. Und die Zeiten, in denen ein BMW-Kauf automatisch als Rückzug auf das Motorrad-Altenteil interpretiert wurde, sind weiter entfernt denn je. Angesichts dieser Dynamik bleibt fraglich, ob der 130 PS-Chip in der Praxis etwas bringt. Aus Händlerkreisen hört man jedoch, daß die Kunden das Power-Paket wünschen - frei nach dem Motto "Wenn BMW schon 130 PS entwickelt, dann wollen wir sie auch haben. "

Von Ulf Böhringer